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Jurastudium im Online-Modus

Jura und Corona. Eine Traumkombination ist das zwar nicht gerade, aber der Studienalltag gestaltet sich damit doch weniger problematisch als gedacht. Das hängt stark mit dem Charakter dieser Disziplin zusammen.

Justitia-Figur
iStockfoto / Montage pur.pur

»Wir haben im Vergleich zu anderen Fakultäten relativ wenig Problempotenzial«, sagt Professor Manfred Heinrich über die coronabedingten Besonderheiten an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, deren Geschicke er als Dekan lenkt. Was er damit meint: Im Fach Jura forscht niemand in Laboren, es gibt keine Exkursionen, und auch sonst sind Begegnungen von Mensch zu Mensch nicht unbedingt in größerem Ausmaß nötig. »Wir sind eine Buchwissenschaft im eigentlichen Sinne«, bringt es Heinrich auf den Punkt. Viel mehr als geschriebene Worte, die auf Papier oder am Bildschirm nachzulesen sind, braucht die Wissenschaft vom Recht eben einfach nicht. Außer der Fähigkeit zu denken, aber die befindet sich idealerweise ohnehin in jedem individuellen Kopf. »Natürlich lebt die Juristerei nicht zuletzt auch vom Diskurs, vom Austausch der Gedanken«, sagt Heinrich. Doch wenn es nicht anders gehe, könne man sich auch im virtuellen Raum treffen und dort miteinander juristische Fragestellungen diskutieren.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund hat das Dekanat der Fakultät im Wintersemester 2020/21 vom ersten Tag an auf digitale Lehre gesetzt. Für wenige Wochen wären zwar Präsenzformate möglich gewesen, doch darauf mochten sich die Verantwortlichen angesichts der schon im vergangenen Herbst unsicherer gewordenen Lage erst gar nicht einlassen. Was zwar keine unlösbaren Probleme verursachte, sehr wohl aber spürbare Umstellungen im Lehrbetrieb mit sich brachte und nicht zuletzt auch den Verzicht auf die eine oder andere liebgewonnene Tradition bedeutete. Mehr als 480 junge Leute hatten sich diesmal in Jura eingeschrieben, eine große Begrüßungsveranstaltung im Hörsaal gab es für sie aber entgegen den üblichen Gepflogenheiten nicht. »Das wären einfach zu viele Leute gewesen«, argumentiert der Dekan, für den es auch keine sinnvolle Alternative gewesen wäre, die Begrüßung in mehrere kleine Gruppen aufzuteilen.

Immerhin jedoch gelang es der Fakultät, eine virtuelle Erstsemesterbegrüßung auf die Beine zu stellen. Und der Fachschaft war es möglich, in den noch einigermaßen entspannten Wochen des Semesterauftakts die Neuen persönlich an die Hand zu nehmen, sodass es zum Start ins Studium zumindest teilweise menschelte. Wobei auf der anderen Seite die digitale Lehre gar nicht so seelenlos ist, wie manche meinen möchten. »Es entfalten sich Diskussionen von erstaunlicher Dynamik«, berichtet Professor Heinrich, dessen Kolleginnen und Kollegen besonders mit kleineren Lehrveranstaltungen mit bis zu 25 Teilnehmenden gute Erfahrungen gemacht haben. »Da sieht man mehr, als man sonst sehen kann«, verweist der Dekan auf die üblicherweise auf dem Monitor abgebildeten Kacheln mit den Köpfen der anwesenden Studierenden. Ist der eine am Einnicken, runzelt die andere ungläubig die Stirn oder will aus jemandem gerade der Widerspruch nur so herausplatzen, dann lassen sich solche Regungen seitens der Lehrenden am Bildschirm viel einfacher erkennen als in einem Saal.

Dennoch ist die Umstellung beispielsweise auf digitale Vorlesungen zuweilen auch mit Mühe verbunden. Manfred Heinrich kennt das aus eigener Erfahrung, als er im vergangenen Sommersemester seine Beiträge vorab aufzeichnete, um in aller Ruhe möglichst perfekte Ergebnisse zu erzielen. Am Ende feilte der Professor freilich so filigran, dass der zeitliche Aufwand kaum mehr in einem vernünftigen Verhältnis zu den erkennbaren Verbesserungen stand. Seit Herbst macht es Heinrich deshalb anders und tritt im Livestream auf, der allerdings aufgezeichnet wird, damit ihn sich verhinderte Interessierte nachträglich zu Gemüte führen können.

Bemerkenswert ist dabei, dass Online-Vorlesungen schon in Echtzeit mitunter mehr Interesse wecken als die Originale im Hörsaal. Bei seiner Einführung in die Kriminologie erreichte Manfred Heinrich im Wintersemester zunächst bis zu 450 Hörende, im weiteren Verlauf dann immer noch beständig um die 300 bis 350. »Im Hörsaal wäre das viel stärker abgebröckelt«, bekennt der Jurist, der sich das damit erklärt, dass Online-Lehre weder Anfahrtswege noch Styling erfordert und außerdem im Zweifel mal auch eher so nebenbei genossen werden kann.

Ein Problem kann sich jedoch aus dem Medium an sich ergeben. Private Aufzeichnungen von Vorlesungen oder Seminaren sind zwar nicht erlaubt, faktisch aber auch nicht zu verhindern. Landet dann ein womöglich etwas zu flapsiger Spruch im Internet und erlebt dort Wellen der Skandalisierung, kann es sehr ungemütlich werden. Für etablierte Professorinnen und Professoren ist das aus Heinrichs Sicht eher nicht das ganz große Problem, wohl aber unter Umständen für die jüngeren Lehrkräfte: »Die sind dann vielleicht extrem vorsichtig, um ja nichts Falsches zu sagen, und brocken sich dann womöglich den Ruf ein, öde und langweilig zu sein.«

Weniger Stirnrunzeln, als vielleicht zu vermuten wäre, macht sich in der Juristischen Fakultät unterdessen beim Thema Online-Prüfungen breit. »Natürlich ist das auch für uns ein Thema«, räumt der Dekan ein, die Schummel-Gefahr betrachtet er aber als eher gering, »weil es in Jura ohnehin keine reinen Wissensabfragen gibt, sondern Fallklausuren«. Vom ersten Semester an geht es also darum, exemplarische Rechtsfälle in vorgegebener Zeit zu diskutieren und zu lösen. Gesetzbücher dürfen dazu schon immer genutzt werden, der klausurbegleitende Blick ins Lehrbuch macht aus Heinrichs Sicht aber wenig Sinn, weil das verbotene Nachblättern wegen der Individualität der Fälle viel zu zeitaufwendig wäre. Trotz aller Kontrolle schwer zu verhindern wäre aber, dass eine ganz andere Person an einer Online-Prüfung teilnimmt. Das Problem bestünde an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät aber ohnehin nur für Zwischen-, nicht jedoch für Abschlussprüfungen. Die letztlich entscheidenden Klausuren zum Staatsexamen werden vom Landesjustizprüfungsamt am Oberlandesgericht Schleswig organisiert und erfordern – wenn auch unter strikten Hygieneregeln – nach wie vor persönliche Anwesenheit.

Autor: Martin Geist

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