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Kliniken auf Wanderschaft

Erst im August hat das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) auf dem Campus Kiel wichtige zentrale Neubauten eingeweiht. Bei aller baulichen wie technischen Modernität knüpft es damit zugleich an eine lange Geschichte an, die eng mit der Uni Kiel verbunden ist.

Historisches Foto vom Hauptgebäude der Akademischen Heilanstalten
gemeinfrei, Kieler Stadtarchiv: Braune, Friedrich (1815-1889)
Das Pockenhaus um 1900 in Kiel
© UKSH, Historische Fotografien
Akademische Heilanstalten an der Hegewischstraße um 1905
gemeinfrei, Kieler Stadtarchiv: Edlefsen, Hermann (1877-1914)

Es ist die Geschichte des „Akademischen Krankenhauses in der Vorstadt", das 1802 als erste Klinik der Universität gegründet wurde, mithin erst 150 Jahre nachdem die Medizinische Fakultät als solche aus der Taufe gehoben wurde. Es ist zugleich die Geschichte von einer langen Wanderschaft – und erst einmal von einem Spätstart. Als klassisches Studienfach gehörte die Medizin zwar von Anfang an zur 1665 gegründeten Christian-Albrechts-Universität, doch ärztliche Ausbildung am Krankenbett war in der deutschen Hochschullandschaft bis dicht ans 19. Jahrhundert heran unbekannt. Dank einer privaten Initiative von Georg-Heinrich Weber (1752–1828) begann sich das in Kiel zu ändern. 1788 kaufte Weber mit Spendengeldern einen Hof in der Prüne und baute ihn in ein Privatkrankenhaus um. Als segensreich erwies sich das in mehrfacher Hinsicht. Studenten der Medizinischen Fakultät behandelten die Armen der Stadt unentgeltlich, sodass nicht nur ein wichtiger sozialer Fortschritt erreicht war, sondern auch ein fachlicher, weil die Ausbildung endlich auch in den Krankenzimmern stattfand.

„Allein schon diese räumliche Geschichte des Universitätsklinikums ist höchst interessant“, sagt Professor Michael Illert (77), bis zu seiner Emeritierung Direktor des Physiologischen Instituts der Uni Kiel. Gemeinsam mit Professor Bernhard Tillmann (80), dem ehemaligen Direktor des Anatomischen Instituts, sowie dem Medizinhistoriker Professor Christian Andree, dem Leiter der Medizinhistorischen Forschungsstelle, hat sich Illert ausgiebig mit den „Wanderjahren“ des Klinikums beschäftigt. Und dabei trotz aller persönlicher Erfahrung jede Menge Neues gelernt, wie er betont.

Die drei Wissenschaftler entschieden sich, im Nachgang zu der Ausstellung über die Kieler Universitätsmedizin anlässlich des 350. Universitätsjubiläums im Jahr 2015 einen inhaltlich noch einmal deutlich erweiterten Katalog herauszubringen und darin nicht zuletzt diese räumliche Wanderschaft zu dokumentieren.

Die Christian-Albrechts-Universität, die ihren ersten Sitz mitten in der Stadt hinter dem Markt hatte und 1768 einen Neubau am Schloss errichtete, übernahm im Jahr 1802 die Webersche Privatklinik und machte sie zum „Akademischen Krankenhaus in der Vorstadt“. Damit war die erste Kieler Universitätsklinik geboren und die Grundlage für Ausbildung und Forschung in enger Bindung ans Krankenbett gelegt. Schon fünf Jahre später folgte in der Flämischen Straße die erste chirurgische Klinik, auch sie ging aus der Übernahme eines Privatkrankenhauses hervor.

In der Folgezeit entstanden zahllose weitere Kliniken, Laboratorien und auch spezielle Gebäude wie die Gebäranstalt oder das Pockenhaus. Dokumentiert wird das in dem Katalog in knappen, aber präzisen Texten – und mit Illustrationen. Gut nachvollziehen lässt sich dabei auch der Weg der Universitätskliniken. Von der Innen- beziehungsweise der Vorstadt verlagerten sie sich immer mehr in die Brunswik, wo 1862 die neu erbauten Akademischen Heilanstalten bezogen wurden. Prägend wirkt dieser Schritt bis heute. Nicht nur, dass etliche Gebäude sehr gut erhalten sind und genauso genutzt werden wie vor mehr als 150 Jahren. Die bereits damals angelegte Erschließung des Klinikums über den Düsternbrooker Weg im Osten, den Schwanenweg im Norden, die Hospitalstraße im Westen und die Brunswiker Straße im Süden umfasst wie eh und je das gesamte Kieler Uniklinikum.

Autor: Martin Geist

Der Katalog „Universitätsmedizin Kiel 350: ein Rückblick auf die Jubiläumsausstellung“ kann in der Universitätsbibliothek eingesehen und ausgeliehen werden.
 

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