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Korrekturen in Sachen Kohle

„Die Wirtschaft braucht Kohle“. So lautete in der  50. Ausgabe der unizeit der Titel eines Interviews mit dem Volkswirt Till Requate. Wie hält es der Professor für Umwelt- und Ressourcenökonomie elf Jahre und 50 Ausgaben später mit Kohlekraftwerken und der Energiewende überhaupt?

Küstenkraftwerk
© Stadtwerke Kiel AG

Ein modernes Gaskraftwerk löst in Kiel das alte Kohlekraftwerk ab. So ähnlich wird es wohl auch andernorts noch eine ganze Zeit lang passieren.

„40 Prozent sind schon sehr ehrgeizig, und ich bin nicht sehr optimistisch, dass dieses Ziel bis 2020 erreicht werden kann.“ Diese Befürchtung zu den Klimazielen der Bundesregierung äußerte Till Requate im damaligen unizeit-Interview – und lag richtig damit. Statt der angestrebten 40 Prozent CO2-Reduktion wird Deutschland 2020 wohl lediglich 32 Prozent weniger Treibhausgase ausstoßen als 1990. Zu diesem Schluss kommt der Klimaschutzbericht 2018. Und das, obwohl die Ziele bei Licht betrachtet weniger ehrgeizig sind, als es scheint: Durch Stilllegung extrem schmutziger Kraftwerke und Industrieanlagen in Ostdeutschland war es noch relativ leicht, den CO2-Ausstoß erst einmal deutlich zu drücken.

Hätte der Kieler Professor nicht die Entwicklung der erneuerbaren Energien verhaltener eingeschätzt, als es tatsächlich kam, wäre die Zwischenbilanz beim Klima sogar noch schlechter ausgefallen. Windkraft kostete vor elf Jahren sieben bis zehn Cent pro Kilowattstunde, Photovoltaik gar 50 Cent, deshalb ging der Experte davon aus, dass das Wachstum von Öko-Strom länger dauern würde. Tatsächlich kann laut Requate Offshore-Strom heute schon teilweise zu Marktpreisen geliefert werden, und auch in der Photovoltaik bringen es neue Anlagen auf fast schon schnäppchenträchtige vier bis fünf Cent pro Kilowattstunde.

„Da hat sich viel getan“, räumt der Ökonom ein und rückt von seiner früheren Einschätzung zur Rolle der Kohle teilweise ab. „Uns bleibt gar nichts anderes übrig, als die alten Kohlekraftwerke zumindest zu ersetzen und zum Teil auch in der Kapazität zu erhöhen“, meinte er in der 50. unizeit-Ausgabe (2008). Tatsächlich soll zwar nach dem jüngsten Kohlekompromiss der komplette Abschied von diesem Energieträger, der aktuell noch etwa 37 Prozent der gesamten Stromversorgung ausmacht, erst im Jahr 2038 verwirklicht sein. „Allerdings zeigt der Zertifikatehandel zunehmend Wirkung“, befindet Professor Requate und verweist auf Zahlen von 2018 und 2019, als sich der Preis binnen weniger Monate von fünf auf mehr als 25 Euro pro Tonne CO2 erhöhte. Weil zudem jedes Jahr die Menge der Zertifikate, bei denen es sich um in CO2 umgerechnete Verschmutzungsrechte handelt, um zwei Prozent verringert wird, dürfte sich diese Tendenz fortsetzen. Vor allem Strom aus der ineffizienten und damit sehr klimaschädlichen Braunkohle wird damit nach Einschätzung von Requate für die erzeugenden Firmen in absehbarer Zeit ohnehin zu teuer.

Andererseits sind die Erneuerbaren in Sachen Versorgungssicherheit nach wie vor unzuverlässige Kantonisten. Requate verweist dazu auf Zahlen vom Jahr 2018, als Strom aus Wind (20 Prozent), Sonne (8 Prozent), Biogas (8 Prozent) und Wasserkraft (4 Prozent) einen Öko-Anteil von immerhin 40 Prozent ergab. „Das sieht ganz ordentlich aus, täuscht aber ein bisschen über die Problematik hinweg“, verweist er auf eine andere Grafik. Die zeigt die täglichen Schwankungen je nach Art der Energie und damit ein beträchtliches Dilemma. An einem Dezembertag des Jahres 2018 wurde in Deutschland vor allem des lebhaften Windes wegen eine Terrawattstunde regenerativer Strom erzeugt, was immerhin etwa zwei Drittel des Tagesbedarfs ausmacht. An einem düsteren und windstillen Januartag dagegen kamen gerade mal 0,05 Terrawattstunden zusammen. „Große Differenzen gibt es auch über längere Zeiträume“, sagt Requate mit Blick auf die flautenträchtigen Monate Juli und November.

Gegengesteuert werden kann aber durchaus. Gegen kurzzeitige Schwankungen helfen laut Requate schon jetzt Pumpspeicherwerke ganz gut. Bei günstigen Preisen an der Strombörse wird Wasser nach oben gepumpt, um damit bei hohen Preisen Turbinen anzutreiben. Auch das sogenannte Smart Metering mit intelligenten Mess- und Steuergeräten in Haushalten und Wirtschaftsbetrieben hat nach Einschätzung des Volkswirts einige Potenziale. Klassischer Fall: Waschmaschine und Trockner laufen dann an, wenn gerade viel Wind- oder Sonnenstrom zur Verfügung steht.

Über größere Zeiträume ist das aber noch nicht genug, sodass Till Requate dem Gas eine wichtige Brückenfunktion beimisst. Wohl wissend, dass es mit Prognosen immer so eine Sache ist, wagt er dennoch einen Blick auf das Jahr 2040: Zu 80 Prozent kommt demnach dann der Strom aus erneuerbaren Quellen und zu 20 Prozent aus Gas.

Autor: Martin Geist

Besser Elektroauto als Power to Gas

Die Energiewende wird hierzulande fast ausschließlich auf das Thema Strom bezogen. Tatsächlich gehören aber genauso der Verkehr und die Gebäudewärme hinzu. Wird alles insgesamt betrachtet, reden Fachleute von Sektorkopplung. Dazu hat jüngst das Fraunhofer-Institut in Karlsruhe eine Studie vorgelegt.

Geht es um den Verkehr, so haben die Fraunhofer ausgerechnet, ist das Elektroauto das sinnvollste Mittel, bei der Wärme ist es – ganz unspektakulär – die Wärmepumpe. Zweite Wahl im Verkehr wäre demnach die Brennstoffzelle, bei der mit elektrischem Strom Wasserstoff als Energieträger erzeugt wird. Erst auf dem dritten Platz folgt die Methode „Power to Gas“, bei der mit Strom synthetische Kraftstoffe wie Kerosin produziert werden. Bei diesem Prozess bleiben allerdings 80 Prozent der eingesetzten Energie auf der Strecke, sodass „Power to Gas“ nach Einschätzung von Professor Till Requate erst dann vernünftig ist, wenn es bundesweit ein deutliches Überangebot an Ökostrom gibt. „Das wird eher in 10 bis 20 Jahren ein Thema“, äußert er sich skeptisch zu landespolitischen Bestrebungen, den Strom im Land zu behalten, um damit in großem Maßstab synthetische Energieträger zu erzeugen.

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