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Vom Konzert zum Film

Schon so manches Projektseminar im Masterstudiengang Musikwissenschaft hat im wörtlichen Sinn viel Gehör gefunden. Mit einem Konzert, das aus der Corona-Not heraus zum Film geworden ist, setzte das kleine Institut der Uni Kiel aber nun einen großen Akzent. Heraus kam viel mehr als bloß ins Bild gesetzte Musik.

Mann mit Filmklappe auf Konzertbühne
© Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik

Statt Live-Konzert eine Musik-Doku: Aus der Corona-Not machten Studierende der Uni Kiel mit Unterstützung von Generalmusikdirektor Benjamin Reiners eine Tugend.

Kurz nachdem Benjamin Reiners im Herbst 2019 Generalmusikdirektor in Kiel wurde, stattete er zusammen mit der am Theater Kiel tätigen Konzertdramaturgin Waltraud Anna Lach dem Musikwissenschaftlichen Institut einen ersten Besuch ab. Es blieb nicht bei den üblichen Höflichkeiten, sondern schnell entfaltete sich die Idee, für das Sommersemester 2020 ein gemeinsames Projektseminar auf die Beine zu stellen.

Auf Einladung von Professorin Kathrin Kirsch machte sich Waltraut Anna Lach sogleich ans Werk und gewann fünf Studierende für ihr Projektseminar »Konzertdramaturgie und Orchestermanagement«. Schon das ursprünglich damit verbundene Angebot war bemerkenswert. In Zusammenarbeit mit der Konzertdramaturgin sowie Generalmusikdirektor Reiners und dem für ein Jahr in Kiel tätigen Gastpianisten Fabian Müller sollte das Quintett das für Herbst 2020 vorgesehene 3. Philharmonische Konzert erarbeiten. Gewünscht war ein Programm, das den damals noch einigermaßen moderaten pandemiebedingten Einschränkungen genügen und dennoch ein künstlerisch stimmiges Gesamtkonzept bieten sollte. Eine weitere Vorgabe besagte, dass eines der fünf Klavierkonzerte Ludwig van Beethovens aufgeführt werden sollte. »Es fügte sich dabei glücklich, dass der Pianist alle Stücke im Repertoire hatte und den Studierenden die freie Wahl ließ«, berichtet Kathrin Kirsch.

Wenngleich unter ungewöhnlichen Umständen, ging es auch in diesem Projekt um die ewig aktuelle Frage, was ein gutes Konzert ausmacht. Mit mal eben nach Bauchgefühl aneinandergereihten Musikstücken ist es jedenfalls nicht getan. »Man glaubt gar nicht, wie viel Arbeit dahintersteckt«, betont Dramaturgin Lach. Und Professorin Kirsch verweist darauf, dass es gerade für wenig erfahrene Studierende mit enorm viel Aufwand verbunden ist, ein Konzert komplett eigenständig zusammenzustellen.

Bereichernd gewirkt haben dabei die nicht alltäglichen Erfordernisse, die sich schon im Filmtitel »Nähe und Ferne« widerspiegeln. Enge Zusammenarbeit aller Beteiligten war auf der einen Seite geboten, auf der anderen Seite ging es um Abstand, um der Pandemie keine Schneise zu schlagen. »Die Studierenden haben ein breites Repertoire gesichtet, geprüft, verworfen oder durchgesetzt, das Musik von Komponistinnen und Komponisten ‚aus nah und fern‘ verbindet«, fasst es Kathrin Kirsch zusammen. Womit sie zugleich beschreibt, welche Anliegen mit einem derartigen Projektseminar verbunden sind: »Selbstständiges Arbeiten auf der Basis eines nachvollziehbaren Konzeptes.«

Innerhalb dieses Rahmens ist dann sehr viel möglich. Im konkreten Fall etwa eine Begegnung mit der weniger bekannten zeitgenössischen Komponistin Jessie Montgomery. Die 1981 geborene Amerikanerin thematisiert Nähe und Ferne anhand der Atmosphäre der Großstadt, während Max Bruch, der mit seiner Serenade vertreten ist, das Motiv eher aus musikalisch-poetischer Sicht widerspiegelt. Dass der 1920 gestorbenen Musiker heute ein Stück weit vergessen scheint, erklärt Studentin Jana Kossyk in dem Film mit dessen Nähe zur Tradition und seiner Ferne zu den zeitgenössischen Entwicklungen der damaligen Ära.

Von einer »wunderbaren Koproduktion« spricht Siegfried Oechsle. Der Ordinarius des Musikwissenschaftlichen Instituts lobt den beteiligten Nachwuchs dafür, wie treffend immer wieder historisches Wissen auf musikalische Sachverhalte bezogen worden sei. Jana Kossyk derweil schwärmt: »Ich habe viel, viel mehr gelernt, als ich gedacht hätte.«

Das Publikum, das diesen von der jungen Kieler Produktionsfirma 3 komma 3 realisierten Film sieht, darf sich auf viele eigene Erlebnisse von Nähe und Ferne freuen. Zum Beispiel auf Beethovens nahes Klavierkonzert Nr. 3 und den fernen Japaner Toru Takemitsu mit seinem 1974 entstandenen Stück »Garden Rain«.

Abrufbar ist die Musik-Doku seit dem 17. April auf Youtube unter theaterKIEL* Konzertfilm: »Nähe und Ferne«. Mit etwa 10.000 Klicks hat sie übrigens nach wenigen Wochen bereits mehr Publikum angelockt, als ein einzelnes Live-Konzert im Kieler Opernhaus je erreichen könnte.

Autor: Martin Geist

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