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Linksdrall beim Hausbau

Eine kleine Besonderheit in unserer Wahrnehmung liefert eine plausible Erklärung für die Ausrichtung jungsteinzeitlicher Häuser.

Luftbild einer Ausgrabungsfläche
© Nils Müller-Scheeßel

Luftbild der Ausgrabungsfläche einer frühneolithischen Siedlung bei Vráble in der Slowakei.

Unsere Wahrnehmung spielt uns bekanntlich gern mal Streiche, die dazu führen, dass unser Eindruck von der Welt nicht immer mit der Realität übereinstimmt. Eines dieser Phänomene trägt den Namen »Pseudoneglect«. Es bezeichnet den Umstand, dass die meisten Menschen ihr linkes Gesichtsfeld gegenüber dem rechten bevorzugen. Sollen sie die Mitte einer horizontalen Linie bestimmen, weichen sie in der Regel nach links vom eigentlichen Zentrum ab. Jetzt hat sich herausgestellt, dass diese Wahrnehmungsstörung anscheinend Auswirkungen auf den Hausbau unserer prähistorischen Vorfahren hatte.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Uni Kiel untersuchten gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der slowakischen Akademie der Wissenschaften Siedlungen der sogenannten Linienbandkeramik, einer Kultur, die vor etwa 7.000 Jahren in weiten Teilen Mittel- und Osteuropas ansässig war. Die Linienbandkeramiker bauten um die 30 Meter lange Häuser aus Holz und Lehm, deren Lebensdauer bei 30 bis 40 Jahren lag. Wurde eines dieser Langhäuser baufällig, errichteten ihre Bewohnerinnen und Bewohner in direkter Nachbarschaft ein neues. Dabei richteten sie grundsätzlich alle Häuser in den Siedlungen einzelner Regionen gleich aus. In Osteuropa beispielsweise verlaufen die Hausachsen von Nordost nach Südwest.

Bei genauerer Betrachtung der einzelnen Häuser stellten die Forscherinnen und Forscher etwas Seltsames fest: Unabhängig von der Gesamtorientierung der Häuser weicht die Ausrichtung neu gebauter Häuser jeweils um wenige Grad von dem bereits bestehenden Gebäude ab, und diese Abweichung erfolgt stets gegen den Uhrzeigersinn. »Wir sehen Pseudoneglect als Ursache für dieses Phänomen«, sagt der Kieler Archäologe Dr. Nils Müller-Scheeßel, der die Studie im Rahmen des Sonderforschungsbereichs »TranformationsDimensionen« (SFB 1266) koordinierte.

Aber wie kam er darauf? So bekannt ist dieser Effekt schließlich nicht. »Ich habe diese Linksdrehung in der slowakischen Siedlung Vráble beobachtet und mir dann auch andere Fundplätze vorgenommen, hunderte Kilometer entfernt, und dort das Gleiche beobachtet. Auch dort, wo die Grundorientierung der Langhäuser eine andere ist. Nachdem sich andere Erklärungsversuche wie zum Beispiel die Ausrichtung an Himmelskörpern als nicht plausibel erwiesen hatten, war mir eigentlich klar: Das muss irgendetwas mit der menschlichen Wahrnehmung zu tun haben.« Müller-Scheeßel durchsuchte das Internet, sprach mit Psychologinnen und Psychologen und wurde fündig.

Erkennbar wurde die Rotation gegen den Uhrzeigersinn durch geophysikalische Magnetikmessungen von Siedlungsflächen. Dabei werden Unterschiede im Magnetfeld der Erde genutzt, um im Untergrund liegende archäologische Befunde sichtbar zu machen. So lassen sich die Strukturen einer Siedlung erkennen, ohne dass jedes einzelne Haus ausgegraben werden muss. Das wäre laut Müller-Scheeßel vom Arbeitsaufwand her gar nicht möglich und unter denkmalpflegerischen Aspekten auch nicht wünschenswert. »In den letzten Jahren haben wir in unserem Arbeitsgebiet in der Südwestslowakei mit geophysikalischen Prospektionsmethoden Hunderte von frühneolithischen Häusern entdeckt«, erläutert der Archäologe.

Die Erklärung der Linksrotation der Hausachsen durch Pseudoneglect hat ganz praktische Auswirkungen auf die Datierung dieser Häuser, denn sie können nun in eine relative zeitliche Abfolge gebracht werden. Je stärker die Achse eines Hauses verglichen mit den anderen nach links weist, umso später wurde es erbaut. Müller-Scheeßel fügt hinzu: »Für die Bestimmung des absoluten Alters einzelner Häuser müssen selbstverständlich weiterhin naturwissenschaftliche Verfahren wie die Radiokarbonmethode herangezogen werden.«

Auch an Fundplätzen aus anderen Zeiten und Kulturen haben Archäologinnen und Archäologen eine Drehung gegen den Uhrzeigersinn beobachtet. »Wenn sich auch dort Pseudoneglect als Erklärung heranziehen lässt, reicht die Bedeutung unserer Studie weit über die Datierung linienbandkeramischer Siedlungen hinaus«, freut sich Müller-Scheeßel.

Autorin: Angelika Hoffmann

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