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Medizingeschichte ganz nah erleben

Die Medizin- und Pharmaziehistorische Sammlung der Uni Kiel spannt den Bogen von historischen Exponaten zu aktueller Forschung – vom Werkzeugkasten der Apotheke zur modernen Mikrobiom-Forschung.

Alte Geräte und Kupferkessel
© Lorenz Oberdörster, Medizin- und Pharmaziehistorische Sammlung

Die Destillations- und Herdanlage kam für die Herstellung der Arzneien zum Einsatz.

Das Banner der aktuellen Sonderausstellung weist den Weg zur Medizin- und Pharmaziehistorischen Sammlung in der Brunswiker Straße. »Mikrobiom« ist von Weitem zu sehen, beim Näherkommen lässt sich auch der Untertitel lesen: »Der Mensch ist nicht allein!«

Noch bis Ende Februar 2019 sind hier Werke von Studierenden der Muthesius Kunsthochschule zu sehen, die in Kooperation mit dem schleswig-holsteinischen Exzellenzcluster Entzündungsforschung entstanden sind. Als Mikrobiom bezeichnet man die Gesamtheit aller Bakterien und Mikroorganismen, die im und auf dem Menschen leben. Störungen dieses Ökosystems sind mit chronischen Erkran­kun­gen verbunden. In vielen Projekten untersucht der Cluster die bakterielle Besiedlung von zum Beispiel Darm oder Haut.

Mit der Ausstellung soll diese Forschung in die Öffentlichkeit gebracht werden. Die Kunstwerke der Stu­dierenden visualisieren mithilfe von Fotografie, Filmen, Plakaten, Comics, Gemälden und Installationen das Zusammenspiel von menschlichen Zellen und Mikroorganismen. Die Besucherinnen und Besucher können unter anderem verschiedene Flächen befühlen, die mit speziellen Papieren so beschichtet sind, dass sie die erhabenen Strukturen von erkrankter Haut imitieren. Auf diese Weise kann nachvollzogen werden, wie sich beispielsweise Haut anfühlt, die von Schuppenflechte befallen ist.

Über zwei Etagen verteilt sich das Museum, der größte Teil ist mit der aktuellen Schau belegt. Ein klei­nerer Bereich des Museums zeigt Präparate krankhaft veränderter Organe und Gewebe. Diese gewäh­ren einen Blick in die Geschichte der medizinischen Ausbildung. Die Sammlung umfasst mehr als 700 Feuchtpräparate, die seit dem 19. Jahrhundert bis etwa 1960 im Pathologischen Institut der Universität zur Ausbildung von Studierenden angefertigt wurden.

Frau in einem Raum mit alten Geräten.
© pur.pur

Eva Fuhry leitet die Medizin- und Pharmaziehistorische Sammlung der Kieler Universität seit 2004 und kann zu vielen Geräten, Instrumenten und Präparaten spannende Geschichten erzählen.

Ausgestellt wird eine Auswahl der in Glasgefäßen aufbewahrten Körperteile. Die Organe sind nach einem von Leonhard Jores entwickelten farberhaltenden Verfahren konserviert. Jores leitete das Kieler Patho­logische Institut von 1918 bis 1934. »Sein Verfahren wird bis heute weltweit angewendet«, sagt Sammlungsleiterin Eva Fuhry. Das älteste erhaltene Präparat der Kieler Sammlung ist von 1875, eine Niere, die sich aufgrund einer Vergiftung mit Silber grau-bläulich verfärbt hat.

Herzstück der Ausstellung ist der begehbare, originale Verkaufsraum einer Apotheke von 1894. »Die Offizin, so nennt man den Verkaufsraum, ist das Highlight für unsere Besucherinnen und Besucher«, so Fuhry. Damals wurden Arzneien nicht industriell, sondern per Hand in kleinen Mengen hergestellt. »Die manuelle Arzneimittelherstellung erfolgte in der hinter dem Verkaufsraum liegenden Rezeptur.«

Dieser spezielle Raum ähnelte einer professionellen Küche. Dort wurden die Drogen, also die Rohstoffe zur Zubereitung von Arzneimitteln, aufbewahrt und verarbeitet. In dem ab 1874 für das gesamte Deutsche Reich geltenden Arzneibuch wurde vorgeschrieben, wie die Tabletten, Pillen und Tinkturen herzustellen waren. Neben einem Verkaufsraum gehörten eine Materialkammer, eine Giftkammer, ein Labor mit Herdanlage und eine Stoßkammer zur Ausstattung einer Apotheke. All das gibt es auch im Museum zu sehen. Übrigens: Die benötigte Herdanlage gab es nicht auf Bestellung. Der Apotheker musste technisch versiert genug sein, um sie zu planen und einen ortsansässigen Handwerker mit dem Bau beauftragen zu können.

Was das Museum besonders auszeichnet, ist seine kindgerechte Museumspädagogik. Das Workshop­angebot ist groß: In der Museumsapotheke werden thematische Kindergeburtstage mit vielen Experi­menten veranstaltet.

Kinder im Grundschulalter können zwischen »Wie schmeckt blau? Gummidrops und Experimente« oder »Apotheke für Leib und Seele« wählen. Kindern zwischen acht und zwölf Jahren werden Aktionen wie »Badetag«, »Heilkunst und Körperpflege im alten Ägypten« oder »Das Styling-Labor« geboten. Dabei stellen sie Marzipankonfekt, Gummidrops, Badepralinen, Bodylotion, Shampoo oder Haargel selbst her und erlernen auf spielerische Art, wie man in einem Labor oder einer Apotheke arbeitet

Für Neun- bis Zwölfjährige hält die Sammlung das kriminalistische Programm »Tatort Giftkammer« bereit. Hier müssen die kleinen Ermittlerinnen und Ermittler guten Spürsinn beweisen und das Rätsel der Giftkammer im Krimi-Labor lüften. Das Museum bietet auf Anfrage auch Führungen und Workshops für Schulklassen oder Erwachsene an.

Autorin: Farah Claußen

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