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Eine Zeitreise ins Mittelalter

Wie handelten mittelalterliche Bischöfe über ihre Funktion als Geistliche hinaus? Inwiefern scheiterten sie auch und warum waren sie manchmal sogar Lebensgefahr ausgesetzt? Das untersuchen die Historikerinnen Frederieke Maria Schnack und Dr. Nina Gallion.

Dom von Minden
Aeggy, CC BY-SA-3.0, unverändert

Dom von Minden, Bischofsitz des ehemaligen Bistums Minden.

Bistümer leiten, Predigten halten, als Richter wirken, in Kriege ziehen – die Aufgaben mittelalterlicher Bischöfe waren abwechslungsreich und auch mal gefährlich. 

Dabei hatten die Kirchenmänner stets eine Doppel­funk­tion zu erfüllen, die sie zu zentralen und einflussreichen Figuren der mittelalterlichen Gesellschaft machte. »Einer­seits waren Bischöfe im Mittelalter als geistliche Reichsfürsten Hierarchieebenen der Kirche verhaftet, hat­ten Weiheaufgaben und kümmerten sich um die Kathe­drale in der Kathedralstadt«, erklärt Doktorandin Frederieke Maria Schnack von der Abteilung für Regio­nal­geschichte am Historischen Seminar. »Andererseits waren ihre Aufgaben und die Herausforderungen, denen sie sich zu stellen hatten, weltlicher geprägt, als man vom heutigen Standpunkt aus denken könnte.«

Um mehr über die bislang kaum erforschten geistlichen und weltlichen Aufgaben spätmittelalterlicher Bischöfe (um 1250 bis 1500) zu erfahren, nimmt Schnack in ihrer Promotion deren Handlungsspielräume am Beispiel von Minden genauer unter die Lupe. Das wohl um 800 nach Christus begründete Bistum lag direkt an der Weser in Westfalen – heute eine knappe Stunde Autofahrt von Hannover entfernt. Da es bereits 1648 aufgehoben wurde, zeugen nur noch der Mindener Dom und Schriftquellen von dem einstigen Bistum.

Dass Schnack als Historikerin für schleswig-holsteinische Regionalgeschichte die Bischöfe von Minden erforscht, hat andere Gründe als nur geographische Zuschnitte. »Das Bistum Minden ist in den vergangenen Jahren von der Forschung kaum thematisiert worden und somit ein sehr spannendes Untersuchungsbeispiel«, so die Historikerin.

Denn die im heutigen Bundesland Schleswig-Holstein liegenden Bistümer Lübeck oder Schleswig unterschieden sich im Mittelalter in einigen Punkten von den übrigen umliegenden Diözesen. In Lübeck wirkten einige Bischöfe bürgerlicher Abstammung, was in anderen Bistümern nur selten der Fall war. Und das mittelalterliche Bistum Schleswig stand unter dänischem Einfluss. »Minden dagegen ist eine genauere Betrachtung wert, weil es Parallelen zu vielen anderen Bistümern aufweist. Der Vergleich ermöglicht, weitere Schlüsse über bischöfliche Handlungsspielräume zu ziehen«, ergänzt Schnack. »Die Diözese mit ihrem recht kleinen Hochstift lag in direkter Nachbarschaft zu den Herrschaftsgebieten hochadeliger Familien, die versuchten, ihren Einfluss auf das geistliche Fürstentum auszubauen.«

Für ihre Recherchen sichtete Schnack etliche historische Dokumente: Bischofschroniken, Urkunden, die päpstliche Registerüberlieferung und auch Totenlisten. Die Forscherin reiste sogar bis nach Rom ins vatikanische Geheimarchiv, wo sie auf eine spannende Geschichte stieß: Ein im 15. Jahrhundert lebender Bischof, Wilbrand von Hallermund, geriet dem Papst und anderen Geistlichen in seiner Diözese gegenüber in Erklärungsnot, als diese erfuhren, dass es im Bistum Minden einen mysteriösen Mord an einem Kleriker gegeben hatte – mutmaßlich begangen durch einen Mann aus dem Umfeld des Bischofs.

Wilbrand musste sich gegenüber dem Kirchenoberhaupt rechtfertigen und versicherte, er habe nichts von den Mordabsichten gewusst, aber umgehend den Kontakt zu dem Beschuldigten abgebrochen. Schließlich erhielt der Bischof Otto von Münster den Auftrag, die Ereignisse in Minden zu untersuchen. Es gelang ihm, Wilbrand so stark unter Druck zu setzen, dass dieser Ottos Neffen als Koadjutor (Beistand) und Nachfolger bestimmte. »Geschichten wie diese packen mich – und es gibt viele davon«, freut sich Schnack.

Während die Doktorandin noch am Anfang ihrer Forschungsreise steht, ist ihre Kollegin Dr. Nina Gallion bereits einen Schritt weiter – zeitlich aber weiter in der Vergangenheit unterwegs. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin habilitiert über Handlungsspielräume hochmittelalterlicher Bischöfe (um 1050 bis 1250) im gesamten römisch-deutschen Reich nördlich der Alpen. Dabei vergleicht sie das bischöfliche Scheitern.

»In meiner Forschung geht es vor allem um die negativen Konsequenzen bischöflichen Handelns, also: Warum wurden sie suspendiert, verbannt oder abgesetzt? Aus welchen Gründen traten sie selbst zurück? Was führte dazu, dass manche von ihnen sogar einen gewaltsamen Tod erlitten?«, beschreibt Gallion. »Ich möchte herausfinden, wann man dabei wirklich von Scheitern sprechen kann. Denn es gibt dokumentierte Fälle, in denen der Bischof zwar zurückgetreten war, aus seiner misslichen Lage aber noch etwas Positives herausholen konnte, etwa in Form einer fürstlichen Pension.«

Bis endgültige Ergebnisse aus den Untersuchungen von Schnack und Gallion feststehen, muss die Bischofsforschung aber noch ein bisschen warten. Schnack, die im April 2015 ihr Promotionsstudium aufgenommen hat, bringt gerade alles zu Papier. Und Gallion sichtet nach einem Jahr Recherche noch immer viele historische Dokumente und wälzt armdicke Bücher. Erste Erkenntnisse tauschten sie aber bereits mit anderen Nachwuchsforschenden zum Thema aus. Dazu organisierten die Kielerinnen Anfang November 2018 mithilfe des Graduiertenzentrums der Uni Kiel einen internationalen Workshop rund um Bischöfe im Mittelalter. Der dreitägige Austausch fand – natürlich – in Minden statt.

Autorin: Farah Claußen