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Mobilitätswende: Die Kieler Vision

In einem vielschichtigen Konzept skizziert die Uni Kiel mit ihren Partnern Idee und Umsetzung einer integrierten innerstädtischen Mobilitätskette der Zukunft. Dabei geht es um sehr viel mehr als nur klimafreundliche Verkehrsmittel.

Grafik mit Land- und Wasserfahrzeugen
© CAU, Design: UXMA GmbH

Die Initiative »Clean Autonomous Public Transport Network (CAPTN)« will den öffentliche Nahverkehr in Kiel grundlegend reformieren – mit autonomen Fähren und Bussen, mit künstlicher Intelligenz und Datenplattform.

Autonom fahrende Fähren, angetrieben mit ökologisch erzeugtem Wasserstoff, pendeln über die Förde. Ihr Takt richtet sich nicht nach einem strikten Fahrplan, sondern nach dem Bedarf der Mitfahrenden. An den Anlegestellen stehen Busse oder Mietfahrräder bereit, mit denen die Fahrgäste entsprechend der per Handy-App geplanten Route ans Ziel gelangen. Das alles funktioniert ohne lange Wartezeiten, da der Bedarf an Bussen und Fähren durch intelligente Auswertung der relevanten Verkehrs- und Infrastrukturdaten passgenau vorhergesagt werden kann. So stellt sich die Kieler Initiative CAPTN (Clean Autonomous Public Transport Network, Sauberes autonomes öffentliches Verkehrsnetz) die Zukunft des öffentlichen Nahverkehrs in Kiel vor. Konkretisiert hat das Konsortium seine Vorstellungen in dem Umsetzungskonzept »CAPTN Future«, mit dem sich das Projektteam für die Förderung innerhalb der Zukunftscluster-Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung beworben hat. Die CAPTN-Initiative steht unter der Leitung der Christian-Albrechts-Universität und erfolgt in Kooperation mit der Fachhochschule Kiel, der Muthesius Kunsthochschule und der Landeshauptstadt Kiel sowie zahlreichen Partnern aus der Industrie. Beteiligt an der Projektkoordination ist das Wissenschaftszentrum Kiel GmbH.

»Es geht darum, einen sauberen integrierten öffentlichen Nahverkehr zu schaffen, der auf der Basis autonomer Verkehrsmittel funktioniert. Wichtige Aspekte hierbei sind nicht nur die Klimaneutralität, sondern auch Nutzungsfreundlichkeit und Flexibilität«, erklärt der Sprecher des geplanten Zukunftsclusters, Professor Carsten Schultz vom Institut für Innovationsforschung der CAU. Dem Konzept der integrierten Mobilitätskette liegt die Idee zugrunde, öffentlich zugängliche Verkehrsmittel gleichrangig miteinander zu vernetzen und für Nutzerinnen und Nutzer zugänglich zu machen. Ein Hauptelement hierbei sind autonome Fähren. Der Grund für die Fokussierung auf die Autonomie: »Kleine flexible Fähren, die bedarfsgerecht fahren, nicht nur von A nach B, sondern auch zu deutlich mehr Anlegepunkten, dafür benötigen wir den autonomen Verkehr. Denn eine große Menge an Fähren könnte personell gar nicht ausgestattet werden«, so Schultz. Er sieht die Kieler Förde als Testfeld für andere Städte weltweit und das Zukunftscluster als offenes Innovationsnetzwerk. »Wir fördern durch Methoden der Open Innovation den Austausch von Wissenschaft, Industrie und Gesellschaft und evaluieren zum Beispiel die Wirksamkeit des im Projekt aufgebauten Reallabors.«

Bevor es so weit ist, dass autonome Fähren im Regelbetrieb über die Förde kreuzen, muss allerdings noch einiges geplant, erforscht und entwickelt werden. Hierbei geht es nicht nur um Sensortechnik, saubere Antriebe, Dateninfrastruktur und künstliche Intelligenz, sondern beispielsweise auch um rechtliche Aspekte und gesellschaftliche Fragen. Schultz: »Dieses Projekt hat ganz viele Facetten, und die Beteiligten der Informatik und der Ingenieurswissenschaften arbeiten gleichberechtigt mit denen aus der Physik, der Betriebswirtschaftslehre, der Geographie, der Rechtswissenschaft und weiteren zusammen. Denn man muss sich ja auch die Frage stellen: Will ich überhaupt und darf ich überhaupt autonome Verkehrsmittel nutzen?« Mit diesen Komponenten befassen sich die verschiedenen Forschungs- und Entwicklungsprojekte des CAPTN-Future-Konzepts an der Christian-Albrechts-Universität, der Fachhochschule Kiel und der Muthesius Kunsthochschule. Die Einbindung der Kunsthochschule sei wichtig, so Schultz, weil »wir eine Kommunikationsaufgabe haben. Wir schaffen ja eine ganz neue Welt der Mobilität. Und diese Erfahrungswelten müssen durch geeignete Ansätze aus dem Industrie- und Interaktionsdesign bewusst gestaltet werden, um Akzeptanz zu schaffen und die aktive Teilhabe zu sichern.«

Für Schultz ist CAPTN Future ein Musterbeispiel für Transdisziplinarität. Hierbei geht es um mehr als fächerübergreifende Zusammenarbeit. »Wir haben nicht nur das Konsortium von zahlreichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die dort zusammenwirken – mit allen Schwierigkeiten von Sprache bis zu unterschiedlichen Forschungsphilosophien. Wir haben auch noch 13 Unternehmenspartner, die aktiv mitwirken sollen und auch Geld investieren. Dabei kriegt man ein gutes Gefühl dafür, wie schwierig und komplex Transdisziplinarität ist.«

Autorin: Kerstin Nees

 

Weitere Informationen

captn.sh
www.bmbf.de/de/zukunftscluster-initiative-9195.html

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