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Finanzmärkte verstehen, Investitionen managen

Ein Traum, Durchhaltevermögen und der Tipp eines guten Freundes haben Osivue Michael Lucky aus Nigeria zum Studium nach Kiel gebracht. Sein Ziel: Er möchte Experte für Finanz- und Wirtschaftsanalysen werden.

Osivue Michael Lucky
© pur.pur

Osivue Michael Lucky studiert im internationalen Masterstudiengang Quantitative Finance. Er ist einer von etwa 100 Studierenden mit Deutschlandstipendium.

»Ich möchte genau verstehen, wie die Finanzmärkte funktionieren, um als Experte möglichst gute Prognosen für Geldanlagen erstellen zu können«, beschreibt Osivue Michael Lucky, was ihn antreibt. An der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel studiert der 28-Jährige aus Nigeria im internationalen Masterstudiengang Quantitative Finance. Die Stiftergemeinschaft der Förde Sparkasse unterstützt ihn dabei mit einem Deutschlandstipendium.

Michael ist in Lagos State als drittes von fünf Kindern aufgewachsen und der erste aus seiner Familie, der studiert. «Mein Vater ist Lebensmittelhändler, meine Mutter hatte einen Friseursalon und beiden ist Bildung sehr wichtig. Sie haben mich immer ermutigt, meinen Weg zu gehen», erzählt er. Seinen Bachelor in Mathematik schloss er Ende 2014 summa cum laude ab. Als es danach nicht mit dem erhofften Job als Hochschullehrer klappte, absolvierte er zunächst seinen Dienst im National Youth Service. «In Nigeria arbeiten die jungen Absolventen ein Jahr lang dort, wo der Staat sie braucht. Das finde ich sehr wichtig», erklärt Michael. Er arbeitete als Mathematiklehrer an einer Schule und für die staatliche Verkehrssicherheitsbehörde. «Danach habe ich als Datenanalyst bei einer Lebensversicherung angefangen und irgendwann entschieden, mich ganz darauf zu konzentrieren, statt weiter von einer Karriere als Hochschullehrer zu träumen», berichtet er. Den Master wollte er dennoch machen und bewarb sich an vielen Universitäten im Ausland. »Ich hatte gelesen, dass der Praxisanteil an europäischen Unis meistens höher ist als in Nigeria«, erklärt er. Eine Zusage inklusive Stipendium zu erhalten, gestaltete sich jedoch sehr schwierig. Über mehrere Jahre hinweg kamen nur Absagen.

Michael hatte schon beschlossen, sich nicht mehr im Ausland zu bewerben, als ihn ein Freund überredete, es mit ihm gemeinsam in Deutschland versuchen. Bei seinen Recherchen las er das erste Mal über Kiel und die CAU, über das gute Verhältnis von 3.000 Lehrkräften und Angestellten für 27.000 Studierende und über Nobelpreisträger, die von hier kamen. »Überzeugt hat mich aber vor allem der Lehrplan mit den vielen Kursen zu Wirtschaft, Finanzen und verwandten Themen«, erzählt er. Um sich weiter zu spezialisieren, entschied Michael sich für den Master in Quantitative Finance. Dass er mit seiner Bewerbung für das Deutschlandstipendium gleich zweimal erfolgreich war, macht ihn stolz. 2019 unterstützte ihn ein privater Stifter. Im Studienjahr 2020/21 fördert ihn die Stiftungsgemeinschaft der Förde Sparkasse und ermöglicht ihm, sich mehr auf sein Studium zu konzentrieren.

Sein Lieblingskurs bisher: Corporate Finance. »In diesem Kurs haben wir viel über die Aktivitäten in Firmen gesprochen, über Kapitalstrukturen, Auszahlungspolitik, Fusionen und Übernahmen und die Beschaffung von Eigenkapital. Das konnte ich gut mit meinen bisherigen Erfahrungen aus der Arbeit in einem Unternehmen verknüpfen«, erzählt er. Um noch mehr praktische Erfahrungen zu sammeln, sucht Michael für sein drittes Semester einen Praktikumsplatz bei einem Finanzdienstleistungsunternehmen.

In seiner Freizeit joggt Michael und würde gern mal wieder an einem Marathon teilnehmen. Er mag den Strand in Laboe, trifft sich mit Freunden und spielt Fußball. Dass er hier vor allem Freunde aus Nigeria und Afrika hat, bedauert er. »Die Deutschen, die ich getroffen habe, sind sehr freundlich und hilfsbereit, aber es ist schwierig, aus dem ersten Kontakt eine echte Freundschaft aufzubauen«, beschreibt er seine Erfahrungen. Die rund 5.360 Kilometer zu seiner Familie und zu seiner kleinen Tochter überbrückt er mit Video-Telefonie. »Ich will erst wieder nach Nigeria fliegen, wenn ich einen Großteil des Masters geschafft und meine Deutschkenntnisse verbessert habe«, betont er. Ob er ganz in seine Heimat zurückkehren wird, weiß er noch nicht. Seine Masterarbeit möchte er über Investitionen im europäischen Finanzmarkt schreiben und kann sich gut vorstellen, später im Investitionsmanagement einer Bank, bei einer Versicherung oder in einem Finanzunternehmen in Europa zu arbeiten.

Autorin: Beatrix Richter

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