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Auf dem richtigen Weg

Verlässliche Ergebnisse statt Fake-News, Plagiate und Datenmanipulationen sind das erklärte Ziel der Wissenschaft. Nicolaus Wilder und Julia Prieß-Buchheit entwickeln in ihrem EU-Projekt „Path2Integrity“ innovative Lehr- und Lernmethoden, damit aus wissensdurstigen Studierenden gewissenhafte Forschende werden.

Nicolaus Wilder und Julia Prieß-Buchheit im Gespräch
© Olaf Bathke

Nicolaus Wilder und Julia Prieß-Buchheit im Gespräch bei einem Projektworkshop.

„Forschung ist die Suche nach Wissen durch systematisches Untersuchen und Erörtern, Beobachten und Experimentieren“, heißt es im Europäischen Verhaltenskodex für Integrität in der Forschung (ECoC). Dabei „ist allen Disziplinen das Ziel gemein, unser Wissen über uns selbst und die Welt, in der wir leben, zu erweitern.“ Das oberste Gebot lautet: Forschung muss redlich sein, damit sie nicht an Glaubwürdigkeit verliert. Der ECoC ist allerdings kein Gesetz, an das sich alle halten müssen, der Kodex appelliert an die Gewissenhaftigkeit der Forschenden. Aber reicht das angesichts steigenden Konkurrenzdrucks aus? Wie kann es gelingen, dass sich alle an die Spielregeln halten, während die Globalisierung dafür sorgt, dass wissenschaftliche Fachgebiete trotz kultureller Unterschiede zwangsläufig immer näher zusammenrücken?

„Standardisierte und zugleich globalgültige wissenschaftliche Lehr- und Lernmethoden gibt es gar nicht“, stellt Nicolaus Wilder vom Institut für Pädagogik der Uni Kiel fest, „sie müssen erst noch entwickelt werden. Das liegt beispielsweise daran, dass selbst innerhalb Europas völlig unterschiedliche Wertvorstellungen in den Köpfen der Leute vorherrschen.“ Der Diplompädagoge stellt fest, dass die größte Herausforderung in der Frage besteht, wie redliches wissenschaftliches Arbeiten vermittelt werden kann.

Die Professorin für Erziehungswissenschaften und Didaktik der Hochschule Coburg, Julia Prieß-Buchheit, hat das Problem bereits erkannt, während sie sich am Kieler Institut für Pädagogik habilitierte. Gemeinsam mit Wilder brachte sie das Projekt „Path2Integrity" auf den Weg. Das von der EU geförderte Verbundprojekt will einen einheitlichen Weg für redliches wissenschaftliches Arbeiten ebnen. Daran beteiligt sind neun Bildungseinrichtungen aus Deutschland, Dänemark, Polen, Spanien und Bulgarien.

„Path2Integrity" setzt an der Wurzel an: Es richtet sich bewusst an Oberstufenschülerinnen und -schüler, Studierende, Absolventinnen und Absolventen und gleichermaßen an alle wissenschaftlichen Disziplinen. „Für eine verlässliche Wissenschaft müssen alle an einem Strang ziehen. Daher fokussieren wir uns auf junge Forschende, die wir für das Thema sensibilisieren. Wenn sie von Anfang an lernen, wie man als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler redlich arbeitet, kann herausragende Wissenschaft entstehen“, erläutert Prieß-Buchheit.

„Damit wir dieses hochgesteckte Ziel erreichen, entwickeln und evaluieren wir seit Januar insgesamt 20 innovative didaktische Einheiten für ein englischsprachiges Handbuch“, erklärt Wilder. Dieses Handbuch soll neben Lernkarten von einem Train-the-Trainer-Programm sowie von einer Begleitkampagne in verschiedene Bildungseinrichtungen Europas gebracht werden. „Mit unserer Kampagne wollen wir in Schulen, Hochschulen und Universitäten auf das Thema aufmerksam machen – und das in mindestens 15 europäischen Ländern. Geschehen wird das in Form von Flyern, Infografiken, Lernkarten, Postern und Broschüren“, so Prieß-Buchheit.

Damit das Material anschaulich ist, hangeln sich die Einheiten an einem Handlungsstrang einer fiktiven Geschichte entlang. Eine handelt von Schülerin Emma, die zusammen mit Rebecca und David an einer Studie im „LONA Science Centre“ teilnimmt. Sie schreibt ihrer Mutter per SMS, dass ein Forscher einen anderen dazu gedrängt hat, die Ergebnisse der Studie zu fälschen. Emma hält nichts davon und wundert sich, dass ausgerechnet diese Einrichtung auf einem Bus mit Worten wie Respekt, Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit wirbt. Erste Lernkarten über akademische Schreibprozesse und korrektes Zitieren am Beispiel von Emmas Geschichte hat das Projektteam ausgearbeitet. Sie werden zurzeit stichprobenartig getestet. Anschließend folgt die erneute Bewertung durch das Team – sofern notwendig, überarbeiten sie das Material. Von der stetigen Evaluation des Projekts erhoffen sich Wilder und Prieß-Buchheit Antworten auf Fragen wie: Wo treten kulturelle Schwierigkeiten auf? Wie kann man das Material entsprechend anpassen? Und: Lässt sich Moral besser durch innovative Formate entwickeln als beispielsweise durch traditionelle Vorlesungen?

Autorin: Farah Claußen

Weiterführende Informationen

Viele Kooperationen – ein gemeinsamer Weg

An „Path2Integrity“ sind neun Partnereinrichtungen beteiligt. Die Coburger Hochschule übernimmt den didaktischen Teil und die Projektkoordination, das Kieler Institut die Evaluation. Die Syddansk Universitet ebenso wie die Charité Berlin steuern ihre Expertise aus dem Gesundheitswesen bei. Die ethische Verträglichkeit überprüft das aus Expertinnen und Experten europäischer Ethik-Kommissionen bestehende Netzwerk EUREC Office gUG mit seinem gebündelten Knowhow. Das polnische Institut für Bildungsforschung IBE tauscht sich mit Wilder über pädagogische Aspekte aus. Der spanische Partner 3C Compliance setzt die Training-Center um. Die Fundació Catalana per a la Recerca i la Innovació sowie das bulgarische Unternehmen für Öffentlichkeitsarbeit Pensoft Publishers gestalten gemeinsam das Kampagnenmaterial. Die EU fördert das Projekt von Januar 2019 bis Dezember 2021 als Horizon-2020-Verbundprojekt mit rund zweieinhalb Millionen Euro.

fcl

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