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Vom Labor ans Krankenbett

Großer Erfolg für die Entzündungsforschung in Kiel: Ein an der CAU entwickelter Behandlungsansatz gegen chronische Entzündungen im Darm ist auch in der ersten klinischen Prüfung beim Menschen wirksam und gut verträglich.

Neue Therapieoptionen für Menschen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn sind dringend erforderlich. Diese Erkrankungen sind nicht heilbar, führen zu erheblichen Beschwerden wie häufigen Durchfällen, krampfartigen Bauchschmerzen sowie einer oft stark eingeschränkten Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit. Zwar gibt es moderne Medikamente, die sehr gut wirken. Sie helfen aber beileibe nicht allen Erkrankten und zudem geht bei vielen die ursprüngliche Wirksamkeit mit der Zeit verloren. Außerdem kann es zu unerwünschten Wirkungen kommen, die zum Abbruch der Therapie führen. Vor diesem Hintergrund wecken die im Mai bei einem Fachkongress in den USA vorgestellten Studienergebnisse eines neuen Medikaments große Hoffnungen. Es geht um den Wirkstoff Olamkicept, der über einen gänzlich neuen Wirkmechanismus Entzündungen unterdrückt. In einer klinischen Studie der Phase II, die von der chinesischen Pharmafirma I-Mab Biopharma im Wesentlichen in China durchgeführt wurde, wirkte diese antientzündliche Substanz deutlich besser als Placebo bei Patientinnen und Patienten mit Colitis ulcerosa.

In dieser ersten größeren Studie an insgesamt 91 Patientinnen und Patienten wurden zwei verschiedene Dosierungen des neuen Medikaments gegen Placebo getestet. Fast 60 Prozent der Personen, die die höhere Dosis des Medikaments erhalten hatten, ging es nach zwölf Wochen Therapie deutlich besser (klinisches Ansprechen), etwa ein Drittel von ihnen war annähernd symptomfrei (klinische Remission), während Placebo praktisch keine Wirkung hatte. Die übrigen 40 Prozent sprachen auf das Medikament nicht an. Das entspricht in etwa dem, was man auch von den bereits zugelassenen Medikamenten gegen chronisch entzündliche Darmerkrankungen kennt. »Die Ergebnisse sind fantastisch. Olamkicept wirkt und ist sehr gut verträglich«, berichtet Professor Stefan Schreiber, einer der Autoren, erfreut. Placebokontrollierte Studien, also der Vergleich einer Prüfsubstanz gegen ein unwirksames Scheinpräparat, sind der sogenannte »Goldstandard« beim Wirksamkeitsnachweis von neuen Medikamenten. Daher sei dieses Ergebnis so wichtig: »Mit dieser Studie wurde erstmals beim Menschen in einer placebokontrollierten Studie bestätigt, dass das neue Wirkprinzip von Olamkicept chronische Darmentzündungen bekämpft, genau wie es im Tiermodell und in unserer Vorstudie gezeigt wurde. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir damit in einigen Jahren eine neue Behandlungsoption für Menschen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen zur Verfügung haben werden«, sagt der Direktor der Klinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, und Sprecher des Exzellenzclusters Precision Medicine in Chronic Inflammation (PMI), der die Entwicklung des Wirkstoffs von der ersten Idee im Labor bis zur klinischen Anwendung mit vorangetrieben hat. Erst kürzlich hatte Schreibers Arbeitsgruppe die ermutigenden Ergebnisse einer ersten Studie mit Olamkicept an 16 Kieler Patientinnen und Patienten mit Colitis ulcerosa und Morbus Crohn in der renommierten Fachzeitschrift Gastroenterology veröffentlicht und den Wirkmechanismus beim Menschen nachgewiesen.

Das Wirkprinzip des neuen Medikaments hat Professor Stefan Rose-John vor über 20 Jahren gefunden und seitdem weiter erforscht. Der Direktor des Biochemischen Instituts der Uni Kiel, der ebenfalls Mitglied im Exzellenzcluster ist, entdeckte eine neue Möglichkeit, den entzündungsfördernden Botenstoff Interleukin 6 (IL-6) so zu blockieren, dass nur die Signale abgestellt werden, die Entzündungen fördern. Auf diese Weise werden die schützenden Effekte von IL-6 (zum Beispiel vor bakteriellen Infektionen) nicht gehemmt. Aufbauend darauf hat die Kieler Biotechnologiefirma CONARIS AG einen ersten Hemmstoff zum Wirkstoff Olamkicept weiterentwickelt und zusammen mit den Pharmafirmen Ferring Arzneimittel und I-Mab Biopharma die jetzt veröffentliche Studie bei Colitis ulcerosa ermöglicht.

»Wie wir erwartet hatten, traten in der Studie keine schwerwiegenden Nebenwirkungen auf«, betont Schreiber. Dies liegt an den besonderen Eigenschaften des Moleküls. Bisher können Erkrankte allerdings nur innerhalb von klinischen Studien mit dem neuen Mittel behandelt werden. Bis zur Markteinführung werden noch einige Jahre vergehen, da zunächst noch weitere Zulassungsstudien (klinische Phase III) für die Anwendung bei Colitis ulcerosa erfolgen müssen.

Prinzipiell hat Olamkicept ein breites therapeutisches Spektrum, denn IL-6 spielt bei vielen Entzündungserkrankungen eine zentrale Rolle. Mögliche Einsatzgebiete sind zum Beispiel Sepsis (Blutvergiftung) und Arteriosklerose (Gefäßverkalkung). »Für diese Indikationen gibt es sehr ermutigende Daten aus Studien im Tiermodell. Ich hoffe daher, dass diese Anwendungen möglichst bald ebenfalls in klinischen Studien geprüft werden«, so Schreiber. »Aufgrund der langjährigen akademische Forschung wissen wir sehr viel über die Mechanismen und die Möglichkeiten des Wirkstoffs. Und das ist für die weitere Entwicklung von großem Vorteil.«

Autorin: Kerstin Nees

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