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Positiv diskriminieren

Gibt es gerechtfertigte Diskriminierung? Die Frage mutet überraschend an, ist aber durchaus einer näheren Betrachtung würdig. Das zumindest meint die Philosophin Dr. Andrea Klonschinski.

unizeit: Diskriminierung ist ja nicht gerade ein sympathischer Begriff. Dennoch haben Sie im Wintersemester ein Seminar mit dem Titel »Was ist ungerechtfertigte Diskriminierung?« angeboten. Was ja den Schluss nahelegt, dass es auch gerechtfertigte Diskriminierung geben kann.

Andrea Klonschinski: Der Begriff Diskriminierung ist im Deutschen tatsächlich negativ besetzt, weniger aber zum Beispiel im Englischen. Da kann damit auch etwas Positives gemeint sein, etwa wenn von einem »discriminating taste«, einem »distinguierten« Geschmack die Rede ist, wie wir es eher formulieren würden. Der Titel meines Seminars wirkt vielleicht etwas provozierend. Doch wie immer in der Philosophie muss eben erst einmal geklärt werden, worüber man spricht.

Worüber sprechen Sie bei Diskriminierung?

Wenn Unterscheidungen auf der Basis von Gruppenmerkmalen getrof­fen werden, ist das Diskriminierung im moralisch neutralen Sinne. Damit kommen wir in vielen Fällen wunderbar klar. Dass es in öffent­lichen Einrichtungen getrennte Toiletten für Männer und Frauen gibt, akzeptieren wir. Auch das Autofahren ab 18 halten die allermeisten Menschen für sinnvoll, und gegen spezielle Parkplätze für Menschen mit Behinderungen kann vernünftigerweise ebenfalls niemand etwas einwenden. In all diesen Fällen und noch in zahllosen anderen werden also gesellschaftlich breit akzeptierte Unterscheidungen auf der Basis von Gruppenmerkmalen getroffen. Wir haben es damit eindeutig mit gerechtfertigter Diskriminierung zu tun.

Wann ist Diskriminierung eindeutig ungerechtfertigt?

Wenn Frauen nicht Auto fahren oder Schwarze nicht wählen dürfen, scheint uns das ganz klar moralisch falsch. Auch wenn wir jemanden wegen seiner oder ihrer Religion benachteiligen, widerspricht das den Wertvorstellungen zumindest eines großen Teils der Gesellschaft. Die spannende Frage ist, was diese Beispiele von den vorher genannten unterscheidet. Dazu lassen sich verschiedene vernünftige Kriterien herausarbeiten. Ungerechtfertigte Diskriminierung liegt vor, wenn sie den Betroffenen Nachteile bringt oder wenn die Chancengleichheit beeinträchtigt wird oder wenn Rechte verletzt werden. Das Problem ist nur: Es finden sich immer wieder auch Gegenbeispiele, Fälle etwa, die diese genannten Kriterien nicht erfüllen und uns dennoch moralisch falsch vorkommen.

Oft ist es ja auch gar nicht so einfach zu beurteilen, ob etwas falsch oder richtig ist.

Genau. Wenn ein Krankenhaus nur Nichtraucher oder eine kirchliche Organisation nur Männer einstellt, wenn eine Friseurin keine Bewerberin mit Kopftuch will, wenn eine Diskothek Frauen freien Zutritt gewährt, Männer aber einen hohen Eintrittspreis zahlen müssen: Können sich die Betroffenen über ungerechtfertigte Diskriminierung beklagen? Über solche Fälle lässt sich ausgiebig diskutieren, und genau das ist in meinem Seminar auch passiert. Es ging oft ausgesprochen lebhaft her.

Wie sieht es eigentlich mit Quotenregelungen aus?

Quoten, um Frauen stärker in die Politik oder in Aufsichtsräte zu bringen, sind nicht unumstritten. Wer dafür ist, beruft sich auf sein Recht auf Nichtdiskriminierung, wer dagegen ist, tut das auch. Letztlich stellt die Quote eine positive Diskriminierung dar. Sie soll dazu beitragen, dass gesellschaftliche Gruppen, die benachteiligt waren und es noch immer sind, echte Chancen bekommen und sichtbarer werden. Nach dem Motto: Wenn Frauen durch Erfolge in der Politik oder in der Wirtschaft auf sich aufmerksam machen, baut das Vorbehalte und implizite Vorurteile ab und liefert jungen Menschen Vorbilder, sodass irgendwann hoffentlich keine Quote mehr nötig sein wird.

Werden wir Menschen in gewisser Weise immer reifer, immer weniger anfällig für ungerecht­fertigte Diskriminierung?

Es fällt mir schwer, die Frage zu beantworten, weil mir selbst nach eingehender Beschäftigung mit dem Thema nicht klar ist, was genau ungerechtfertigte oder moralisch falsche Diskriminierung überhaupt ist. So geradlinig, wie es die Frage suggeriert, verläuft der Prozess aber jedenfalls nicht.

Nehmen wir die Gender-Debatte. Wenn Sie heute in den Laden einer Spielzeug-Kette gehen, leuchtet in der Abteilung für Mädchen alles rosarot. Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden also stärker betont als es noch in den 80er- und 90er-Jahren der Fall war. Die angebotenen Spielzeuge insinuieren, dass es Mädchen beziehungsweise Frauen vornehmlich darum geht, sich um andere zu kümmern und schön auszusehen. Damit werden sie in unserer Gesellschaft eindeutig auf die weniger erfolgreichen und weniger prestigeträchtigen Plätze verwiesen.

Ein weiteres Beispiel stellt die Einstellung gegenüber Menschen mit ausländischen Wurzeln und Geflüchteten dar. Es gibt empirische Studien, die zeigen, dass es wesentlich schwieriger ist, eine Wohnung zu finden, wenn man mit Nachnamen Öztürk und nicht Meyer heißt. Wo hier jeweils genau die Diskriminierung steckt, also wer mit welchen Intentionen diskriminiert, ist natürlich eine andere Frage.

Wollen Sie Ihr Seminar zur Diskriminierung noch einmal anbieten?

In dieser Form wahrscheinlich nicht. Am Thema werde ich aber auf jeden Fall weiter arbeiten. Vor allem interessiert mich, inwiefern unbewusste Stereotype zu Diskriminierung führen und wie das moralisch zu beurteilen ist.

Das Interview führte Martin Geist

Dr. Andrea Klonschinski ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Praktische Philosophie und seit gut einem Jahr an der Uni Kiel tätig. Sie beschäftigt sich insbesondere mit moderner Moral­philo­sophie, politischer Philosophie und Wirtschaftsphilosophie.

Portrait einer Frau
© Martin Geist

Andrea Klonschinski

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