»Steueroasen« für Hochqualifizierte?

Nachdem sich die Staaten auf eine globale Mindeststeuer für Unternehmen geeinigt haben, könnte ein neuer Steuerwettbewerb beginnen: der um hochqualifizierte Arbeitskräfte. Das ist das Ergebnis einer Studie, an der BWL-Professor Jost Heckemeyer beteiligt ist.

Bisher lautete eine Regel in der Finanzwissenschaft: Kapital ist mobil, die Arbeitskraft nicht. Sie sei an einen Ort gebunden und deshalb gezwungen, die ortsübliche Abgabenlast aus Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen zu akzeptieren. »Doch das gilt in einer globalen Welt immer weniger: Hochqualifizierte sind tatsächlich sehr mobil und können sich weltweit Unternehmen als Arbeitgeber aussuchen, die ihnen das gewünschte Netto-Einkommen zahlen«, erläutert Professor Jost Heckemeyer vom Institut für Betriebswirtschaftslehre diesen neuen möglichen Zukunftstrend. Plakative Beispiele seien Profi-Fußballer: »Wenn Cristiano Ronaldo eine bestimmte Geldsumme als frei verfügbares Einkommen verlangt, trägt der Club damit auch die gesamte Steuerlast, die auf das Netto-Einkommen aufgeschlagen wird.« Und je nachdem, in welchem Land der Verein ansässig ist, addieren sich höchst unterschiedliche Geldsummen – je nach Höhe der Steuersätze und Sozialversicherungsbeiträge. Deshalb könnte künftig die Devise lauten: Länder mit niedrigen Steuersätzen für Hochqualifizierte sind im Vorteil, weil sie es ihren Unternehmen erlauben, die attraktivsten Arbeitskräfte zu relativ geringen Kosten anzulocken.

»Nachdem sich im vergangenen Jahr 136 Länder nach jahrelangen Verhandlungen auf eine globale Mindeststeuer von 15 Prozent für Unternehmen geeinigt haben, rechnen wir damit, dass dieser Steuerwettbewerb an Bedeutung verlieren wird«, erklärt Jost Heckemeyer, der seit 2017 Professor für Unternehmensrechnung und -besteuerung an der CAU ist. Zugleich forscht er auch am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, für das der Wissenschaftler mit drei weiteren Forschenden nun erstmals die Steuerlast für Unternehmen und für Arbeitskräfte international verglichen hat. Der Kieler Professor ist regelmäßig an ähnlichen Studien im Auftrag der EU-Kommission beteiligt.

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Das Forschungsteam untersuchte die Steuerlasten in 18 Mitgliedstaaten der Europäischen Union (noch mit Großbritannien), außerdem in den USA, Japan, der Schweiz, Norwegen sowie in den vier Schwellenländern Russland, Brasilien, China und Indien. Im Vergleichszeitraum 2009 bis 2019 sank die durchschnittliche Steuerlast für Unternehmen von 25,2 auf 22,7 Prozent. Dabei reichte sie anfangs von 14,4 Prozent im »Steuerparadies« Irland bis 41,7 Prozent im Hochsteuerland Japan. 2019 galt Ungarn mit 11,1 Prozent als fiskalisch attraktivster Standort, während Unternehmen in Indien den höchsten Satz von 40,8 Prozent zahlen mussten.

Auch in der Europäischen Union haben die meisten Staaten ihre Steuern gesenkt. In Deutschland lagen die Steuerlasten überproportional hoch, in einigen Kommunen stieg die Gewerbesteuer aktuell sogar noch weiter an. Dagegen haben die anderen beiden Schwergewichte Frankreich und Spanien die Steuern gesenkt. »Wir gehen davon aus, dass sich mit der globalen Reform die Steuerbelastungen der Unternehmen ein Stück weit angleichen werden. Es wird für Konzerne damit weniger attraktiv, in früheren Niedrigsteuerländern zu investieren«, erläutert der Forscher.

Im Vergleich der Steuerkosten für hochqualifizierte Arbeitskräfte schneiden die Länder dagegen völlig anders ab, hat Professor Heckemeyer jetzt herausgefunden: »Wir haben für unser Vergleichsprogramm einen Algorithmus entwickelt, der die höchst unterschiedlichen Regelungen in den 26 Ländern berücksichtigt. Durchschnittlich betrug die Steuerlast zuletzt 40,3 Prozent.« Die Forschenden haben dabei einen Muster-Single ohne Kinder vorausgesetzt, der 100.000 Euro netto verdient. So müssen die Unternehmen in Ländern mit den niedrigsten Abgaben 130.000 Euro brutto für diesen Arbeitnehmer zahlen, während die Arbeitgeber in Hochsteuerländern über 170.000 Euro – teils sogar mehr als 200.000 Euro – ausgeben müssen.

Jedes Land verfolge dabei eine andere Steuerphilosophie, berichtet der Wissenschaftler. So seien in Skandinavien die Steuern auf Arbeit traditionell hoch, während die Unternehmenssteuern niedrig seien. In den USA sei es dagegen eher umgekehrt. In Deutschland liegt die steuerliche Belastung von Hochverdienenden mit 39,8 Prozent leicht unter dem Durchschnitt. Ob dies eine gute Voraussetzung ist, um im Wettbewerb um Hochqualifizierte zu bestehen, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

Autor: Joachim Welding

Die aktuelle Studie »Steuerpolitik im Übergang zu einer wissensbasierten Wirtschaft. Die effektive Steuerbelastung von Unternehmen und der Arbeit von Hochqualifizierten« von Leonie Fischer, Jost Heckemeyer, Christoph Spengel und Daniela Steinbrenner wird demnächst in der Fachzeitschrift Intertax publiziert.

Sie ist bereits online in englischer Sprache als Diskussionspapier verfügbar.
ftp.zew.de/pub/zew-docs/dp/dp21096.pdf

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