Mehr Tierwohl im Schweinestall

Das Institut für Tierzucht und Tierhaltung untersucht in einem Verbundprojekt die Immunokastration – eine tierschonende Alternative zur operativen Ferkelkastration. Die Ziele: Vorbehalte abbauen und Beratungsempfehlungen für die Landwirtschaft entwickeln.

Mann in steriler Kleidung gibt Ferkel Spritze
© iStock/dusanpetkovic

Spritze statt Kastration: Um strengen Ebergeruch beim Schweinefleisch zu vermeiden, werden männliche Tiere kastriert. Mit der Immunokastration per Spritze gibt es eine deutlich tierschonende Alternative zur Operation.

Ob als Nackensteak, Braten oder Aufschnitt: Die Deutschen mögen Schweinefleisch. Nach Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung landeten 2020 etwa 33 Kilo Schweinefleisch pro Jahr und Kopf auf den Tellern, weit mehr als Geflügel (rund 13 Kilo) und Rindfleisch (rund 10 Kilo). Damit das Fleisch von Sauen und Ebern gleich gut schmeckt, werden alle männlichen Tiere kurz nach der Geburt kastriert – lange Zeit ohne Betäubung. Seit Januar 2021 erlaubt der Gesetzgeber die Ferkelkastration nur noch unter Narkose.

Durch die Kastration soll der strenge Ebergeruch verhindert werden, der im Hoden gebildet wird. Erhitzt man Fleisch von unkastrierten Tieren, besteht die Möglichkeit, dass dieses unangenehm riecht. »Allerdings ist die Zahl der geruchsauffälligen Tiere mit rund fünf bis acht Prozent gering. Und tatsächlich nimmt nur ein Teil der Menschen den Geruch überhaupt wahr«, erklärt Dr. Joachim Krieter, Professor an der Agar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät der Kieler Universität.

Der Ebergeruch lässt sich jedoch auch anders vermeiden als mit einer Operation. Die tierschonende Alternative heißt Immunokastration. Seit 2020 beschäftigt sich das Kieler Team um Krieter gemeinsam mit Arbeitsgruppen der Universität Göttingen und dem Max-Rubner-Institut am Standort Kulmbach sowie mit landwirtschaftlichen Betrieben, Landwirtschaftsorganisationen und Schlachtbetrieben mit dieser Kastration mittels Impfung. Ganz wichtig dabei: »Den Tieren wird kein Hormon verabreicht, sondern ein GnRH-Analogon (gebunden an ein Trägerprotein)«, erklärt der Experte. Das ist ein Mittel, mit dem »die Steroidproduktion in den Hoden unterbrochen und somit die Produktion von Ebergeruch sowie das dominante Verhalten der oft sehr lebhaften männlichen Tiere verhindert wird, das zu Rangkämpfen, Prügeleien und Beißattacken führen kann«, so Krieter. »Für die Tiere ist das Verfahren ein schonenderes und für die Landwirtschaft in Abhängigkeit der Futterkosten und Abrechnungsmodalitäten der Schlachtbetriebe ein kostengünstigeres im Vergleich zu einer Operation.«

»Weltweit wird das Verfahren bereits seit 20 Jahren eingesetzt«, sagt der Fachmann für Tierhaltung und Produktqualität. Die Wirksamkeit der Impfung sei wissenschaftlich untersucht und bewiesen. Rückstände im Fleisch durch die Impfung konnten ausgeschlossen werden. Nur in deutschen Ställen herrscht bislang Skepsis. »Es gibt wenig praktische Erfahrungen mit der Immunokastration – in allen Bereichen der Wertschöpfungskette, angefangen von der Landwirtschaft, über die Schlachtbetriebe, den Einzelhandel bis hin zur Verbraucherschaft.«

Die Qualität des Fleisches wird geprüft

Eine Sorge der Branche ist, dass die Qualität des Fleisches durch die Immunokastration leiden könnte. So befürchten unter anderem Schlachtbetriebe, dass das Fett der geimpften Tiere – wie das der unkastrierten Eber – zu weich für eine gute Verarbeitung sei und dass die Impfung nicht bei jedem Tier wirke. Um Tiere sicher zu erkennen, bei denen die Impfung nicht wirkt, müssten die Schlachtbetriebe Geruchskontrollen durchführen – und die Kosten dafür tragen. Das wiederum würde sich auf die Preise auswirken, die die Landwirtschaft für die Tiere bekommt.

Um die Vorurteile auszuräumen und um für landwirtschaftliche Betriebe eine wissenschaftlich gesicherte Grundlage für qualitätsbezogene Bezahlung zu schaffen, wird das Fleisch von immunokastrierten Tieren zwei Jahre lang auf Zusammensetzung, Fettanteil, Konsistenz des Fetts und Geschmack untersucht. An der großangelegten Feldstudie zur Immunokastration, die auf Initiative von Landwirtschaftsbetrieben erfolgt, sind rund 120 Höfe aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen mit gut 100.000 Tieren beteiligt. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.

Genetik und Futter spielen eine große Rolle

»Unser Ziel ist es, gesicherte Daten zu gewinnen, welche Fleisch- und Fettbeschaffenheit bei welchen Rassen und welcher Fütterung von immunokastrierten Tieren auftreten kann«, so Krieter. Untersucht wurde unter anderem, warum der Fettanteil bei manchen Tieren deutlich höher ist als die Norm. Solche Spitzen sind in der Schweineproduktion nicht gern gesehen. Erste wissenschaftliche Ergebnisse zeigen, dass für solche Variationen nicht die Impfung, sondern Genetik – also die Schweinerasse – und Futterzusammensetzung verantwortlich sind. Weitere Erkenntnisse werden derzeit zusammengetragen und ausgewertet mit dem Ziel, daraus »Beratungsempfehlungen zur Optimierung der Mast abzuleiten«. Im Herbst 2022 sollen die Ergebnisse in einem Workshop der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Autorin: Jennifer Ruske

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