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Versunkene Siedlungen im Wattenmeer

Durch Kombination von geophysikalischen und archäologischen Methoden blicken Forschende der Uni Kiel bis ins 14. Jahrhundert zurück - und fördern die Geschichte ehemals besiedelter Gebiete im nordfriesischen Wattenmeer zutage.

Zwei Forscher mit großem Gerät im Watt
© Ruth Blankenfeldt, ZBS

Der Archäologe Bente Sven Majchczack und der Geowissenschaftler Dennis Wilken schieben auf einem Wagen sechs Magnetfeldsensoren über das Watt. Sie messen damit das oberflächennahe Magnetfeld der Erde und können so die untergegangene Kulturlandschaft aus dem Mittelalter rekonstruieren.

Die heutige Insel Pellworm, die Halbinsel Nordstrand und die Hallig Nordstrandischmoor bildeten im 14. Jahrhundert eine zusammenhängende Landfläche, die von vielen kleineren Wasserläufen durchzogen war. Es gab mehrere Ortschaften, darunter auch den mittelalterlichen Handelsplatz Rungholt, und fruchtbare Ackerflächen. Dieses Land ging nach und nach durch Sturmfluten verloren. Der Anfang vom Untergang war die verheerende Sturmflut im Januar 1362. Sie ging als »Grote Mandränke« (großes Ertrinken) in die Geschichte ein und riss Siedlungen und Ackerland mit sich. Überliefert ist hiervon nur, »dass dabei 42 Kirchspiele untergegangen sein sollen und auch das legendäre Rungholt«, erzählt der Kieler Archäologe Dr. Bente Sven Majchczack vom Exzellenzcluster ROOTS. »Das, was von der mittelalterlichen Kulturlandschaft noch übrig war, zerschlug die zweite ‚Grote Mandränke‘ 1634 weiter, bis nur noch Pellworm und Nordstrand übrigblieben. Über 6.000 Menschen sollen damals ertrunken sein, das waren zwei Drittel der Bevölkerung dort.«

Als Mitglieder eines größeren Forschungsverbunds spüren Majchczack und sein Kollege Dr. Dennis Wilken aus der Arbeitsgruppe Angewandte Geophysik die Überreste der versunkenen Siedlungen auf. Sie wollen verstehen, wie die Menschen dort lebten und wie sie mit Naturkatastrophen umgingen. Die Arbeiten sind in das Forschungsprojekt RUNGHOLT integriert, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft in der zweiten Phase gefördert wird. Projektpartner sind die Universitäten Mainz und Kiel sowie das Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie und das Archäologische Landesamt Schleswig-Holstein in Schleswig.

Die Kieler und Mainzer Forschenden haben in der ersten Projektphase die Methoden zur Erforschung der im Watt versunkenen Siedlungsreste entwickelt und eine erste Rekonstruktion von Siedlungsstrukturen angefertigt. Eine wichtige Messmethode ist die magnetische Gradiometrie. »Wir laufen bei Ebbe mit einem Wagen, auf dem sechs Magnetfeldsensoren angebracht sind, über das Watt und messen das oberflächennahe Magnetfeld der Erde. Man erhält anschließend Karten, auf denen man die Strukturen von Deichen, Entwässerungsgräben und Feldeinteilungen gut erkennen kann«, erläutert Dennis Wilken vom Institut für Geowissenschaften. Ergänzt wird diese Untersuchung durch seismische Messungen bei Flut. Wilken: »Das funktioniert im Prinzip wie ein Echolot, das ins Sediment eindringt. Wir können damit in der Vertikalen einen Schnitt anlegen und die veränderten Bodenstrukturen auflösen. Wenn wir an interessanten Stellen noch eine Bohrung setzen, können wir genau sagen, was wir da vorliegen haben.« Die Analyse der Bohrkerne erfolgt an der Universität Mainz.

Karte eines Teils des Wattenmeeres
© pur.pur

 
Die besondere Herausforderung in dem Projekt ist die Arbeit in Abhängigkeit von der Tide. Majchczack: »Das Zeitfenster ist immer sehr kurz. Bei ablaufendem Wasser muss man erstmal zu seinem Arbeitsgebiet hin laufen und hat dann zweieinhalb oder drei Stunden Zeit zum Arbeiten. Und dann muss man zusehen, vor dem auflaufenden Wasser wieder zurück zu kommen.« Die klassische archäologische Feldbegehung sei nur dort möglich, wo Fundmaterial freigelegt worden sei. »Die Bereiche, wo das funktioniert, sind natürlich sehr beschränkt. In 90 Prozent der Wattbereiche kommen wir nur mit der Geophysik und den Bohrungen weiter.« Deshalb wurden diese untergegangenen mittelalterlichen Landschaften im Watt bisher auch noch nicht systematisch erforscht. Die Methodik musste erst entwickelt werden, so der Archäologe. »Wir kommen jetzt zum ersten Mal an die von Sediment bedeckten Siedlungsreste ran.«

Interessant seien insbesondere die hochmittelalterlichen Verluste, weil es hierzu kaum Überlieferungen gebe. »Wir wissen nicht genau, wie groß diese Landschaft war, die verloren gegangen ist, wie die Ortschaften ausgesehen haben, wie man gewirtschaftet hat und vor allem was man damals alles getan hat, um die Landschaft in Besitz zu nehmen und zu sichern«, so Majchczack.

Erste Erkenntnisse hierzu wurden im Vorgängerprojekt gewonnen, berichtet Wilken. »Wir haben in unserem Untersuchungsgebiet rekonstruieren können, wo der Deich verlief, wie die Warften an den Deich angeschlossen waren und wo Felder und Wege lagen. In dem Vertikalschnitt sehen wir zum Beispiel, dass der Deich in diesem Bereich höher war als die angeschlossene Warft. Das heißt, wenn der Deich brach, wurde auch die Warft, also der Hügel, auf dem Häuser standen, überflutet.«

Autorin: Kerstin Nees

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