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Eine Frage der Haltung

Die Weidehaltung von Milchkühen kann ein wichtiger Baustein für die nachhaltige Milcherzeugung sein. In puncto Produktivität und Wirtschaftlichkeit ist sie eine echte Alternative zu anderen Haltungsformen.

Weidende Kuh
© Cecilia Loza

Die Mischung mit acht Pflanzenarten inklusive Wiesenkräutern, Klee und weiteren Leguminosen kam bei den Kühen besonders gut an.

Saftig frisches Grün von der Weide – mehr brauchen Kühe nicht, um Milch und Fleisch in hervorragender Qualität zu produzieren. »Kühe sind essentiell für die menschliche Ernährung, weil sie aus für den Menschen unverdaulicher Biomasse hochwertiges Protein herstellen, und dass auch auf Standorten, wo Ackerbau nicht möglich ist«, betont Dr. Carsten Malisch vom Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung. Der Agrarwissenschaftler ist Mitarbeiter in der Abteilung Grünland und Futterbau/Ökologischer Landbau (Leitung: Professor Friedhelm Taube) und erforscht, wie sich die Weidehaltung von Kühen optimieren lässt, bei gleichzeitig möglichst geringen negativen Umweltfolgen. Bei der Rinderhaltung ist natürlich das Treibhausgas Methan ein wesentlicher Aspekt in der Forschung. Wichtig dabei ist aber laut Malisch, nicht den Methanaustoß isoliert zu betrachten. Und dabei erweist sich die Weidehaltung als vorteilhaft. »Das Futter wird regional erzeugt, sprich es muss kein Soja-Konzentrat aus dem Ausland zugekauft und transportiert werden, für dessen Produktion womöglich Regenwald abgeholzt wurde. Außerdem speichern Grünlandsysteme sehr viel Kohlenstoff im Boden.«

Dass die weidebasierte Fütterung von Rindern auch hinsichtlich produzierter Milchmenge und Qualität konkurrenzfähig ist, hat das europäische Forschungsprojekt SusCatt bewiesen, an dem neben der Uni Kiel Institutionen aus Norwegen, Schweden, Großbritannien, Polen und Italien beteiligt sind. Der Kieler Part des Verbundprojektes beschäftigte sich mit der Frage, ob die Zusammensetzung des Grünfutters auf der Weide einen Unterschied hinsichtlich Milchproduktion und Methanausstoß macht. Dafür wurden auf dem ökologischen Versuchsgut Lindhof zwei verschiedene Ansaatmischungen fürs Grünland getestet: die übliche Gras-/Weißkleemischung und eine Mischung, die acht verschiedene Kräuterarten und Leguminosen enthielt. Bei dieser vielfältigen Mischung waren auch Arten dabei, die durch ihren Gehalt an Gerbstoffen (Tanninen) den Tieren bei der Verdauung helfen sollten, so dass sie weniger Methan ausstoßen. Zumindest wurde in Laborversuchen bestätigt, dass gerbstoffhaltige Kräuter dieses Potenzial haben. Die Jersey-Milchkühe des Lindhofs wurden in zwei Gruppen geteilt und grasten entweder auf der Gras-Klee-Weide oder der artenreicheren Weide. Über ein Jahr hinweg wurde die Milchleistungen der Kühe erfasst, die abgegebenen Methanmengen wurden zweimal über zwei Wochen gemessen.

Wie viel Methan die Kühe abgeben wird über eine spezielle Technik gemessen (siehe Kasten). Cecilia Loza, die in der Abteilung Grünland und Futterbau/Ökologischer Landbau promoviert, hat sich bereits in ihrer Masterarbeit an der Universidad de la República, Uruguay, auf die Weidehaltung von Milchvieh spezialisiert und Methanemissionen von grasenden Milchkühen untersucht. In ihrer Doktorarbeit befasst sie sich damit, ob die Zugabe von gerbstoffhaltigen Pflanzen die Milchproduktion verbessern und die Methanemission reduzieren kann.

»Tatsächlich war die Milchleistung der Kühe, die auf der artenreichen Weide gegrast hatten, etwas höher. Die Kühe haben aber auch mehr gefressen«, erklärt Loza, die auch dokumentiert hat, wie viel gefressen wurde und welche Zusammensetzung und Futterqualität die Weide tatsächlich hatte. Anders als erwartet, wurde jedoch kein Rückgang der Methanemission nachgewiesen. Die etwas höhere Milchleistung auf der artenreichen Weide ging mit einer etwas höheren Methanbildung einher.

»Aber mit Emissionen von insgesamt acht bis zehn Gramm Methan pro Kilogramm Standardmilch bleiben wir auf einem im Vergleich zur internationalen Literatur sehr niedrigen Niveau«, betont Malisch. Dass die gerbstoffreichen Arten nicht zu der erwarteten Reduktion der Methanemission geführt hatten, führt er auf die sehr kleinen Mengen dieser Pflanzen zurück. »Die Flächen wurden sehr stark beweidet, und in diesem System können die einfach nicht mithalten, sprich sie wachsen nicht schnell genug nach.« Stolz ist der Agrarwissenschaftler auf die sehr hohe Milchleistung. »Sie war vergleichbar mit Jersey-Kühen aus einer anderen Studie, die bei gleichem Körpergewicht 61 Prozent Kraftfutter in der Ration aufgenommen haben.« Dies sei vor allem das Resultat der exzellenten Futterqualitäten und hohen Futteraufnahmen auf der Weide. »Wir haben durch rotierende Flächen dafür gesorgt, dass die Kühe immer sehr junges und gut verdauliches Weidefutter fressen konnten.«

Autorin: Kerstin Nees

Marker-Technik zur Methanmessung

Um den Methanaustoß der Milchkühe auf der Weide zu messen, wurde in dem angezeigten Projekt SusCatt die Schwefelhexafluorid (SF6)-Marker-Technik verwendet. »Das ist eine der sehr wenigen Methoden, die man auf der Weide anwenden kann und die die Tiere weder belastet noch in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkt«, erklärt der Kieler Agrarwissenschaftler Dr. Carsten Malisch. Die sonst angewandte Respirationskammer mit Fixation des Tieres in einem engen Raum, die sehr genau alle Zu- und Abflüsse einer Kuh in der Kammer misst, sei hier nicht geeignet. Bei der SF6-Technik liegt eine kleine Kapsel im Vormagensystem, die Schwefelhexaflluorid enthält und das Tier absolut nicht belastet. »Das Gas ist komplett ungefährlich und wird auch bei Menschen genutzt, als Spurengas beim Röntgen. Es hat den Vorteil, dass es überhaupt nicht mit dem Körper reagiert, sondern innerhalb kürzester Zeit komplett ausgeatmet wird. Wir haben vorab auch mit dem Biolandverband abgeklärt, dass wir die Technik im Ökolandbau anwenden dürfen, weil wirklich nachgewiesen ist, dass absolut nichts davon in der Milch geht«, betont Malisch. Das in der Kapsel enthaltene Testgas wird mit einer gleichbleibenden Rate aus dem Vormagensystem ausgeatmet. Die Kühe bekommen für die Messung einen Rucksack umgeschnallt, an dem sich zwei kleine Zylinder befinden und der gewichtstechnisch für die Tiere keine Probleme darstellt. Diese sammeln über Schläuche kleine Mengen Atemluft vor dem Maul der Tiere ein. »Weil wir wissen, wie viel SF6 ausgegast wurde, wissen wir, wie viel Prozent der Atemluft in den Zylindern gesammelt wurden. Darüber können wir ausrechnen, wie viel Methan die Kuh ausgeatmet hat«, erklärt der Wissenschaftler. (ne)

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