unizeit Schriftzug

Wenn der Paketdienst mehrfach klingelt

Deutschland lässt liefern. Die Folge davon sind verstopfte Straßen und unzufriedene Menschen. Ein Forschungsprojekt untersucht, wie Unternehmen ihre Lieferverkehre besser planen und steuern und damit für glückliche Kundinnen und Kunden sorgen können.

Geparkte Lieferwagen in einer Straße
© Paketda

Was für den einen sehr bequem ist, ist für den anderen ein Ärgernis. Denn die Folge von vielen Lieferungen sind verstopfte Straßen.

Die Post- und Paketdienste, der Supermarkt-Lieferservice, die Bio-Kiste vom Bauernhof und die Pizzabestellung am Abend: Deutschland lässt liefern. Eine Folge des zunehmenden Lkw-Verkehrs in den Städten sind verstopfte Straßen, Lärm und Abgase. Von Erholung dank Lieferservice kann keine Rede mehr sein, wenn man wegen der auf der Fahrbahn geparkten Lieferautos immer wieder im Stau steht oder permanent von seinem Schreibtisch oder vom Sofa geklingelt wird, um Pakete für die gesamte Nachbarschaft anzunehmen. »Wenn die Lebensqualität der Menschen durch den Lieferservice abnimmt, führt das bei den Unternehmen langfristig zu Kundeneinbußen«, weiß Dr. Catherine Cleophas. Wie Firmen dagegen ansteuern können, untersucht die Professorin für Service Analytics am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Kieler Universität gemeinsam mit Professor Jan Fabian Ehmke von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. »Wir wollen wissen, wie Unternehmen ihre Frei-Haus-Lieferungen in Ballungsräumen besser planen und steuern können, um die Pakete schnell und unkompliziert auszuliefern, die Menschen zufriedenzustellen und dabei auch noch Geld zu verdienen.«

Ab 2014 lief das erste Forschungsprojekt zu dem Thema, wie man den Lieferservice für Unternehmen profitabler machen kann, erläutert Cleophas. Zum Beispiel lohne es sich für ein Unternehmen nicht, nur für einen Liter Milch quer durch die Stadt zu fahren. Wenn ein Lieferdienst Adressen mehrfach ansteuern muss, um Pakete zu unterschiedlichen Zeitfenstern zuzustellen, sei das ebenfalls wenig profitabel. »Die Kosten-Nutzen-Rechnung muss stimmen.« Die Forschungsgruppe hatte basierend auf den Daten eines deutschen Online-Lebensmittelhändlers eine Computer-Simulation entwickelt, die zeigt, wie mithilfe von Planungs-Algorithmen Lieferungen effizient und kundenorientiert durchgeführt werden können. »Eine Lösung war, dass sich die Haushalte nur bestimmte Zeitfenster aussuchen können, zu denen die Lieferung erfolgt«, erklärt Cleophas.

Wir wollen wissen, wie Unternehmen ihre Frei-Haus-Lieferungen in Ballungsräumen besser planen und steuern können, um die Pakete schnell und unkompliziert auszuliefern.

Catherine Cleophas

»In der Simulation funktionierte das perfekt, in der Realität zeigten sich Schwachstellen.« Eine davon ist der mangelnde Informationsfluss: Kommt die Lieferung wegen eines Staus oder des Ausfalls eines Lieferwagens verspätet oder gar nicht an, ist der Ärger groß – wenn die Empfänger nicht informiert werden. Zudem gibt es in der Realität zunehmend politisch gewollte Einschränkungen für den Lieferverkehr: »In manchen Innenstädten herrscht ein Dieselfahrverbot auf einigen Straßen, in anderen dürfen Lkw zu bestimmten Zeiten gar nicht in die City fahren.« Dazu komme, dass immer öfter Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit des Lieferverkehrs von Seiten der Politik gefordert werden. »All diese Faktoren und ihre Auswirkungen wollen wir in unserem Folgeprojekt berücksichtigen«, sagt Cleophas. Forschungsmittel dafür seien beantragt.

Catherine Cleophas
© Jürgen Haacks

Catherine Cleophas

Ein erster Schritt wird das Erweitern der Computersimulation sein, mit der Varianten durchgespielt werden können. »Ideen dafür gibt es viele«, sagt Cleophas. Zum Beispiel Paketlieferungen über die vorhandene Infrastruktur, wie Busse, Straßenbahn oder gar durch teilautonom fahrende Fahrzeuge. Das Entladen könnte an Sammelstationen erfolgen, an denen die Kundinnen und Kunden die Pakete selbst abholen. »Aber vielleicht finden wir ja noch andere Lösungsansätze für den Transport auf den letzten Metern.«

Wie oft Pakete so ausgefahren werden können und wie viele Sammelstationen es geben müsste, soll ebenso erforscht werden wie die Möglichkeiten, die Kundenzufriedenheit zu erhöhen. »Die ist wichtig, um die Menschen langfristig an ein Unternehmen zu binden.« Hier kommen die Ausfahrerinnen und Ausfahrer ins Spiel. »Der Lieferzeitpunkt ist häufig der einzige physische Kontakt zwischen dem Unternehmen und den Kundinnen und Kunden. Den Paketbotinnen und -boten kommt also die große Aufgabe zu, durch guten Service das Unternehmen gut zu vertreten.«

Wie man Personalplanung und Organisation der Lieferungen effizient gestalten kann und trotz unsicherer Nachfrage und unsicheren Verkehrsbedingungen Erfolge einfährt, sind weitere Punkte, die in den kommenden drei Jahren im Forschungsprojekt thematisiert werden. »Die Idee ist, am Ende Ergebnisse zu liefern, die sowohl für die Unternehmen als auch für die Stadtplanung von Interesse sein könnten.« Bis dahin jedoch muss der Paketdienst wohl noch ein paarmal klingeln.

Autorin: Jennifer Ruske

unizeit-Suche:

In den unizeit-Ausgaben 27-93 suchen