Wissensaustausch auf Augenhöhe

Professorin Silja Klepp ist neue Co-Inhaberin des UNESCO-Lehrstuhls für Integrierte Meereswissenschaften. Sie lenkt den Blick auf die politischen und sozialen Dimensionen von Klimawandel und Umweltveränderungen.

Betonwall an einer Mittelmeerküste
© Barbara Dombrowski, Uni Kiel

Als Küstenschutzmaßnahme haben sich Wälle oder andere Strukturen aus Beton nicht bewährt. Dennoch sind sie immer noch an vielen Orten, wie hier auf Sizilien, gang und gäbe.

Kiribati, Sizilien und zukünftig Kapverden – wenn Professorin Silja Klepp von ihren Wirkungsstätten erzählt, kommen Urlaubssehnsüchte auf. Doch Sonnenschein und paradiesische Strände sind nur die eine Seite. Es gibt dort auch erhebliche Umweltprobleme, vor allem bedingt durch den Klimawandel. Das betrifft nicht nur die Inselstaaten im Südpazifik oder im Zentralatlantik, sondern auch Europa. »Der Klimawandel ist mitten in Europa angekommen«, sagt die Sozialgeographin. »Ich arbeite in Sizilien zu Klimawandelanpassung und Küstenschutz.« Ein Problem dort ist die Erosion der Küsten, zu deren Schutz harte Infrastrukturen, also Beton, eingesetzt werden. Dabei sei mittlerweile erwiesen, dass das nicht funktioniere. Warum diese erfolglosen Maßnahmen nicht eingestellt werden und was die Hintergründe sind, ergründet Klepp in ihrer Forschung. »Hier geht es um unterschiedliche Interessen, den Zugang zu Ressourcen und oftmals auch um unterschiedliche Vorstellungen von einer guten Zukunft für die Insel.«

Diese sozialwissenschaftliche Perspektive möchte Silja Klepp auch in den UNESCO-Chair einbringen, den sie sich mit dem Meereschemiker Professor Arne Körtzinger vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel teilt. Denn, so Klepp: »Maßnahmen zur Klimaanpassung können nur dann erfolgreich sein, wenn politische und soziale Dimensionen berücksichtigt werden.« Räumlich liegt das Wirkungsfeld des Lehrstuhls auf den Kapverden. Der Archipel mit seinen 15 Inseln liegt etwa 570 Kilometer vor der Westküste Afrikas und ist schon lange ein wichtiger Standort für die Meeresforschung: Das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel betreibt auf der Kapverden-Insel São Vicente eine Forschungsstation. Diese ist nicht nur Ausgangspunkt für Expeditionen, sondern auch ein internationaler Ort der Begegnung für den wissenschaftlichen Nachwuchs der Kapverden und der Region Westafrika. »Ich finde, es ist eine Riesenchance, dass wir die Möglichkeit haben, vor Ort und in dieser Bildungspartnerschaft interdisziplinär zu arbeiten und die wichtigen sozialwissenschaftlichen Aspekte von Klimawandel und Umweltveränderungen aufzuzeigen. Wir haben in Capo Verde tolle Voraussetzungen, mit den Studierenden und Forschenden vor Ort, den Institutionen und der Zivilgesellschaft ins Gespräch zu kommen«, betont Klepp, die am Geographischen Institut die Arbeitsgruppe Soziale Dynamiken in Küsten- und Meeresgebieten leitet.

Mit einer Förderung von 60.000 Euro für drei Jahre unterstützt der meereswissenschaftliche Forschungsschwerpunkt Kiel Marine Science (KMS) an der Uni Kiel die Aktivitäten innerhalb des UNESCO-Chairs. Das Geld fließt zum Beispiel in die Organisation von Sommerschulen und ermöglicht Lehrangebote auf den Kapverden.

An ökologischen Problemen mangelt es auch auf den Kapverdischen Inseln nicht. Eins davon ist die Sandgewinnung, die zu Erosion führt und unter sehr harten Arbeitsbedingungen geschieht. Klepp: »Das ist ein Umweltkonflikt, bei dem soziale Aspekte eine große Rolle spielen.« Wichtig ist ihr in der Bildungspartnerschaft, die der UNESCO-Chair bietet, den Austausch mit den Menschen vor Ort auf Augenhöhe zu gestalten, »so dass kein neuer kolonialer Kontext entsteht. Ich habe in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit oft beobachtet, wie Projekte von oben mit westlicher Technik und westlichem Wissen geplant wurden. Wenn örtliche Gegebenheiten und lokales Wissen nicht berücksichtigt werden, können aber keine nachhaltigen Erfolge erzielt werden.«

Autorin: Kerstin Nees

UNESCO-Lehrstuhl

Die UNESCO (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization) ist die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Das UNESCO-Lehrstuhlprogramm wurde 1992 eingerichtet. Zu den Prinzipien der weltweit mehr als 700 UNESCO-Lehrstühle gehören die internationale Vernetzung, insbesondere im Nord-Süd-Bereich, sowie die Förderung des interkulturellen Dialogs.

In Deutschland gibt es derzeit 14 UNESCO-Lehrstühle mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten, die sich den Zielen der UNESCO und den Zielen der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung verpflichten. An der Kieler Universität gibt es seit 1997 einen UNESCO-Lehrstuhl in den Meereswissenschaften. Diesen teilen sich aktuell Arne Körtzinger, Professor an der Uni Kiel und Meereschemiker am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, und Silja Klepp, Professorin für Humangeographie am Geographischen Institut der Uni Kiel. Sie folgt auf Dr. Jörn Schmidt, der zum Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES), Kopenhagen, wechselte.

Weitere Informationen: www.unesco.de/bildung/unesco-lehrstuehle

Über Kiel Marine Science (KMS)

Kiel Marine Science (KMS), das Zentrum für interdisziplinäre Meereswissenschaften an der CAU widmet sich der interdisziplinären Erforschung der Meere an der Schnittstelle von Mensch und Ozean. Dabei bündeln die Forschenden ihre Expertise aus unterschiedlichen natur- und gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen und untersuchen die Risiken und Chancen, die das Meer für den Menschen bereithält und bilden die nächste Generation fachübergreifend aus. Gemeinsam mit Akteuren außerhalb der Wissenschaft arbeiten sie weltweit und transdisziplinär an Lösungen für eine nachhaltige Nutzung und den Schutz des Ozeans.

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