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Röntgenbild der wissenschaftlichen Zusammenarbeit

Die enge Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche gilt als eine der großen Stärken der Uni Kiel. Wie interdisziplinär sie wirklich ist, will die Strategieabteilung sichtbar machen – ebenfalls disziplinenübergreifend mithilfe der Informatik.

Komplziertes Geflecht von farbigen Linien und Punkten
© Isabella Peters

Wie sehr arbeiten die Fachbereiche der Uni Kiel zusammen? Die Grafik zeigt einen Ausschnitt aus dem Netzwerk von Kooperationen. Dabei steht jeder Punkt für eine Autorin oder einen Autor, jede Linie für eine gemeinsame Publikation.

Klimawandel, Energiewende, soziale Ungleichheit – viele Herausforderungen unserer Zeit sind so komplex, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Fächer gemeinsam daran forschen. An der CAU werde besonders interdisziplinär gearbeitet, heißt es zum Beispiel auf der Webseite. Aber lässt sich das auch belegen? »Wir wollen herausfinden, ob wir als Universität wirklich so interdisziplinär sind, wie wir selbst gern behaupten«, sagt Pascal Sadaune, Leiter der Abteilung Strategie und Planung. Die Frage, wie sich Interdisziplinarität überhaupt sichtbar machen lässt, brachte ihn auf Isabella Peters. Die Professorin für Web Science erforscht am Institut für Informatik Formen der wissenschaftlichen Kommunikation – von Publikationen bis zu Diskussionen in sozialen Medien. Peters ist Expertin darin, Informationsflüsse in großen Gruppen zu analysieren und die Verbindungen zu visualisieren. »Die soziale Netzwerkanalyse kommt eigentlich aus den Sozialwissenschaften. Sie wird unter anderem in der Terrorfahndung eingesetzt, um aufzuzeigen, wer mit wem in Kontakt steht«, erläutert Peters.

Gemeinsam mit Student Oliver Hahn hat Peters eine Grafik erstellt, die einen Einblick in interdisziplinäre Forschungskooperationen an der CAU gibt. Als Bezugsgröße dienten ihnen Fachartikel, die mehrere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gemeinsam veröffentlicht haben. Was auf den ersten Blick an eine Mischung aus einem Sternenhaufen und einem buntem Wollknäul erinnert, nennt die Professorin ein »Röntgenbild der wissenschaftlichen Zusammenarbeit«, das Raum für Diagnosen lässt.

»Jeder Punkt steht für einen Wissenschaftler oder eine Wissenschaftlerin der Uni Kiel. Haben zwei zusammen eine Publikation veröffentlicht, sind sie durch eine Linie verbunden. Je näher die Punkte einander sind, desto enger die Zusammenarbeit«, erläutert Hahn. Anhand der verschiedenen Farben lassen sich mit einem Blick Kooperationen zwischen Instituten und Fakultäten erkennen.

Grundlage der Grafik ist ein Datensatz aus dem »Web of Science«, einer umfassenden Datenbank, die in der Regel englischsprachige Fachartikel aus Zeitschriften hoher Relevanz umfasst. Um die Daten mit Methoden der Netzwerkanalyse auswerten zu können, musste jeder Autor und jede Autorin eindeutig einem Institut zugeordnet werden – gar nicht so einfach angesichts uneinheitlicher Angaben in den Publikationen selbst, Namensänderungen oder nur vorübergehender Forschungsaufenthalte von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

»Die gemeinsamen Publikationen sind der einzige echte Nachweis, den wir von Kooperationen haben. Aber natürlich ist das nur ein Bruchteil der interdisziplinären Zusammenarbeit, die täglich an der CAU passiert«, betont Peters. So kann die Grafik, in die 4.694 Publikationen eingeflossen sind, keine Auskunft über die rechtswissenschaftliche und die theologische Fakultät geben, weil ihre Publikationen in der Datenbank nicht enthalten sind. Auch die Zusammenarbeit mit externen Einrichtungen spiegelt sie nicht wieder. Da Fächer an Hochschulen oft unterschiedlichen Fakultäten zugeordnet sind, ist ein Vergleich mit anderen Universitäten auf diese Weise nicht möglich. Ein möglichst vollständiger Datensatz, wie er gerade im Rahmen des Forschungsinformationssystems (FIS) für die Uni Kiel aufgebaut wird, könnte weitere spannende Analysemöglichkeiten eröffnen, sind sich Peters und Hahn sicher.

Und wie interdisziplinär wird nun an der Uni Kiel wirklich geforscht? Peters lacht. »Wir können auf jeden Fall sagen, dass die Uni Kiel nachweisbar interdisziplinär zusammenarbeitet – und zwar in allen Fakultäten, die wir auswerten konnten.« Das Instrument der Netzwerkanalyse liefere keine einfachen Antworten, sondern helfe, gezieltere Fragen zu stellen. Zum Beispiel, welche Kooperationen waren bisher nicht bekannt? Wie fördern Forschungsschwerpunkte und Exzellenzcluster die Zusammenarbeit? Wo könnte eine interdisziplinäre Professur eine Brücke zwischen Disziplinen schlagen? Sadaune: »Diese Analyse aus der Informatik liefert uns spannende erste Anhaltspunkte. Sie ist Teil des Puzzles, aber nur eine von vielen Methoden, um uns als Uni selbst zu reflektieren.«

Autorin: Julia Siekmann

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