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Christian–Albrechts–Universität zu Kiel
Institut für Medizinische Informatik und Statistik
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50 Jahre IMIS – Institut für Medizinische Informatik und Statistik im Klinikum der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

J. Hedderich, S. Konrad, M. Krawczak

Mit einem Festkolloquium feierte das IMIS am 13.11.2015 sein 50jähriges Bestehen. Dieses Jubiläum war auch der Anlass, einen kurzen Rückblick auf die wechselvollen Anforderungen und Arbeitsbereiche eines aus historischer Sicht recht neuen Fachgebietes in der Medizinischen Fakultät der CAU zu geben. Dabei sind die technischen und methodenorientierten Entwicklungen am Institut nur im Spannungsfeld zwischen Informatik und Angewandter Statistik bei unterschiedlichen klinischen Anforderungen zu verstehen.

Gründung des Instituts

Der Gründung des Instituts für Medizinische Statistik und Dokumentation der CAU im Jahre 1964 gingen langjährige Bemühungen der Kieler Klinik für Dermatologie unter der Leitung von Prof. Albin Proppe (1907-1990) voraus, am Standort eine maschinengerechte Befunddokumentation auf der Grundlage standardisierter und strukturierter Krankenblätter aufzubauen.
     
Abbildung 1: Albin Proppe und Gustav Wagner

Unterstützung fand Proppe bei Prof. Gustav Wagner (1918-2006), der als Dermatologe mit seiner Ernennung zum wissenschaftlichen Rat und Professor am 8. Juni 1962 eine eigenständige Abteilung für Medizinische Dokumentation und Statistik in der Hautklinik Kiel übernahm.

Den Empfehlungen des Wissenschaftsrates aus dem Jahr 1960 folgend, wurden zu dieser Zeit auch an anderen Universitäten schwerpunktmäßig wissenschaftliche Einrichtungen auf dem Gebiet Medizinische Statistik und Dokumentation gegründet. Die Empfehlungen resultierten aus der Erkenntnis, dass diese Bereiche für die medizinische Forschung unentbehrlich waren.

Als allerdings im Februar 1964 an der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg ein Ordinariat unter gleicher Bezeichnung errichtet wurde, verbunden mit einer Leitungsfunktion beim Aufbau des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), folgte Wagner dem Ruf auf diesen Lehrstuhl und verließ Kiel im Mai 1964 in Richtung Heidelberg.

Medizinische Statistik und Dokumentation (Prof. Gerhard Griesser)

An der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität in Kiel wurde ein Lehrstuhl für Medizinische Statistik und Dokumentation eingerichtet, auf den im Frühjahr 1964 Gerhard Griesser (1918-2001) als ordentlicher Professor berufen wurde. Griesser hatte 1960 als Chirurg an der Medizinischen Fakultät der Universität Tübingen zum extrakorporalen Kreislauf bei chirurgischen Eingriffen habilitiert und war dort von 1961-1964 als Abteilungsleiter in der Chirurgie unter anderem auch für die Medizinische Dokumentation und Statistik zuständig.

Abbildung 2: Gerhard Griesser

Unter Griessers Leitung wurde am 1.12.1964 das Institut für Medizinische Dokumentation und Statistik (IMDS) an der Medizinischen Fakultät in Kiel gegründet. Mit der Gründung des Instituts stand die Einführung der automatischen Datenverarbeitung im Fokus. Ziel war es, in Zusammenarbeit mit den Kliniken und Instituten der Medizinischen Fakultät sowie auch der Verwaltung des Klinikums, die im Behandlungsprozess der Patienten anfallenden Informationen allen Beteiligten möglichst zeitnah zur Verfügung zu stellen. Ein weiterer Schwerpunkt lag in der Auswahl, Vermittlung und Anwendung statistischer Verfahren in der Medizin: Vorlesungen und Übungen zur Biomathematik für Studenten sowie die Beratung und Unterstützung wissenschaftlicher Arbeiten an der Fakultät.

Dabei waren die räumlichen Gegebenheiten sowie die personelle und technische Ausstattung des Instituts zunächst sehr bescheiden. In der alten HNO-Klinik standen nur zwei Räume und ein Vorraum zur Verfügung. Zusätzliche Räumlichkeiten mussten in der Dahlmannstraße angemietet werden, und erst 1968 erfolgte der Umzug in die Räumlichkeiten der alten Universitätsbibliothek in der Brunswiker Str. 2a, wo sich heute das Medizinhistorische Museum befindet.

Die technische Ausstattung des Instituts erfolgte noch auf der Grundlage der Einschätzungen von Gustav Wagner. Für den anfänglich gemieteten Maschinenpark des Instituts kam zunächst noch das Max-Planck-Institut für Dokumentationswesen in Frankfurt auf, aus dem später das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) hervorging. Dazu gehörten zwei Locher, ein Doppler und ein Prüflocher zur Datenerfassung auf Lochkarten, eine Sortiermaschine mit Fachzähleinrichtung, um die Karten nach unterschiedlichen Kriterien sortieren zu können, ein Kartenmischer und eine Tabelliermaschine zur Erstellung von Statistiken in der Form von Tabellen.

Abbildung 3: Frühe technische Ausstattung

Die Finanzierung der Geräte erfolgte dann ab 1965 aus Landesmitteln, wobei die Firma IBM zunächst 40% Preisnachlass auf die Miete der Maschinen gewährte. Ergänzt wurde die Ausstattung durch eine elektrische Schreibmaschine und eine elektrische Tischrechenmaschine. Neben dem Institutsleiter wurden zunächst eine Sekretärin, eine Dokumentationsassistentin und ein Tabellierer fest eingestellt.

Erst 1974/75 erhielt das Institut eine moderne elektronische Rechenanlage vom Typ IBM 360-50. Diese war die Grundlage für ein eigenes Rechenzentrum, welches Gerhard Griesser schon im Rahmen der Berufungsverhandlungen zugesagt worden war, und das weitgehend durch Fördermittel der DFG und durch Mittel des Landes finanziert werden konnte. Die Speicherung der Daten auf Magnetplatten und Magnetbändern eröffnete neue Perspektiven.

Für die Bedienung mussten Maschinisten eingestellt werden, die einen unterbrechungsfreien Lauf in zwei Schichten von 6:30 Uhr bis 22:00 Uhr ermöglichten. Für die weitere Entwicklung eines Informationssystems wurden am Institut in der Folge neue Stellen für wissenschaftliche Assistenten und Programmierer geschaffen. Für die Programmierung wurde neben einem maschinennahen ASSEMBLER insbesondere die Programmiersprache PL/I verwendet.

Auf der Grundlage des Medical Information System Program (MISP) der Firma IBM wurden unter dem Betriebssystem DOS (disk operating system) schrittweise dialogorientierte, funktionelle Erweiterungen eines umfassenden Krankenhausinformationssystems (KIS) geschaffen, u. a. zur Aufnahme und Entlassung stationärer Patienten, Bereitstellung von Vorbefunden aus vorangehenden Aufnahmen sowie zur Erfassung von Entlassungsdiagnosen und Risikofaktoren. Das KIS wurde allerdings nicht von Anfang an von allen Klinikleitern angenommen.

Abbildung 4: IMDS (1974)

Ein wesentlicher Beitrag Griessers zur Medizinischen Dokumentation im Klinikum der Christian-Albrechts-Universität bestand darin, dem KIS schrittweise bis zum Jahr 1980 in allen 12 Kliniken zur Durchsetzung verholfen zu haben, nicht zuletzt durch die Einigung auf eine einheitliche Basisdokumentation und durch die Einführung eines erweiterten fünfstelligen Diagnoseschlüssels ICDE/KI auf der Basis der International Classification of Diseases ICD8/ICD9. Damit konnte insbesondere auch ein automatisierter Datenaustausch über Magnetbänder mit dem Rechenzentrum der Ortskrankenkassen im Rahmen der stationären Abrechnung erfolgen, und die Teilnahme an der landesweiten Krankenhausdiagnosestatistik für alle stationären Behandlungsfälle im Statistischen Landesamt ließ sich ermöglichen.

Der zweite Aufgabenbereich des neu gegründeten Instituts betraf die Entwicklung und Einführung statistischer Verfahren in der medizinischen Forschung. Dazu kam Dr. Lothar Sachs im Jahre 1965 an das IMDS. Sachs absolvierte das Staatsexamen in den Fächern Botanik, Zoologie, Chemie und Philosophie an der Freien Universität in Berlin und wechselte später an das Institut für Physiologische Chemie der Universität Kiel, wo er eine Dissertation über den Hefestoffwechsel anfertigte. Zu Beginn der 60ger Jahre nahm Sachs zunächst eine Stelle im Labor der Frauenklinik an. Ein Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit war hier die Bestimmung von Steroidhormonen im Harn von Schwangeren. Als Laborchef und Assistent übernahm er auch die Betreuung der Doktoranden in der Frauenklinik. Die dabei aufgedeckten Defizite hinsichtlich methodischer Grundkenntnisse führten Sachs zu der Sammlung statistischer Verfahren, die in der 1. Auflage 1968 beim Springer Verlag unter dem Titel „Statistische Auswertungsmethoden“ erschien und anschließend über Jahrzehnte zu einem Bestseller wurde.

Abbildung 5: Lothar Sachs

Nach seinem Wechsel an das IMDS gab Sachs Hilfestellung bei der Methodenwahl sowie der Anwendung statistischer Verfahren auf wissenschaftliche Arbeiten der Kliniken und theoretischen Institute der Fakultät. Die „Biomathematik“ als Methodik der klinischen Forschung wurde im Dezember 1973 verpflichtend in die Approbationsordnung aufgenommen. Allerdings bestand noch Unsicherheit, welche Verfahren hier vermittelt werden sollten. Sachs nahm hierzu 1978 als Delegierter der Bundesrepublik Deutschland an einer von der WHO in Karachi organisierten Konferenz zum Thema „Teaching Statistics to Medical Undergraduates“ teil, in der die zentralen Fragen „Warum-Was-Wie-durch Wen“ international diskutiert wurden. 1974 habilitierte sich Sachs für das Fach Medizinische Statistik und Dokumentation mit einer Arbeit zum Thema „Numerischer Vergleich des klassischen Vierfelder-χ2-Tests bei kleinem Stichprobenumfang“.

Medizinische Informatik und Statistik (Prof. Karl Sauter)

Mit der Wahl zum Präsidenten der Christian-Albrechts-Universität im Jahr 1979 schied Gerhard Griesser aus dem Institut aus. Nach einer kurzen Übergangszeit, in der Lothar Sachs kommissarisch die Leitung des Instituts übernahm, wurde Prof. Karl Sauter im Jahr 1980 als Nachfolger berufen. Sauter studierte von 1954-1960 Nachrichtentechnik und Telekommunikation an der Technischen Universität Karlsruhe mit dem Abschluss als Diplom-Ingenieur. Er promovierte 1968 zum Dr. Ing. an der Technischen Universität in München.

Abbildung 6: Karl Sauter

Als Projektleiter für Medizinische Datenverarbeitung bei der Siemens AG (1968-1970) entstand der Kontakt zu Prof. Peter Reichertz (1930-1987), dem Leiter des Instituts für Medizinische Informatik an der Medizinischen Hochschule Hannover. Sauter wechselte als Oberassistent und stellvertretender Direktor an dieses Institut, habilitierte sich 1973 für das Fach Medizinische Informatik und wurde 1976 zum apl. Professor ernannt.

Sauters wissenschaftliches Interesse galt komplexen Datenstrukturen und dem kontrollierten Zusammenspiel einzelner Elemente in solchen Strukturen. Unter seiner Leitung wurde die Modellierung klinischer Daten in hierarchischen und relationalen Strukturen untersucht und auf die Anwendungen im KIS übertragen. Die Programmentwicklung basierte dabei auf dem relationalen Datenbanksystem MIMER, einer Entwicklung an der Universität in Uppsala unter Prof. Werner Schneider, die von Manfred Jainz in den 80ger Jahren auf dem Zentralrechner des Instituts implementiert wurde.

Unter der Leitung Sauters verlagerte sich der Schwerpunkt der Arbeiten am Institut noch weiter in den Bereich der Datenverarbeitung. Eine Ursache war sicher die rasante technische Entwicklung auf diesem Gebiet, andererseits erforderten die gesetzlichen Änderungen im Gesundheitswesen, insbesondere auch die geänderte Krankenhausfinanzierung, fortlaufende Anpassungen und die Weiterentwicklung einzelner Komponenten des KIS.

Mehrfach wurde der Austausch der zentralen Rechneranlage erforderlich. Im Jahr 1980 erfolgte ein Wechsel von der IBM360/50 auf das System IBM370/145, nach vier Jahren dann zum Rechner NAS5000E und letztlich 1987 die Umstellung auf den Rechner AS/6620 der Firma Hitachi: 1.6MIPS, 8MByte realer Hauptspeicher und 8 GByte Magnetplattenspeicher.

Abbildung 7: Austausch und Umzug der zentralen Rechneranlage

Die Aggregate mussten in aufwendigen Aktionen mit einem Kranwagen durch die Fenster entsorgt bzw. neu angeliefert werden. Der Investitionsbedarf lag jeweils bei mehreren Millionen DM, nicht zuletzt durch den aufwendigen Auf- und Ausbau des Netzwerkes durch die dezentrale Lage der Klinikgebäude auf dem Campusgelände.

Ein Blick auf den Stand des Ausbaus im Jahr 1984:
  • Zentrales Rechnersysten mit Kommunikationsrechnern für 24 feste Datenfernver-arbeitungsleitungen, an das 96 Datensichtgeräte, 19 Drucker und 36 PCs angeschlossen waren.
  • Das integrierte Krankenhausinformationssystem (KIS) mit der zentralen Patientendatenbank, die medizinische und administrative Basisdaten von 230.000 Patienten zu über 380.000 Klinikaufenthalten enthielt.
  • Das Lymphknotenregister der Abteilung Allgemeine Pathologie (Leiter Prof. Karl Lennert) mit Daten von über 72.000 Präparaten von 56.000 Patienten. Das Register lieferte die Grundlagen für die Entwicklung der international anerkannten Klassifikation der malignen Lymphome nach Lennert.
  • Das Kindertumorregister der Abteilung Paidopathologie (Leiter Prof. Dieter Harms) mit Daten zu 7.500 Präparaten von 6.500 Patienten.
  • Das pädiatrische Epilepsieregister der Abteilung Neuropädiatrie (Leiter Prof. Hermann Doose), bestehend aus dem Hauptregister mit Daten aus mehr als 84.000 EEG-Ableitungen von 12.000 Personen, sowie dem Familienregister mit ca. 1.600 Indexfällen und 5.400 Familienmitgliedern. Auf der Basis des EEG-Registers definierte Doose das Krankheitsbild der Myoklonisch Astatischen Epilepsie (Doose-Syndrom).
  • Das Nachsorgeregister für das im Aufbau befindliche Tumorzentrum Kiel mit Daten von ca. 3.000 Patienten, 1.900 Ersterhebungen, 4.100 Folgeerhebungen, 2.100 verwalteten Nachsorgeterminen und 8.100 histologischen Befunden.
Nach dem Verkauf des Gebäudes in der Brunswiker Str. 2a an die CAU musste das Institut 1988 in neue Räumlichkeiten in der ehemaligen Lubinus-Klinik in der Brunswiker Str. 10 umziehen. Das Rechenzentrum belegte das Sockelgeschoss, im Erdgeschoss erhielt das Institut ausreichende Räumlichkeiten, um alle Mitarbeiter in einem zusammenhängenden Bereich unterzubringen. Die Finanzplanung für die folgenden Jahre 1988 bis 1992 sah übrigens anstehende Investitionen in Höhe von 7.108.000 DM vor.

Abbildung 8: IMIS in neuen Räumen (1988)

Im Jahr 1991 erhielt das Institut aufgrund einer Satzungsänderung des UKK nach langen Bemühungen seine jetzige Bezeichnung IMIS, die insbesondere der Bedeutung der Medizinischen Informatik im Aufgabenspektrum des Instituts gerecht wurde.

Die Anforderungen der Klinikverwaltung an die Programmentwicklung und die damit verbundenen Rechnerressourcen stiegen aufgrund gesetzlicher Neuregelungen in den 80ger-Jahren stark an. Finanzbuchhaltung, Anlagenbuchhaltung, Personalverwaltung und Personalabrechnung, Kosten- und Leistungsrechnung bezeichnen hier nur einige spezielle Anwendungsfunktionen, die am Institut mit den bestehenden Personalressourcen nicht zu realisieren waren. Sie wurden daher an die Datenzentrale des Landes Schleswig-Holstein (heute Dataport) übertragen und verursachten enorme Folgekosten für das Klinikum. Daher wurde das Rechenzentrum des IMIS im April 1995 der Verwaltung des Klinikums unterstellt. Damit verbunden war auch die Übernahme zahlreicher Kollegen aus dem Bereich des Rechenzentrums, so dass sich die Zahl der Mitarbeiter des IMIS halbierte. Am 1.1.1996 nahm das neue zentrale Klinikums-Informations- und Kommunikationssystem (KIKS) seinen Betrieb auf. Die Anwendungen im Zusammenhang mit der Basisdokumentation wurden über Schnittstellen mit einem Server im IMIS noch einige Jahre aufrechterhalten und dann eingestellt.

Der Bereich der Statistik wurde bis 1993 durch Lothar Sachs geleitet. Nach dessen Emeritierung übernahm Jürgen Hedderich diese Aufgabe bis zum Jahr 2001. Neben den Vorlesungen und Übungen zur Biomathematik (hier noch die Bezeichnung nach der alten Approbationsordnung) war die Vorlesungsreihe im Rahmen des „Ökologischen Stoffgebiets“ – Informationssysteme, Praxissysteme, Datenschutz und Epidemiologie – eine besondere Herausforderung. Das Beratungsangebot zu statistischen Verfahren wurde durch die Einführung eines Oberseminars für Assistenten und Oberärzte ergänzt.

Zu den Aufgaben des Instituts gehörten auch die Entwicklung und der Einsatz von Hilfsmitteln und Werkzeugen bei der Anwendung statistischer Verfahren. Zur Zeit der Gründung des Instituts (1964) standen zwei Tischrechner zur Verfügung, die später durch Taschenrechner ersetzt werden konnten. Größere Datensätze wurden ab dem Jahr 1975 unter Verwendung von PL/I-Programmen aus dem „Scientific Subroutines Package“ der Firma IBM auf dem zentralen Rechner des Instituts ausgewertet. In den 80er und 90er Jahren wurde das Statistikprogramm BMDP (Biomedical Computer Programs, University of California and Los Angeles) genutzt. Die späte Einführung „intelligenter Datenstationen“ (PCs) ermöglichte erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts den vielseitigen Einsatz der Programmsysteme SPSS und R auf lokalen Arbeitsplätzen.

Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens (Prof. Michael Krawczak)

Karl Sauter wurde im März 2001 emeritiert. Nach einer kurzen Übergangsphase, in der das IMIS von Manfred Jainz kommissarisch geleitet wurde, kam das Institut unter das Direktorat von Prof. Michael Krawczak. Seine Berufung auf den Kieler Lehrstuhl für Medizinische Informatik und Statistik ist im Zusammenhang mit den damaligen Anstrengungen der Kieler Medizinischen Fakultät zu sehen, einen molekulargenetisch orientierten internistischen Forschungsschwerpunkt zu etablieren.

Abbildung 9: Michael Krawczak

Diese neue Themensetzung erforderte besondere Expertise im Bereich der mathematischen Genetik und der genetischen Epidemiologie, die es in dieser Form in Kiel nicht gab, der Krawczak aber durch seine vorangegangene wissenschaftliche Tätigkeit umfassend gerecht wurde. Er hatte in Göttingen Mathematik und Volkswirtschaftslehre studiert und war unmittelbar nach seinem Diplom 1984 in das dortige Institut für Humangenetik eingetreten. Nach seiner Promotion zu einem Thema, das man heute wohl der Bioinformatik zuordnen würde, war er bis 1991 in der Göttinger Humangenetik und anschließend am Schwesterinstitut der Medizinischen Hochschule in Hannover als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Er habilitierte sich dort 1994 für das Fach „Humangenetik“, was ihm die Möglichkeit eröffnete, seine wissenschaftlichen Arbeiten als Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft am Institut für Medizinische Genetik der Universität Cardiff in Wales fortzusetzen. Vor seiner Berufung war er dort Professor für mathematische Genetik.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass dem IMIS mit dem neuen Direktorat auch ein umfassender Themenwechsel bevorstand. Populationsgenetische, bioinformatische und molekulargenetische Fragestellungen standen von nun an im Zentrum des wissenschaftlichen Portfolios des IMIS.

Auch in der Lehre wurden durch eine Vorlesung zum Thema „Populationsgenetik und genetische Epidemiologie“ Akzente in diese Richtung gesetzt. Nichts desto trotz blieben die Medizinische Statistik und die Biometrie auch nach 2001 eines der Kernanliegen des Instituts - besonders in der Lehre und in der Beratung von Doktoranden, Habilitanden und wissenschaftlichen Kooperationspartnern.

Nach der 2006 erfolgten Neufassung der Ausbildungsordnung für Ärzte oblag dem IMIS in der Lehre die Koordination des neu geschaffenen Querschnittsbereiches 1. Nach längerem Probieren und Verwerfen verschiedener Konzepte konnte hierfür ein Format mit Vorlesung, Übung und Literaturseminar gefunden werden, das den Studierenden fortan einen interessanten und nachhaltigen Einblick in die Methodik des wissenschaftlichen Arbeitens erlaubt.

Die jüngere Vergangenheit des IMIS ist von einer Reihe infrastruktureller Entwicklungen geprägt, die bis heute nachhallen. So wurde 2008 auf der Grundlage eines Konzeptes, das Krawczak gemeinsam mit Kollegen der Fakultät, insbesondere Prof. Ingolf Cascorbi vom Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie, ausgearbeitet hatte, das Kieler Zentrum für Klinische Studien (ZKS) aus der Taufe gehoben. Unter der Leitung von Kristina Brandt wurde ein zertifiziertes Aus- und Fortbildungsprogramm für klinische Forscher und das Studienpersonal vor Ort etabliert. Inzwischen bietet das ZKS Kiel mit insgesamt acht Mitarbeitern Dienstleistungen für alle Bereiche der Studiendurchführung an und hat sich erfolgreich an der Einwerbung von Drittmitteln beteiligt. Zudem leistet das ZKS Kiel einen wichtigen Beitrag zur Vernetzung der Forschenden sowie der Unterstützung verschiedener Gremien beim Thema „Klinische Studien“, etwa in Zusammenarbeit mit dem Krebszentrum Nord.

Von Anbeginn war Krawczak auch in die Kieler Aktivitäten im Rahmen des Nationalen Genomforschungsnetzes involviert. In Zusammenarbeit mit Prof. Stefan Schreiber gelang es ihm, in diesem Rahmen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) Mittel für den Aufbau einer Biobank in Kiel einzuwerben. Diese Biobank besteht unter dem Namen „PopGen“ bis heute und wird seit dem Auslaufen der BMBF-Förderung im Jahr 2009 vom Land Schleswig-Holstein finanziert. PopGen war auch der Ausgangspunkt für die Einwerbung von BMBF-Mitteln zur Einrichtung eines Biobanken-Netzwerks in Kiel, das seit vier Jahren unter der Bezeichnung „P2N“ an der Zusammenführung verschiedenster Biomaterialsammlungen am Kieler Standort des UKSH arbeitet. Diese Aktivitäten wären undenkbar ohne die tatkräftige Mithilfe und gute Zusammenarbeit mit dem Inhaber des Lehrstuhls für Epidemiologie der CAU, Prof. Wolfgang Lieb.

Der Schwerpunkt des Instituts in der Genetischen Epidemiologie wurde mit der Berufung von Prof. Astrid Dempfle auf die Professur für Statistische Genetik im Oktober 2014 deutlich verstärkt. Dempfle ist Mathematikerin und hat in Gießen und Montpellier (Frankreich) studiert. Schon in ihrer Diplomarbeit bearbeitete sie ein von einer medizinischen Fragestellung inspiriertes Thema. Das schon viel früher familiär geweckte Interesse an der statistischen Genetik führte zunächst zu einer Doktorandenstelle am Helmholtz-Zentrum München und schließlich an das Institut für Medizinische Biometrie und Epidemiologie der Philipps-Universität Marburg zu Prof. Helmut Schäfer.

Abbildung 10: Astrid Dempfle

Dort gestaltete sie maßgeblich das im Rahmen des Nationalen Genomforschungsnetzes neu etablierte Genetisch-Epidemiologische Methodenzentrum, das einen Schwerpunkt in der statistischen Methodik zur Untersuchung von Gen-Umwelt-Interaktion setzte und die langjährig etablierte Expertise des Marburger Instituts auf dem Gebiet der klinischen Studien ergänzte. In diese beiden Schwerpunkte kooperierte Dempfle dann insbesondere mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie, wobei sie u.a. genetische Studien zum ADHS, zur Adipositas und zu genetischen Mechanismen der Körpergewichtsregulation und schließlich auch klinische Studien zur Therapie von Essstörungen von statistischer Seite plante und auswertete.

Auch in Kiel ist Dempfle im Beirat des Zentrums für Klinische Studien und engagiert sich sehr für wissenschaftsinitiierte klinische Studien, bei denen sie aktiv an Planung und Antragsstellung mitwirkt und in einem weiten Spektrum mit etlichen Kliniken am UKSH kooperiert. Fokus ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit ist weiterhin die statistische Genetik und genetische Epidemiologie, die nun besonders Anwendung in den Schwerpunkten der Kieler Fakultät finden werden.

In jüngster Zeit ist auch wieder die Informatik ins Blickfeld des IMIS gerückt. So beteiligt sich das Institut seit 2013 am Aufbau einer eigenständigen Forschungsdaten-Infrastruktur der Medizinischen Fakultät, die insbesondere den Übergang klinischer Daten aus der Versorgung im UKSH in die wissenschaftliche Nutzung durch Mitglieder der Fakultät ermöglichen und unterstützen soll. Es scheint also, als ob 15 Jahre nach der thematischen Schwerpunktverlagerung durch Michael Krawczak die Bearbeitung informationstechnischer Fragestellungen wieder einen maßgeblichen Raum im Aufgabenspektrum des IMIS einnehmen wird.