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Nr. 30, 28.05.2005  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Sich tragen lassen

Trendsportarten wie Aqua-Fitness und Aqua-Jogging erfreuen sich großer Belieb­theit, »Bahnen ziehen« dagegen ist out. Mit Sorge beobachten Experten, dass immer weniger Kinder schwimmen lernen.


Eine von der DLRG (Deutsche Lebens­rettungs­gesellschaft) in Auftrag gegebene repräsentative Bevölkerungsumfrage aus dem vergangenen Jahr hat ergeben, dass gut drei Viertel aller Befragten über 14 Jahre schwimmen können. Von den jüngeren Kindern sind es nach Angaben der Eltern nur zwei Drittel. Es sieht also so aus, dass heute weniger Kinder schwimmen lernen.

»Ein großer Anteil von Kindern lernt nicht mehr im üblichen Alter von sechs bis zehn Jahren das Schwimmen und kommt als Nichtschwimmer in die weiterführenden Schulen«, betont Bettina Frommann vom Sportinstitut der CAU. Die Fachleiterin für den Bereich Schwimmen appelliert daher an alle Eltern, ihren Kindern das Schwimmen beizubringen oder sie »im guten motorischen Lernalter, in dem sie mit sechs, sieben Jahren sind, zu einem Schwimmkurs anzumelden«. Denn der Schwimmunterricht in der Schule ist im Grunde nur für Kinder, die schon schwimmen können. Frommann: »Wenn wir ein Kind haben, das in die fünfte, sechste Klasse kommt und nicht schwimmen kann, aber alle anderen können es, dann kann ich mich als Lehrkraft nicht um einen einzigen Schüler kümmern.«

Dass heute weniger Kinder schwimmen lernen, liegt auch an den verschlechterten organisa­torischen Rahmenbedingungen. Bäder werden geschlossen oder in Wellnessanlagen mit Strudeln, Whirlpool und Wasserrutsche umgewandelt. Diese Spaßbäder sind für die Besucher teurer und eignen sich meist nicht für Schwimmer, die einfach nur ihre Bahnen ziehen wollen.

Dass es tatsächlich an Sportstätten für den Schwimmunterricht an Schulen fehlt, hat eine Untersuchung von Professor Christoph Breuer ergeben. Im Rahmen der DSB-Sprint-Studie hat der Kölner Professor für Sportökonomie die Nutzbarkeit der Sportstätten für den Schulsport auf der Basis von 4000 Schulen in allen Bundesländern analysiert. Sein ernüchterndes Resultat: Nicht vorhandene oder schlecht erreichbare Sportstätten sind der größte Hinderungsgrund für das Durchführen von Sportunterricht. Dazu erklärt Professor Wolf-Dietrich Miethling: »Bislang haben wir ja immer geglaubt, dass der Mangel an Sportlehrern das größte Problem sei. Natürlich fehlt es auch an Sportlehrern, aber noch schlimmer ist der Mangel an geeigneten Sportstätten, und da wiederum sind gerade die Schwimmmöglichkeiten besonders ungünstig.« So können mehr als 20 Prozent aller Schulen in Deutschland keine Sportstätten für den Schwimmunterricht nutzen.

Zudem kommt, dass sich die Bedingungen für das Schulschwimmen drastisch geändert haben. »Wenn heute eine Klasse zum Schwimmunterricht geht, dann ist es selten eine allein, sondern mehrere gemeinsam«, so der Kieler Professor für Sportpädagogik. »Den Schülern bleibt somit weniger Platz im Wasser. Da kann man sportdidaktisch nichts Sinnvolles mehr machen.« Das führe sowohl zu Überforderung als auch zu Unterforderung. Statt positive Bewegungserfahrungen im Wasser zu machen, werde die Schwimmstunde zu einem frustrierenden Erlebnis für Schüler und Lehrer. Hinzu kommen Disziplinprobleme. Interesse am Bewegen im Wasser wird unter diesen Bedingungen nicht geweckt.

Dabei ist das Schwimmen eine ganz besondere, eine einzigartige Sportart. Miethling: »Schwimmen ist ein elementarer Bereich unseres Bewegungslebens. Die Art und Weise sich wie im Wasser zu bewegen, hat man ansonsten nicht. Weil das Wasser trägt, erlaubt es uns ganz besondere Erfahrungen: Durch die physikalischen Eigenschaften des Wassers in Relation zu den eigenen Bewegungen entsteht ein ganz eigenes Bewegungsgefühl.«

Daneben hat das Schwimmen als Sportart auch gesundheitliche Vorteile. Das Wasser übt positive Reize auf das gesamte Herz- Kreislauf-System aus. So wird zum Beispiel die Atem­muskulatur besonders gekräftigt, weil man ständig gegen den Wasserwiderstand ein- und ausatmen muss. Regelmäßiges Schwimmen stärkt die Abwehrkräfte. Und das Muskelkraft­training erfolgt im Wasser sehr schonend. »Das Wasser hat den Vorteil, dass es die Bewegungen weich macht«, so Bettina Frommann. »Abrupte Bewegungen werden im Wasser abgebremst, die Verletzungsgefahr ist gering. Und gerade für übergewichtige Menschen ist das Wasser eine Chance, weil man nur ein Zehntel wiegt.«

Das Fazit der Schwimmlehrerin: »Jedes Kind muss schwimmen können. Dafür sind wir alle verantwortlich. Wenn ich keinen Handstand kann, komme ich trotzdem wunderbar durchs Leben, aber wenn ich nicht schwimmen kann, dann kann das lebensbedrohlich sein.« (ne)
Stichwort Schulschwimmen
In Schleswig-Holstein findet der Schwimmunterricht normalerweise in der fünften oder sechsten Klasse stattfindet. Die Regularien hierfür sind in dem Schwimm- und Badeerlass des Kultusministeriums festgelegt. Den Unterricht erteilen Sportlehrer. Wer in Kiel Sport studiert, hat auch eine Pflichtausbildung im Bereich Schwimmen, die ist recht umfangreich.

Gymnasialschullehrer müssen zum Beispiel sechs und Realschullehrer vier Semester­wochenstunden Schwimmen absolvieren sowie zusätzlich einen Erste-Hilfe-Kurs und das DLRG-Abzeichen in Silber nachweisen. Es kann nur jemand mit dieser Schwimmausbildung oder einer entsprechenden Qualifi­kation (Schwimmlehrbefähigung) Schwimmen unterrichten. In der Grundschule ist ein Schwimm­unterricht offiziell nicht vorgesehen.
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