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Nr. 30, 28.05.2005  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Mehr als ein Blütenmeer

Der Botanische Garten darf nicht zum "Kartoffelacker" für die Forschung werden. Was Professor Helmut Uhlarz damit meint, erklärt er im Gespräch mit unizeit.


Kaktusblüte. Foto: Uni Kiel / Botanischer Garten

Professor Uhlarz, Sie sind seit 1989 wissen­schaftlicher Leiter des Botanischen Gartens in Kiel. Was ist nach ihrer Auffassung die wichtigste Aufgabe eines Bota­nischen Gartens?

Helmut Uhlarz: Die wichtigste Aufgabe ist, die Vielfalt des Lebendigen zu präsentieren und bewusst zu machen. Wir sollten in einem Botanischen Garten erleben können, was pflanzliche Vielfalt ist und wie man sie wissenschaftlich erklären kann. Das Phänomen Leben hat zwei Gesichter: Einheit und Vielfalt. Es zeigt einerseits eine große Einheitlichkeit vieler Lebensprozesse der Organismen auf der molekularen Ebene und andererseits die Vielfalt der Arten, ihrer Strukturen und Anpassungen. Wir können in einem Botanischen Garten sehr schön illustrieren, wie wohl die Evolution stattgefunden hat.

Dies ist bereits der fünfte Botanische Garten in der Geschichte der Kieler Universität. Warum brauchte man diesen neuen Garten nach dem Krieg?

Es war selbstverständlich, dass eine Universität einen Botanischen Garten hat. Er wurde ja auch noch ganz stark genutzt in der Darstellung der organismischen Botanik. Früher waren die Vorlesungen so, ich habe das noch 1980 im Rahmen eines Gastjahres hier erlebt, dass in der Hauptvorlesung sehr, sehr viele Pflanzen aus dem Garten herein gebracht wurden. Heute ist der Anteil der organismischen Botanik, in der man noch mit ganzen Pflanzen zu tun hat, sehr stark reduziert.

Viele Studierende betrachten die klassische Botanik als ein verstaubtes Fach, als unnötigen Ballast. Die molekularen Strukturen interessieren mehr, als die sichtbaren.

Der Fortschritt biologischer Forschung geschieht heute ohne Zweifel auf der molekularen Ebene. Es ist verständlich und zu begrüßen, dass die molekularbiologische, molekulargenetische Forschung, die am Ende vielleicht auch ökonomischen Gewinn verspricht, gefördert wird. Und es ist selbstverständlich, dass die Molekularbiologie und Molekulargenetik auch in der Lehre, in der Ausbildung heutiger Biologen breiten Raum einnehmen muss.
Aber das darf nicht zu Lasten der organismischen Botanik gehen. Die Botanik droht ihre Mitte zu verlieren, zwischen der molekularen Ebene und einer abstrakten ökologischen Ebene. Es gibt viele Studierende, die es für überholt halten, sich noch mit den systematischen Kategorien zu befassen, also zu wissen, was ein Reich, ein Unterreich, eine Abteilung, eine Klasse ist, und denen die Pflanzennamen fremd sind. Zukünftige Lehrer, die nur einseitig molekularbiologisch interessiert sind, können aber ihren Schülerinnen und Schülern die Natur nicht so nahe bringen wie jene Lehrer, die auch die Flora kennen, die auf die Wunder an Pflanzen hinweisen können, zum Beispiel auf Bestäubungsmechanismen, auf Ausbreitungsmechanismen.

Warum ist es auch heute noch wichtig, die ganze Pflanze, ihre Gestalt und anatomische Struktur, ihre verwandtschaftlichen und ökologischen Bezüge zu studieren? Das kann man doch alles in Büchern nachlesen.

Die molekulare Ebene der belebten Natur wird mit Methoden der Chemie erforscht und mit chemischen Begriffen beschrieben. Über dieser Ebene gibt es aber die Vielfalt der Lebewesen, die auch mit anderen Methoden erforscht und in einer anderen Sprache beschrieben werden. Würde man die Biologie in Forschung und Lehre auf die molekulare Ebene reduzieren, gingen ihr die Methoden und Begriffe zur Erforschung und Beschreibung der uns umgebenden Lebewesen am Ende verloren. Um sie zu erhalten und weiter zu entwickeln, bedarf es der klassischen Zoologie mit ihren Sammlungen und der klassischen Botanik, zu der ein Botanischer Garten gehört. Lehrbücher mit ihren Abbildungen können die Anschauung am lebenden Objekt, Pflanze oder Tier, nicht vollständig ersetzen. Es ist einfach etwas anderes, wenn man eine Pflanze in der Hand hat und an ihr ein Experiment vornimmt, zum Beispiel einen Bestäubungsvorgang selbst durchführt.

Welchen Stellenwert hat die organismische Botanik im Zeitalter der Molekularbiologie?

Sie ist unentbehrlich. Vor Jahren konnte ich für die Heidelberger Pathologie einen unbekannten, bindegewebig eingekapselten Gegenstand aus der Stirnhöhle eines Verstorbenen holzanatomisch identifizieren. Es war das abgebrochene Ende eines Federhalters aus amerikanischer Bleistiftzeder. Gelegentlich muss ich als Gutachter bestimmen, von welcher Gehölzart eine Wurzel stammt, die ein Abwasserrohr verstopft hat. Selbst für das Landeskriminalamt durfte ich pflanzliche Strukturen identifizieren. Für solche Identifikationen, die nicht alle durch DNA-Analysen ersetzt werden können, muss man die Pflanzenanatomie gut kennen. Man muss im Mikroskop lesen können. Das sind Dinge, die früher mehr gelehrt wurden als heute. Und schließlich, wer im Freiland Pflanzen bestimmen möchte, muss die ganze Pflanze anschauen und nach äußeren Merkmalen bestimmen. Man kann nicht mit einer PCR-Anlage in der Hosentasche und mit einem Sequenzer in der anderen durch die Landschaft ziehen, um herauszukriegen, was ein Gänseblümchen ist.

Wenn man das Programm anschaut, scheint es nicht so, als ob der Botanische Garten primär den Studierenden dient. Welche Aufgabe hat er innerhalb der Stadt?

Für die Stadt ist er ein Bildungsort. Wir versuchen, den Menschen Pflanzenkenntnis zu vermitteln. Immerhin gibt es sehr viele Leute, die Pflanzen zu Hause haben. Hier erfahren sie zum Beispiel eine ganze Menge Gärtnerisches. Darüber hinaus geht es uns auch darum, ihnen die Mitgeschöpfe auf unserer Erde zu erläutern und deren Nöte und Sorgen auch. Deswegen weisen wir im Garten auf Pflanzenarten hin, die auf der Roten Liste stehen.

Wie kann man einen Botanischen Garten auch in Zukunft mit Sinn und Leben füllen?

Er muss natürlich der Forschung und Lehre dienen. Für Veranstaltungen der organismischen Botanik wird Material aus dem Garten geholt, und manche Lehrveranstaltung finden auch im Garten statt. Auch für den molekularen Teil der Botanik liefert er Pflanzenmaterial. In Gewächshäusern, die speziell ausgewiesen sind, werden gentechnisch veränderte Pflanzen kultiviert. Das sind Hauptaufgaben, die bleiben. Darüber hinaus soll der Botanische Garten ein Ort der Begegnung von Universität und Gesellschaft sein. Man muss sich vor Augen halten, dass die Botanik, und die Biologie weithin, durch die Fortschritte in der Genforschung in den Augen vieler Menschen zu einer gefährlichen Wissenschaft geworden ist. Da sollte man aufklären. Wir brauchen den Dialog von Wissenschaft und Öffentlichkeit. Der Garten kann dazu beitragen, die unsichtbare Schranke zwischen Universität und Bevölkerung abzubauen.

Die Universität ist Teil der Gesellschaft. Sie ist der Teil, in dem die Gesellschaft über sich selbst nachdenkt. Deswegen müssen wir darauf achten, dass in der Botanik, in der Biologie ganz allgemein, nicht das rein Ökonomische die Oberhand gewinnt.

Ich komme noch einmal darauf zurück, auf den Sinn des Botanischen Gartens. Er darf nicht zum Kartoffelacker werden. Das waren die Gärten, als es Deutschland ganz schlecht ging, und als man aus ökonomischen Gründen Botanische Gärten zu Kartoffeläckern machte. Heute droht eine ähnliche Gefahr, dass nämlich unter ökonomischen Gesichtspunkten Forschung und Lehre ausgerichtet werden auf das, was nutzbar erscheint. Erliegen wir der Gefahr, dann werden die Botanischen Gärten wieder verarmen. (ne)
Botanisches Institut und Botanischer Garten
Am Botanischen Garten 1-9
Öffnungszeiten: täglich 9-18 Uhr (April bis September)
Schaugewächshäuser ab 9:30 Uhr geöffnet.
www.uni-kiel.de/Botanik/botgar.html

Veranstaltungen:
– 23. Mai bis 12. Juni, Ausstellung zu Papier- und Faserpflanzen
– 05. Juni, Jubiläumsfeier: 20 Jahre neuer Botanischer Garten
– 18./19. Juni, Tag der offenen Gärten
– 19. Juni, Eröffnung des Skulpturensommers um 11 Uhr, Ausstellung bis August
– 26. Juni, für eine Woche: Bildhauersymposium mit fünf teilnehmenden Künstlern
20 Jahre Neuer Botanischer Garten
Die Einrichtung eines Botanischen Gartens in Kiel lässt sich fast bis zur Gründung der CAU zurückverfolgen. 1669 als hortus medicus im Schlossgarten gegründet, folgten mehrere Gärten an verschiedenen Orten: Falkstraße (1727), Prüne (1803), Düsternbrooker Weg (1884), bis schließlich der heutige Botanische Garten ab 1975 auf dem Campus der Universität entstand. Am 6. Juni 1985 wurde der Garten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der rund acht Hektar große Garten feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Jubiläum.

Den klassischen Kern bildet im Freiland die Abteilung "Arznei, Heil- und Gewürzpflanzen" mit über 100 Arten Medizinalpflanzen. Die Systematische Abteilung zeigt die Verwandtschafts­beziehungen der Bedecktsamer in stammbaum­artiger Darstellung auf. Sie prägen heute das Pflanzenkleid der Erde. In sieben Gewächshäusern können Besucher die verschiedenen Pflanzen der unterschiedlichen Klimazonen in einem Rundgang kennen lernen. Der Botanische Garten der CAU unterhält mit über 400 Botanischen Gärten in aller Welt einen ausführlichen Samentausch. Dabei kann er regelmäßig Samen von mehreren hundert Pflanzenarten anbieten.
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