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Nr. 35, 08.04.2006  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Das Kieler Manuskript

Im vergangenen Jahr ist im Suhrkamp-Verlag die anonyme Mitschrift einer Vorlesung des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel erschienen. Das Originalmanuskript lag in der ehemaligen Pädagogischen Hochschule Kiel.


Zwischen 1968 und 1969 tauchte in der Grund- und Hauptschule Sterley-Seedorf im Kreis Herzogtum Lauenburg ein altes, beschädigtes Manuskript auf. Die Schulleiterin Helga Wassermann ahnte, dass sie einen bedeutenden Fund gemacht hatte. Sie behielt Recht: Das alte Schriftstück war eine Mitschrift der letzten Vorlesung zur Philosophie des Rechts, die Georg Wilhelm Friedrich Hegel im Wintersemester 1821/22 in Berlin gehalten hatte. Diese Mitschrift – auch Kieler Manuskript genannt – übergab Wassermann der damaligen Pädagogischen Hochschule Kiel.

»Wer das Manuskript verfasst hat, bleibt trotz Nachforschungen auf den Gutshöfen der Gegend und Durchforsten der Hörerlisten des betreffenden Semesters ein Geheimnis«, berichtet Eike Beall. Die studentische Mitarbeiterin am Philosophischen Seminar hat die Spur des Kieler Manuskripts zurückverfolgt.

Hansgeorg Hoppe, ein in Kiel lebender Professor für Philosophie an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, nahm sich das schwer entzifferbare Vorlesungsprotokoll vor, untersuchte es eingehend und brachte es im vergangenen Jahr im Suhrkamp Verlag heraus. Die Mitschrift ist für die Forschung wertvoll, weil sie die letzte Lücke in der Reihe der rechtsphilosophischen Vorlesungen Hegels schließt. Außerdem dokumentiert sie die erste Vorlesung Hegels nach Erscheinen seiner Schrift »Grundlinien der Philosophie des Rechts« im Jahr 1820 und könnte damit die Frage beantworten, ob Hegel im mündlichen Vortrag, der weniger unter dem Druck der Zensur stand, den Tenor der Druckfassung zurückgenommen, verändert oder gar revidiert hat. Hegels Rechts- und Staatsphilosophie gilt im Allgemeinen als konservative Rechtfertigung der politischen Verhältnisse im Preußen der Restaurationszeit. Dennoch hat Hegel wie kein anderer die philosophische Diskussion über die Grundstrukturen des Staates bis heute bestimmt. »Das philosophische Gebäude Hegels wurde nicht nur von Konservativen in Anspruch genommen, die die Machtverhältnisse in Preußen verteidigten, sondern auch vom jungen Karl Marx, der Hegel als Denker der Widersprüche entdeckte«, erklärt Beall.

War Hegel wirklich der Anwalt der Unantastbarkeit des Staatsgedankens, oder eignet sich seine »Philosophie des Rechts« im Gegenteil gar zur modernistischen Kritik an staatlichen Konstrukten? Es bleibt auch bei der Lektüre der Vorlesungsmitschriften von 1821/22 beim »altbekannten Eindruck tiefer Zweideutigkeit«, urteilt der Kieler Philosophieprofessor Ralf Konersmann, der die neue Vorlesungsmitschrift in der Süddeutschen Zeitung rezensiert hat. Doch zumindest eins belegt das Kieler Manuskript: Hegels Modernität. »Seine Rechtsphilosophie, und gerade sie, erhebt Anspruch auf das souveräne Amt der Kritik«, schreibt Konersmann.

Das Originalmanuskript, das sich jetzt in der Landesbibliothek befindet, müsste dringend restauriert werden. Schließlich ist es so bedeutend, dass es zurzeit ins Japanische übersetzt wird. (ne)

Zum weiterlesen: Hansgeorg Hoppe (Hrsg.): Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Die Philosophie des Rechts. Vorlesungen von 1821/22. Frankfurt am Main 2005.
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