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Nr. 41, 07.04.2007  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Trauertrends

Asche im Medaillon zu tragen ist in den Niederlanden schon heute möglich. Doch auch die deutsche Bestattungskultur erfährt einen Umbruch, bei dem sich auch die Kirche neu profilieren kann.


Foto: corbis

»Willkommen in der Ewigkeit.« Mit diesen Worten wird der Besucher eines virtuellen Friedhofs im Internet begrüßt. Der Anbieter dieses Internetauftritts ermöglicht seinen Kunden nicht nur, individuell gestaltete Gedenkseiten für Verstorbene ins Netz zu stellen. Er richtet sich auch an die zukünftigen Toten, »mit Bildern, der eigenen Stimme, kurzen Filmen oder dem geschriebenen Wort, Ihr Vermächtnis wach zu halten.« Und er verspricht: »Nach Ihrem Tode wird Ihre letzte Nachricht weltweit für alle nachfolgenden Generationen zugänglich sein.« Diese Seite ist nur eine von vielen ähnlichen Angeboten zur Trauer- und Gedenkkultur im weltweiten Netz. Noch ist die Nachfrage allerdings gering, wie die spärlichen Einträge auf den jeweiligen Seiten zeigen.

Auch im realen Leben verändert sich der Umgang mit dem Tod. Gerade in Großstädten verlassen immer mehr Menschen den festen Rahmen christlicher Tradition und Zeremonien und suchen sich neue Formen der Beisetzung und Trauerkultur. Neben der anonymen Bestattung im einfachen Rasengrab gibt es auch den Trend zur Individualisierung. Offensichtlich machen sich viele Menschen Gedanken, was nach ihrem Tod mit ihnen geschehen soll. Die Theologie-Professorin Sabine Bobert begrüßt das ausdrücklich: »Noch vor zehn Jahren hieß es, wir verdrängen den Tod und tabuisieren alles, was damit zu tun hat. Das ist überhaupt nicht so. Zum Teil begegnen mir bei gegenwärtigen Menschen konkretere Vorstellungen von Auferstehung und Reinkarnation, als sie derzeit in der Theologie diskutiert werden.«

Im Zuge dieses Umbruchs der Bestattungskultur scheinen die Kirchen ihre dominierende Rolle im Begräbniszeremoniell zu verlieren. So arbeiten bereits jetzt fast alle Bestattungsunternehmen mit freien Rednern, oft arbeitslosen Theologen, zusammen. Für Bobert, die eine ostdeutsche Biografie hat, ist diese Entwicklung nichts Neues. »Ich habe die postchristliche Gesellschaft in der DDR erlebt und freue mich über den Kernbestand volkskirchlicher Traditionen, den es hier im Westen noch gibt. Die christlichen Kirchen verfügen nach wie vor in unserer Kulturlandschaft über das nachhaltigste Know-how im Umgang mit den Toten. Sie müssen sich ihrer eigenen Kompetenz wieder bewusst werden und sich gegebenenfalls alte Traditionsstücke neu aneignen.«

Noch behindert das europaweit rigideste Bestattungsrecht in Deutschland viele Entwicklungen. Aber das könnte sich im Zuge der europäischen Vereinheitlichung ändern. Ein Blick über die Ländergrenzen zeigt, was gegenwärtig schon möglich ist. In den Niederlanden zum Beispiel können die Angehörigen der Einäscherung beiwohnen und anschließend Urne, Videoaufzeichnung des Zeremoniells und Asche im Medaillon mit nach Hause nehmen. Dagegen gibt es nach Ansicht der Professorin für Praktische Theologie auch keine wirklich eindeutig christlichen Argumente. »Man sollte es nicht ablehnen, wenn sich Menschen selbst Gedanken über religiöse oder spirituelle Fragen machen.«

Problematisch seien jedoch Formen, die nicht mehr dem bleibenden Wert eines Menschenlebens Ausdruck verleihen. Bobert: »Die Kirche kann mit ihrer Bestattungskultur einen Beitrag zur Humanisierung der Gesellschaft leisten. Sie könnte zum Beispiel für würdigere Formen bei Sozialbestattungen sorgen. Jeder Mensch, auch der nicht sesshafte, der geistig behinderte, der von Sozialhilfe lebende Mensch, ist der Erinnerung, Trauer und Fürbitte wert.«

Am 11. April um 19:30 Uhr hält Sabine Bobert im Ratzeburger Seniorenwohnsitz einen Vortrag zum Thema: »Zwischen Einäscherungsparty und Online-Friedhof. Zu Umbrüchen in der gegenwärtigen Bestattungskultur.« Veranstalter ist die Schleswig-Holsteinische Universitäts- Gesellschaft, Sektion Ratzeburg. (ne)
Ruhestätten im Wald
Als Alternative zu herkömmlichen Bestattungsarten findet die Bestattung im Wald, dem so genannten »Friedwald«, großen Zuspruch. Ein Friedwald ist ein Areal im Wald, in dem Menschen ihre Asche in einer biologisch abbaubaren Urne an den Wurzeln eines Baumes beisetzen lassen können. Diese letzte Ruhestätte eignet sich für einzelne Menschen, aber auch für eine ganze Familie. Am Baum wird ein Namensschild angebracht, das in gewisser Hinsicht den Grabstein ersetzt. In Deutschland gibt es diese Art der Bestattung seit 2001, inzwischen wurden in mehreren Bundesländern die Bestattungsgesetze novelliert und die Bestattung im Friedwald mit aufgenommen. ne
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