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Nr. 41, 07.04.2007  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Aus finnischen Wäldern

Für die Finnen ist der Komponist Jean Sibelius ein Nationalheld. Unabhängig davon hat der Symphoniker durch seinen eigenen orchestralen Stil Musikgeschichte geschrieben. Ein Bericht von Kathrin Messerschmidt.


Foto: aboutpixel.de

Erneuerer der Musik oder Paradebeispiel für naturverbundenes Künstlertum: Die Meinungen über den finnischen Komponisten Jean Sibelius (1865 – 1957) gehen weit auseinander. In Skandinavien, Großbritannien und Amerika wurde sein Werk stets vorbehaltlos anerkannt und aufgeführt, während beim deutschen Publikum, im deutschsprachigen Feuilleton und der akademischen Kritik seine Musik auf ein extrem geteiltes Echo stieß. Die Reaktionen reichen von Ablehnung, ja Verachtung und satirischer Polemik bis zu großer Verehrung und Vereinnahmung für unterschiedliche politische und ideologische Ziele. Nicht nur von der Heimatbundbewegung des frühen 20. Jahrhunderts und von nationalen Strömungen bis hin zum Nationalsozialismus, sondern auch von der DDR wurde Sibelius vereinnahmt. Er galt als Komponist »nordischer« Klarheit und Stärke, finnischer Geschichte und Nationalität oder als künstlerischer Vertreter des »Arbeiter- und Bauernstaates « Finnland. Abneigungen gegen seine Musik ließen sich scheinbar leicht auf seine Herkunft schieben: Der Finne hatte demnach in seinem einsamen Land der Wälder und Seen einfach den Anschluss an eine angemessene Kompositionsweise der Moderne Anfang des 20. Jahrhunderts verpasst.

Tatsächlich stand Sibelius weder einer heimatkünstlerischen noch der nationalsozialistischen, geschweige denn einer sozialistischen Ideologie nachweislich nahe. Sibelius war als Komponist nicht ungebildet, sondern hat viele Reisen nach Europa unternommen, auf denen er zentrale Gestalten des Musiklebens seiner Zeit kennen lernte und ihre Werke studierte. Auch unterschied er zwischen Kompositionen mit »nationaler« Bedeutung und solchen, die er als Beitrag zur allgemeinen künstlerischen Produktion der Zeit verstanden wissen wollte. Er sah sich selbst nicht in erster Linie als Nationalkomponist.

Im Zentrum der Kritik und der Begeisterung standen neben den symphonischen Dichtungen vor allem die Symphonien. Gerade diese Gattung jedoch wurde allgemein als eine »deutsche« Gattung angesehen, deren wichtigste Repräsentanten neben Ludwig van Beethoven zum Beispiel Johannes Brahms und Gustav Mahler hießen. Gerade im deutschsprachigen Raum musste sich Sibelius also an den Maßstäben einer zu seiner Zeit bereits fast 200 Jahre alten und in Deutschland eifrig verteidigten Tradition messen lassen. Als zentrales Kriterium für eine »gelungene« Symphonie galt zum Beispiel der Einfall eines angemessenen »Themas« für die Symphonie. Ein solches »Thema« sollte – wie das Thema einer Rede – eine nachvollziehbare Einheit und Gliederung des musikalischen Gedankengangs sichern, eine logische Entwicklung durchmachen und zuletzt in einer neuen Formulierung zu einem »Ergebnis« kommen, also ein Fazit des Werks ziehen.

Gerade in diesem zentralen Punkt weicht Sibelius’ Musik nun von der Tradition ab. Statt mit fest umrissenen musikalischen Themen arbeitet er in seinen Symphonien vielfach mit eher ausgreifenden, kaum mit den alten Begriffen fassbaren »Klangereignissen«. Er inszeniert »Belichtungswechsel« in der Musik durch schnelle, unvorbereitete harmonische Färbungen oder starke Gegensätze in der Instrumentierung. Statische Klangfelder, in denen nichts zu passieren scheint, werden durch Phasen beschleunigter Veränderungen des Materials abgelöst, die kaum logisch, sondern eher assoziativ zu nennen sind und fast zufällig wirken. Solche überraschenden Wendungen erinnern nicht selten an Filmmusik, die den Überblendungen der Bildführung folgt. Fast unwillkürlich lassen solche Ereignisse bisweilen Bilder von Nebeln, Sümpfen, zerklüfteten Felsen oder sonderbaren Geistern und Göttern vor dem inneren Auge des Hörers erscheinen.

Es ist diese Bildhaftigkeit, die manchem Hörer bis heute merkwürdig vorkommt. Die hergebrachten Kriterien einer »absoluten« Symphonik, deren musikalische Bedeutung vor allem auf dem Thema und seinem Entwicklungspotenzial beruht, greifen hier nicht. Gleichzeitig eröffnet eben diese Art der Komposition mit Klangcharakteren, mit musikalischen Ereignissen und Stillstand die Vereinnahmung für alle möglichen nationalen, ideologischen und gesellschaftlichen Zwecke.

Sibelius' Musik ist »finnisch«, indem es ihr gelingt, eine assoziative Bildhaftigkeit in die abstrakte musikalische Struktur hineinzutragen, die den Hörer dazu einlädt, sie mit seinen jeweiligen Vorstellungen von Finnland (als politische Nation, als unberührtes »germanisches« Land, als »nordisches« Reiseziel)Reiseziel) zu verbinden. Sie ist modern, indem sie die Normen und Regeln ihrer Tradition auf sehr individuelle Weise bricht und konstruktiv erweitert.

Kathrin Messerschmidt hat sich in ihrer Promotion am Musikwissenschaftlichen Institut (»Eine Erscheinung aus den Wäldern« Jean Sibelius’ zweite und vierte Symphonie – Horizonte der Gattungstradition) intensiv mit dem Werk des finnischen Komponisten auseinandergesetzt. Die Arbeit entstand im Rahmen des Kieler Graduiertenkollegs »Imaginatio Borealis. Perzeption, Rezeption und Konstruktion des Nordens«, das seit 1999 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird. Das Projekt verfolgt einen kulturwissenschaftlichen Ansatz. Wissenschaftler aus einem breiten Spektrum von Fächern und Fachrichtungen untersuchen die Vorstellungen vom »Norden«, wie sie uns in Historie, Alltagskultur, Sprache, Literatur, Musik und Kunst bis heute begegnen.

www.uni-kiel.de/borealis
Zum 50. Todestag von Sibelius
Der Sohn eines Arztes wurde am 8. Dezember 1865 in Hämeenlinna, rund hundert Kilometer nördlich von Helsinki, als Johan Julius Christian Sibelius geboren. Er studierte von 1885 bis 1891 in Helsinki, Berlin und Wien Musik und Komposition. Von 1892 an unterrichtete Sibelius Musiktheorie am Musikinstitut zu Helsinki und an der Orchesterschule des Philharmonischen Orchesters. Im Alter von 32 Jahren erhielt er ein dauerndes Staatsstipendium und lebte als freischaffender Komponist.

Sibelius beschäftigte sich früh mit der Sagenwelt und Mythologie seiner Heimat und verarbeitete sie in seinen Werken. Vor allem mit seiner auf dem finnischen Volksepos »Kalevala« fußenden symphonischen Dichtung »Kullervo« und dem Werk »Finlandia«, das den Kampf Finnlands gegen die russische Politik zum Ausdruck brachte, wurde er weithin bekannt.

Innerhalb weniger Jahre brachte Sibelius sein umfangreiches Œvre symphonischer Musik hervor. Mitte der 20er Jahre konnte er auf ein Werk von sieben Symphonien, zahlreichen symphonischen Dichtungen, einem Violinkonzert und etlichen anderen Kompositionen zurückblicken.

Am 20. September 1957 starb er in Järvenpää bei Helsinki, wo er in seinem Haus »Ainola«, benannt nach seiner Frau Aino, über 50 Jahre gelebt hatte. Anlässlich seines 50. Todestages eröffnet das diesjährige folkBALTIKA-Festival am 20. April in Flensburg mit einem Konzert unter dem Motto »Sibelius’ Erben«. ne

www.folkbaltica.de/sibelius.html
www.sibelius.fi
www.sibelius-gesellschaft.de
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