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Nr. 43, 22.07.2007  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Europas Korallen

In den kalten Gewässern des Atlantiks versteckt sich eins der weltweit längsten Korallenriffe. Diesen einzigartigen Lebensraum zerstört die moderne Fischerei mit tonnenschweren Grundschleppnetzen.


Dieses Riff in 330 Metern Tiefe südlich der norwegischen Lofoten ist gerade unter Fischereischutz gestellt worden. Andere hingegen könnten bald wie ein umgepflügter Acker aussehen. Foto: Karen Hissmann / IFM-GEOMAR

Sturmgepeitschte See, Kälte und Nebel – unter der rauen Oberfläche des Nordatlantiks verbirgt sich die faszinierende Schönheit der Korallenwelt, gebaut von der Kaltwasserkoralle Lophelia pertusa. Korallen, die man gemeinhin von tropischen Küstengewässern kennt, gedeihen auch im Atlantik prächtig. Von Nordnorwegen bis nach Spanien/Portugal erstreckt sich im lockeren Verbund ein Korallengürtel, der mit einer Länge von 4.500 Kilometern das bekannte australische »Great Barrier Reef« um mehr als das Doppelte übertrifft. Für den Tourismus sind die europäischen Korallenwälder jedoch nicht interessant, da man sie weder erschnorcheln noch ertauchen kann. Bis zu 1.000 Meter tief unter der Oberfläche liegt die filigrane Schönheit, die unzähligen Tiefseebewohnern Lebensraum bietet. Systematisch erforscht werden die Riffe erst seit 1998, obwohl sie schon länger bekannt sind. »Bereits 1948 wurden die wesentlichen Vorkommen bemerkt und auf einer Karte eingezeichnet. Das hat aber keiner weiter verfolgt. 50 Jahre hat die Karte schlafend zugebracht«, berichtet Professor Professor Wolf-Christian Dullo vom Leibniz-Institut für Meeresforschung (IFM-GEOMAR), der bei einer Expedition mit dem Forschungsschiff »Poseidon« den faszinierenden Lebensraum mit dem Tauchboot aus nächster Nähe bewundern konnte.

Die Riffe der Kaltwasserkorallen sitzen häufig an topographisch erhabenen Positionen, zum Beispiel auf unterseeischen Bergkuppen, an denen sich die Strömungen und somit auch der Nahrungsanteil konzentrieren. Wie und wann sie in den tiefen, kühlen und dunklen Gewässern entstehen konnten, ist bisher noch nicht im Detail erforscht. Bekannt ist, dass sie einen kalkigen, nicht beweglichen Untergrund und relativ hohe Strömungsenergien benötigen. Sie wachsen bei Temperaturen von fünf bis zehn Grad Celsius bis zu zweieinhalb Zentimeter pro Jahr. So haben sie über Jahrtausende bizarre Strukturen gebildet. Das Kalkskelett der weiß- bis zart rosafarbenen Lophelia pertusa kann Äste von mehreren Metern Länge ausbilden. In dem filigranen Geflecht tummeln sich zahlreiche Lebewesen. Seesterne, Schwämme und Krebse sind ständige Bewohner der Riffe. Viele Fische, darunter auch begehrte Speisefische wie Rotbarsch, Kabeljau oder Heilbutt zieht es zum Laichen in die Korallenwälder. Der Nachwuchs findet im Riff Schutz vor Räubern und wird durch die starke Strömung mit Nahrung versorgt. Das wissen auch die Fischer. »Seit dem Mittelalter weiß man, wenn man die Koralle im Netz hat, hat man auch reiche Fischgründe«, so Dullo. »So wie Vögel sich in Hecken ihr Nest bauen, fühlen sich auch Fische im Dickicht wohl.«

Daher konzentriert sich die Hochseefischerei auf genau die Gebiete, wo die Korallenriffe verborgen sind. Mit großen Schleppnetzen, die mit Gewichten von mehreren Tonnen über den Meeresboden geschleift werden, vernichtet sie die jahrhundertealten Korallenstrukturen in kürzester Zeit. Sie zerstört damit nicht nur ein wertvolles Biotop, sondern schadet auch sich selbst: Denn nachfolgenden Fischgenerationen wird jegliche Lebensgrundlage entzogen. Dullo: »Die Netze sind so lang, dass ein kompletter Güterzug darin stehen könnte und haben eine fast fußballfeldgroße Öffnung.

Mit Schleppnetzfischerei, die den Meeresboden berührt, wird eine mit der Größe der Vereinigten Staaten von Amerika vergleichbare Fläche viermal pro Jahr abgefischt.« Von den zerbrechlichen Korallen bleiben danach nur noch Trümmer übrig. Rund ein Drittel der Riff bildenden Kaltwasserkorallen sind bereits zerstört, schätzt der Paläo-Ozeanograph, der zu den Experten des Kieler Exzellenzclusters »Ozean der Zukunft« gehört. Immerhin, einige Riffe vor der norwegischen Küste sowie die Darwin Mounds, rund 180 Kilometer nordwestlich der schottischen Küste, stehen mittlerweile unter Schutz. Sie sind für die Bodenschleppnetzfischerei gesperrt. Nach Ansicht des Kieler Meereswissenschaftlers reicht das nicht aus: »Im Grunde müsste man für die ganzen Tiefseekorallenriffe Sperrzonen errichten, in denen das Fischen verboten ist. Das wäre auch für die Zukunft der Fischerei sinnvoll.« (ne)

www.ozean-der-zukunft.de
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