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Nr. 61, 10.07.2010  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Verräterischer Zahnschmelz

Freundliche Bescheidenheit kennzeichnet sein Wesen, und doch wird Douglas Price als »Gott der Isotope« gerühmt. Als Gastwissenschaftler ist er derzeit auf Schloss Gottorf tätig.


Stimmen Bestattungs- und Geburtsort überein? Ein Vergleich von Zahnschmelz und Bodenproben gibt darüber Aufschluss. Foto: pur.pur

Zu verdanken ist das dem Umstand, dass der Professor aus Wisconsin den Forschungspreis der Alexander von Hum­boldt- Stiftung erhalten hat. Das ist eine weitere, wenn auch besonders ehrenvolle Auszeichnung, die ihn dem Kreis der international herausragenden Wissenschaftler zurechnet. Zu tun haben mag das sicher viel mit Fachwissen und intellektueller Kompetenz. Aber auch mit unspektakulären Eigenschaften wie Neugier und Aufgeschlossenheit. Isotopen-Profi wurde der heute 64-jährige Price jedenfalls erst vor etwa 20 Jahren, als in den Laboren der Archäologen zunehmend mit Isotopen gearbeitet wurde. Isotope sind Varianten eines chemischen Elements, die sich in ihrer Massezahl unterscheiden. In der Regel besitzt jedes natürlich vorkommende Element ein oder wenige stabile Isotope, während seine übrigen Isotope radioaktiv (das heißt instabil) sind und früher oder später zerfallen.

Besonders angetan haben es Professor Price die stabilen Isotope des chemischen Elements Strontium, einem Erdalkalimetall. Sie geben Aufschluss über die individuelle Lebensgeschichte von längst Verblichenen. Denn die Isotopenverhältnisse einer Gesteinsart unterscheiden sich je nach Herkunft des Erdreichs. Das Element bleibt nicht einfach nur im Boden, sondern findet sich auch in den darin wachsenden Pflanzen und schließlich in der Nahrung des Menschen. Durchs Essen wiederum gelangen die Strontium-Isotope ins Blut und finden letztlich ihre Bestimmung als Bausteine der Knochen und der Zähne.

Besonders im Zahnschmelz von Bestatteten lassen sie sich noch nach Jahrhunderten aufspüren. Weil sich zudem diese äußere Schicht der Zähne bereits innerhalb der ersten vier Lebensjahre fest ausgeprägt hat, können Wissenschaftler wie Price herausfinden, ob jemand, der im Alter von 70 oder 80 Jahren verstarb, auch dort geboren worden war, wo er zu Grabe getragen wurde. Die Strontium-Isotope im Erdreich des Todesorts werden dazu mit denen in den Zähnen verglichen. Denn die Isotopenverhältnisse bleiben über Jahrhunderte stabil. Geburts- und Sterbeort stimmen also dann überein, wenn das auch die Isotope tun.

»Oft genug ist das aber nicht der Fall«, berichtet Price. Globalisierung sei mithin keine Erfindung des 21. Jahrhunderts, denn bei bestimmt der Hälfte der Menschen beispielsweise in den Gräbern von Haithabu dürfte es sich um Zuwanderer handeln. Die Anziehungskraft dieser mittelalterlichen Handelsmetropole reichte nach Norwegen, Schweden und in die Slowakei ebenso wie in südliche Länder.

Das bislang immer noch erst ansatzweise vorhandene Wissen über die mittelalterlichen Migrationsbewegungen und ihre Hintergründe will Price während seines achtmonatigen Aufenthalts im Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie erweitern helfen. Neben Projekten in diesem Bereich laufen unter seiner Mitwirkung auch Untersuchungen zu den Wanderwegen einstiger Rentierjäger und zum Übergang von Jäger- und Sammlergemeinschaften zu Ackerbau-Siedlungen in der Jungsteinzeit. Trotz seiner amerikanischen Herkunft ist Nord europa für Price vertrautes Gelände. Erstens kennt er die norddeutsch-skandinavische Region durch seine wissenschaftliche Tätigkeit sehr genau. Und zweitens ist er seit 27 Jahren mit einer Dänin verheiratet, mit der er seit seiner Pensionierung vor zwei Jahren in Kopenhagen lebt.

Martin Geist
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