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Nr. 61, 10.07.2010  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Web 2.0 im Bücherregal

Die Modernisierung im Bibliothekswesen geht mit großen Schritten voran. Schon in wenigen Jahrzehnten könnten manche Bibliotheken frei von Büchern sein.


Der Lesesaal der ZBW Kiel im Jahr 1919 hat etwas von einem plüschigen Wohnzimmer.
Den heutigen Lesesaal dominieren funktionale Computerarbeitsplätze.
Foto: IfW (links), Sönke Wurr (Münchow-Industrie-Fotos)

Erst kürzlich hat Professor Klaus Tochtermann sein neues Büro in der Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZBW) am Hindenburgufer bezogen. Eines fällt dort sofort auf: Bis auf eine kleine Reihe von alten gebundenen Büchern sind die Bücherregale hinter seinem Schreibtisch wie leergefegt. Es ist, als wollte der neue Chef zeigen, was sich alles im Hause ändern wird und was gleichzeitig dem guten alten Buch in Zukunft blüht. Der Anblick spiegelt sinnbildlich den großen Umbruch wider, der sich im Bibliothekswesen vollzieht. Denn Internet und Computer haben das Bibliothekswesen nahezu revolutioniert, was die Zugangswege zur Literatur, aber auch die zunehmende Digitalisierung von Büchern angeht.

In der Welt der Wissenschaft werden immer mehr Werke produziert, die Bestände der Bibliotheken wachsen stetig. In der ZBW betrugen diese im vergangenen Jahr 4,2 Millionen Bücher und andere Veröffentlichungen sowie über 21.000 Neuzugänge durch noch nicht veröffentlichte wissenschaftliche Aufsätze, so genannte »working papers«. Dies liefert die Literatursuchenden einer großen Informationsflut aus. Um hier den Überblick zu behalten, wird in der ZBW an einem innovativen Informationssystem gearbeitet. Aus einem riesigen Wissensschatz extrahiert es durch intelligente Suchmaschinen jenes Wissen, das die Nutzerinnen und Nutzer brauchen. Es soll den Zugang zu Informationen für Forschende erleichtern und hohen Qualitätsstandards entsprechen. Deshalb hat mit Professor Klaus Tochtermann erstmalig ein Informatiker die Leitung der ZBW übernommen. Tochtermann will für die ZBW den Weg ins digitale Zeitalter bereiten. Nach seiner Überzeugung ist dies ohnehin ein unausweichlicher Prozess. »Das heutige Web 2.0 bietet den Nutzern völlig neue Formen des Zugangs zu Informationen.« Google, Wikipedia oder andere Suchmaschinen, so Tochtermann, lieferten nach der Eingabe nur eines Stichworts sehr schnell Ergebnisse. Dieses Suchverhalten hätten die Nutzer mit den Jahren adaptiert und erwarteten diese Recherchemöglichkeiten auch von großen Bibliotheken. »Wenn wir nicht aktiv werden, weichen sie alle aus auf Wikipedia oder Google«, so der Informatiker.

Eine andere Entwicklung beschleunigt den Trend zur digitalen Bibliothek zusätzlich: Angesichts der zunehmenden Beliebtheit von Notebooks, Smartphones und elektronischen Büchern ist der Nutzer eher an Inhalten interessiert als an bedrucktem Papier. Dies bringe Vorteile mit sich, sagt Dr. Doreen Siegfried, verantwortlich für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit der ZBW. »Bevor das Internet aufkam, aufkam, standen zwischen dem Autor und dem Leser noch Verlage, Druckereien, Logistiker und Einzelhändler. Im Zeitalter des Internets kann man diese Akteure überspringen, damit die Inhalte den Rezipienten viel schneller und effizienter erreichen«, so Siegfried.

Auch mit der reinen Bereitstellung von Büchern ist es heute für eine Bibliothek nicht mehr getan. Früher kamen die Studierenden noch in die Bibliothek. Künftig, so Tochtermann, solle eine Bibliothek wie die ZBW die Information als Serviceleistung zum Kunden bringen. Dennoch soll die Bibliothek der Zukunft nicht völlig der Effizienz und den neuen Technologien unterworfen und damit absolut bücherlos sein. »Das Buch ist ein Kulturgut, das wir erhalten müssen. Noch ist es so, dass in der Wissenschaft das gedruckte Wort einen höheren Stellenwert hat als das elektronische.« Wahrscheinlich konnte sich der neue Chef deshalb nicht ganz von seinen Büchern trennen und ließ ein paar von ihnen im Regal stehen.

Michael Wieczorek
Bibliothek mit Universitätsanbindung
Die Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften – Leibniz Informationszentrum Wirt­schaft – mit Standorten in Kiel und Hamburg ist seit Juli 2007 eine angegliederte Einrichtung der Christian-Albrechts- Universität zu Kiel. Für den Leiter der ZBW hat die Uni einen neuen Lehrstuhl eingerichtet. Damit werden die Institutionen enger verzahnt. Die ZBW kann durch diese Konstellation zukünftig ihren Forschungsanteil ausbauen.
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