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Nr. 61, 10.07.2010  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Mit 66 Jahren ...

... im Ruhestand und trotzdem im Dienst – für etliche Professorinnen und Professoren der Kieler Uni ist das kein Widerspruch.


Man begegnet ihnen in Bibliotheken oder in der studentischen Cafeteria. Ihre Namensschilder hängen an den Bürotüren, und sie nehmen hier und da noch Prüfungen ab. Die Rede ist von Professorinnen und Professoren, die ihr Pensionsalter zwar längst erreicht haben, deren Forschungsdrang und Lehrinstinkt aber offenbar keine Altersgrenze akzeptieren. Sie machen weiter – nicht immer in Vollzeit, mit kleineren Büros und notfalls wird die Sekretärin aus eigener Tasche bezahlt. Ihnen geht es vor allem darum, sich an der Alma Mater zu engagieren!

Das war zum Beispiel der Wunsch von Professor Herbert Donner nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn. Er machte sich mit Theologie, Sprachwissenschaft und Archäologie einen Namen. Donner ist einer der bedeutendsten Publizisten in der Geschichte der Theologischen Fakultät. Abhandlungen über archäologische Fundstücke oder die Rettung der ältesten Landkarten der Welt machten ihn über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt. Seine Publikationen sind zu Standardwerken für Fachleute geworden. Nach seiner Emeritierung im Jahr 1995 machte er mit dem Forschen und Schreiben weiter – fast mit noch größerem Elan, so dass eine 40-Stunden- Woche für seine Arbeit nie reichte. Kürzlich feierte der immer noch äußerst aktive Wissenschaftler seinen 80. Geburtstag und will jetzt kürzer treten. »Mir fällt auch nichts mehr ein«, gibt er zu. Sollte er aber demnächst doch wieder eine Idee für ein neues Projekt haben, würde das womöglich schnell einen Rückzug vom Rückzug aus der Wissenschaft zur Folge haben: »Ich kann es nicht beschwören.«

Ein nahtloser Übergang vom aktiven Dienst in den aktiven Ruhestand gelang 2007 Marianne Wünsch. Die Professorin für Neuere Deutsche Literatur wollte ohne Wenn und Aber mit der gleichen Intensität weitermachen und zog lediglich in ein anderes Büro. Mit acht Semesterwochenstunden ist ihr Uni-Kalender gut gefüllt. Ihre Motivation: Das Wissen über die Literatur des Realismus an junge Menschen weitergeben. Werke aus der Goethe-Zeit oder Themen wie »Liebeskonzeptionen in der Literatur vom 16. bis 20. Jahrhundert« – das sind ihre echten Lieblinge. Sie nimmt an Symposien und Kolloquien teil, betreut aber vor allem viele Promovierende und nimmt ihre Examina ab: »Erst wenn ich am Ende des Tages weiß, ich habe soundso viele Leute verarztet, dann bin ich wirklich zufrieden«, so Wünsch.

Als wenig befriedigend empfand auch Professor Werner Weppner den Umstand, dass er 2006 aus dem Lehrstuhl für Sensorik an der Technischen Fakultät einfach so ausscheiden sollte. Als begeisterter Segler hätte er sich zwar vorstellen können, öfter mal mit seiner Yacht auf der Ostsee zu kreuzen. Doch für ihn stand fest, dass er irgendwie in der Wissenschaft weitermachen muss. Außerdem war er zuvor auf dem Gebiet der Entwicklung von Energiespeichermöglichkeiten einfach zu erfolgreich um aufzuhören. Ein Nachfolger auf diesem Arbeitsgebiet fehlte, und sein Expertenwissen wurde weiterhin benötigt. Er fühlte eine Verpflichtung der Universität und der Gesellschaft gegenüber, die ihm die große Chance gegeben hatten, zu forschen und junge Menschen auszubilden. »Ich war also in der glücklichen Lage, in den Ruhestand zu treten und trotzdem weiter forschen zu können«, so der 68-Jährige. Vorlesungen, Tagungen oder Konferenzen bleibt er weitgehend fern. Mit seinem Post-Doc-Team tüftelt er lieber in 10- bis 14-Stunden-Schichten an immer besseren Lithiumbatterien.

Energie bündeln kann auch noch ein anderer ganz gut, einfach weil er viel davon hat. Professor Urs Wyss ist seit 2004 nur auf dem Papier in Pension. Der Experte für Pflanzenkrankheiten dreht heute am liebsten Dokumentarfilme über Insekten, wie zum Beispiel den »Krieg der Marienkäfer und der Läuse«. Seine inzwischen weltweit bekannten Werke zeigt er Studierenden bei Vorlesungen oder hält Vorträge bei der Universitätsgesellschaft oder auf Einladung anderer Universitäten – und das im In- und Ausland. Wenn er aber nicht gerade an einem internationalen Kongress teilnimmt, dann ist er (in Vollzeit!) am Institut für Phytopathologie zu finden, sehr häufig auch an Wochenenden. »Der Alltag ist für mich sehr spannend, denn viele Entomologen (Insektenforscher) reisen aus ganz Europa zu mir, um mit mir zusammen das Insekten- Verhalten für wissenschaftliche Tagungen zu dokumentieren«, so Professor Wyss.

Die Liste der daueraktiven Unruheständler könnte beliebig fortgesetzt werden, zum Beispiel mit Professorin Edith Marold (Altgermanische und Nordische Philologie) oder den Professoren Bernhard Schmaltz (Archäologie), Willem de Roever (Informatik), Roland Schauer (Organische Chemie), Konrad Groß (Anglistik), Johann Michael Sarnthein-Lotichius (Geowissenschaftler und Leibniz-Preisträger) und und und.

Ohne sie würde eine große Lücke in den Wissenschaften klaffen, denn sie haben sich als Bindeglied zwischen den Generationen von Forschenden unentbehrlich gemacht. Ab gesehen davon ist es ihr erklärter Wille, weiter zu forschen und zu lehren. Einmal Prof – immer Prof!

Michael Wieczorek
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