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Nr. 61, 10.07.2010  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Parodontitis-Gen identifiziert

Die Anfälligkeit für Parodontitis wird vererbt. Ein Gen, das damit zusammenhängt, haben Kieler Molekularbiologen entdeckt.


Foto: iStock

»Damit Sie auch morgen noch kraftvoll zubeißen können«, hieß es in den Achtzigern in einer Werbung für Zahnpasta. Das Bild dazu dürfte jeder noch vor Augen haben: Der frisch angebissene grüne Apfel, der nach der Anwendung des in der Werbung angepriesenen Produkts von den gefürchteten roten Flecken verschont bleibt.

Seitdem hielt sich weitgehend das Vorurteil, der Parodontitis sei einfach durch die richtige Mundhygiene und mit den richtigen Zahnpflegemitteln vorzubeugen. Doch: »Mund­hygiene allein erklärt das Phänomen noch nicht«, sagt Dr. Arne Schäfer vom Institut für Klinische Molekularbiologie. »Rauchen ist zum Beispiel auch ein Faktor, der das Risiko erhöht.

Dennoch gibt es viele Menschen, die rauchen, aber nie Parodontitis bekommen. Es gibt auch andere Komponenten, die man noch nicht kennt.« Studien an Zwillingen zeigten schon früher, dass es eine familiäre Häufung dieser Erkrankung gibt. Doch lange konnten die Genforscher kein verantwortliches Gen identifizieren. In der bisher weltweit größten genetischen Studie zur Parodontitis wurden sie fündig. Seit 2002 wurden Tausende von Genproben gesammelt und in den letzten Jahren ausgewertet. Schließlich haben die Forscher ein Risiko-Gen der Parodontitis sicher entschlüsselt. Es trägt die Bezeichnung GLT6D1.

Wie dieses Gen im Detail zur Entstehung der Entzündungskrankheit beiträgt, ist noch unbekannt. Es könnte aber eine Schlüsselrolle bei der Erkennung und Abwehr von Krankheitskeimen in der Mundhöhle spielen: Dort nämlich wimmelt es nur so von Mikroorganismen. In großer Dichte und Vielfalt sind es Bakterien, aber auch Pilze oder Viren. Dabei gibt es gute und böse unter ihnen. Das menschliche Immunsystem schafft es normalerweise mithilfe der guten, die meisten schädlichen Bakterien in Schach zu halten. Gerät dieses Gleichgewicht außer Kontrolle, können die Folgen verheerend sein: Anfangs blutet das Zahnfleisch nur etwas. Später lockern sich die Zähne und fallen vielleicht sogar aus, da der Kieferknochen aufgrund der Entzündung herum um die Zahnwurzeln unmerklich reduziert wurde und ihnen keinen Halt mehr bietet.

Doch damit nicht genug: Die chronische Entzündung im Mundraum kann unerwünschten Bakterien Tür und Tor in den Rest des Körpers öffnen. Dort können sie weitere entzündliche Reaktionen auslösen. Sind die Oberflächen der Gelenke betroffen, erhöht sich das Risiko für Rheuma. Sind etwa Herz oder Gehirn betroffen, besteht gar die Gefahr eines Infarkts oder Schlaganfalls. So kann es kommen, muss es aber nicht in allen Fällen. Die Genetiker vom Kieler Exzellenzcluster Entzündungsforschung sind hier noch mitten in der Grundlagenforschung, betont Arne Schäfer, der das Gen gefunden hat: »Dieses Gen allein erklärt noch nicht die gesamte Erblichkeit der Krankheit. Wir versuchen nun, das Gen erst einmal weiter zu charakterisieren: Wo befindet es sich in der Zelle? Was macht es? Wann wird es aktiv und warum?«

Die Behandlung der chronischen Parodontitis ist langwierig und wird nach Meinung des Forschers von vielen Zahnärzten auch nicht durchgeführt. Wenig rauchen und gründliche Mundhygiene würden helfen. Aber im hohen Alter betreffe Parodontitis fast alle. Mehr als 90 Prozent aller über 65-Jährigen sind in irgendeiner Form betroffen. Parodontitis ist deshalb die Hauptursache von Zahnverlust bei Erwachsenen.

Michael Wieczorek
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