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Nr. 61, 10.07.2010  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Abstrakte Sprache

Seine Erkenntnisse und Theorien haben die Mathematik nachhaltig geprägt. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist Vitali Milman auch mit der Kieler Universität eng verbunden.


Foto: pur.pur

Offiziell beschäftigt sich Professor Vitali Milman mit mathematischen Problemen der Geometrie und der Analysis. Dabei versteht er sich vorwiegend als Denker. Lange bevor er eine mathematische Gleichung zu Papier bringt, überlegt er sich: Was ist zu tun? Warum? Und wie hängt alles miteinander zusammen?

In der Welt von Milman geht es um Dinge, die wohl nur einem eingefleischten Mathematiker etwas sagen: Dualität konvexer Polyeder, die Legendre- oder Fourier-Transformation oder euklidische Strukturen. »Es könnte genauso gut Japanisch sein«, sagt der Wissenschaftler lachend. »Egal, wie schön ich mit Ihnen Japanisch reden würde, Sie könnten es nicht verstehen.« Der 70-Jährige bedauert, dass die Zusammenhänge in der Mathematik für ihn selbst zwar absolut klar und einfach seien, er sie aber nur schwer anderen vermitteln könne. Der Vergleich mit einer Fremdsprache kommt hier nicht von ungefähr. Für Vitali Milman bedeutet Mathematik nämlich eine Art kommunikatives Fundament oder eine Ausdrucksform für abstrakte Inhalte. »Wir Mathematiker entwickeln eine Sprache, mit der das Denken in einer sehr präzisen Form ausgedrückt werden kann.«

Milman entstammt einer großen Mathematikerfamilie. Sein Vater, David Milman, war ein berühmter Mathematiker aus dem ukrainischen Odessa. Sein Bruder Pierre ist Mathematiker in Kanada und auch sein Sohn Emanuel Milman setzt die Familientradition fort. Der Grund, warum ausgerechnet Mathematik seine Leidenschaft geworden ist, liege aber nicht nur in der Familie, so Milman. Es sei vor allem die tief empfundene Freude, Dinge zu entdecken. »Wenn Sie zu einer neuen Erkenntnis gelangt sind, dann begreifen Sie auf einmal, wie sich Archimedes gefühlt haben muss, als er in der Badewanne sein berühmtes "Heureka!" ausrief.«

1939 in der Sowjetunion geboren, arbeitete Milman bis zu seinem Doktortitel 1965 an der Russischen Akademie der Wissenschaften. 1973 emigrierte er nach Israel, wo er eine volle Professur an der Universität Tel Aviv übernahm. Darüber hinaus forschte er als Gastprofessor an verschiedenen USamerikanischen, kanadischen, französischen und deutschen Universitäten. Seit Mitte der 1980er Jahre hat er wiederholt die Universität Kiel besucht. Mit Professor Hermann König vom Mathematischen Seminar pflegt er enge Kontakte. Was der vor Energie strotzende Mann konkret in seiner Forschung tut, ist wirklich nicht leicht zu erklären – das muss auch König zugeben: »Professor Milman hat die richtungweisende Technik der Maßkonzentration in hochdimensionalen Räumen in die Funktionsanalysis eingeführt.« Die von ihm entwickelten Methoden finden heute Anwendung bei der Analyse von Algorithmen zur effektiven Datenübertragung und Rekonstruktion, sie strahlen auch auf Teilbereiche der Informatik aus. Für sein bisheriges Gesamtschaffen erhielt Vitali Milman vergangenes Jahr den mit 60.000 Euro dotierten Humboldt-Forschungspreis. Der Preis ist mit einem Forschungsaufenthalt in Deutschland verbunden, den Milman zu einem großen Teil am Mathematischen Seminar in Kiel verbringt.

Michael Wieczorek
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