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Nr. 61, 10.07.2010  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Dietrich Hermann Hegewisch

Als Historiker war er Autodidakt. Doch seine Genauigkeit setzte Zeichen für die Zukunft der Disziplin.


Dietrich Hermann hegewisch

Mit 31 Jahren veröffentlichte Dietrich Hermann Hegewisch (1746–1812) den »Versuch einer Geschichte Karls des Großen«. Kanzler und Kurator der Kieler Universität fanden das Buch so überzeugend, dass sie dem Verfasser eine Geschichtsprofessur anboten – obwohl Hegewisch niemals Geschichte studiert hatte. In einem Text aus dem Jahr 1811 beschrieb Hegewisch den langen Weg zu diesem Ereignis:

Der Sohn eines Glasermeisters aus Quakenbrück hatte zunächst in Göttingen Theologie studiert, aber mit seinem Studienfach gehadert. So hatte er sich als Hauslehrer verdingt – erst in Hannover, dann in Hamburg beim dänischen Konsul, dem einflussreichen Grafen Heinrich von Schimmelmann. 1778 übernahm Hegewisch die Redaktion der »Hamburgischen Neuen Zeitung« und des Intelligenzblattes »Hamburg­ische Adress-Comtoir-Nachrichten«. Freunde, darunter Friedrich Gott­lieb Klopstock, überredeten den Geschichtsliebhaber, einen Text über Karl den Großen, den er verfasst hatte, als Buch zu veröffentlichen.

Damit hatte Hegewisch die Weichen für sein Leben neu gestellt und Cramer, den Kanzler, und von Reventlow, den Kurator der Universität, beeindruckt. Sie holten ihn 1780 als Nachfolger von Wilhelm Ernst Christiani nach Kiel. 1782 wurde er zum Dr. phil. promoviert. Im Jahr darauf heiratete er die Pastorentochter Benedicta Elisabeth Kramer aus Westensee, mit der er fünf Kinder bekam. In Kiel war Hegewisch endlich angekommen – bei seinem Tod 1812 war er königlich dänischer Etatsrat und Ritter vom Dannebrog.

Die lange Liste seiner Veröffentlichungen zeigt, dass Hegewisch vielseitig interessiert war: Vom griechischen und römischen Altertum über das deutsche und skandinavische Mittelalter bis zu aktuellen Problemen in Amerika und Irland reichte das Spektrum seiner Arbeiten, wobei er neben der Politik auch Kultur- und Wirtschaftsgeschichte behandelte und sich mit Hilfswissenschaften wie Heraldik und Diplomatik befasste. Zudem schrieb er die von Christiani begonnene »Geschichte der Herzogtümer Schleswig und Holstein« für den Zeitraum von 1588 bis 1694 fort.

»Seine Schriften sind heute wichtige Quellen für die politische Haltung und wissenschaftliche Arbeit seiner Zeit«, sagt Professor Oliver Auge vom Historischen Seminar der Kieler Universität. Hegewisch habe in einer Übergangszeit gelehrt, als die Geschichte auf dem Weg vom erzählenden Fach zur universitären Wissenschaft war. Dazu gehört, die Informationsquellen anzugeben und ihre Glaub­würdigkeit zu prüfen.

»Diese Form der Quellenkritik wurde erst im Historismus zur Regel, beginnend mit Barthold Georg Niebuhrs "Römischer Geschichte" von 1812«, so Auge. Niebuhr hatte bei Hegewisch in Kiel studiert und kannte sicher seine Art, Fußnoten zu verfassen, in denen er auf seine Quellen verwies. Auch die von Hegewisch gemeinsam mit Friedrich Christoph Jensen herausgegebenen »Privilegien der Schleswig-Holsteinischen Ritterschaft« (1797) zeugen von seiner Genauigkeit – am Ende des Buches ist die Übereinstimmung mit den Originaldokumenten sogar notariell beglaubigt. Das Buch sei auch für Historiker des 21. Jahrhunderts unverzichtbar, sagt Oliver Auge: »Es ist bis heute die maßgebliche Edition für den Vertrag von Ripen.«

Eva-Maria Karpf
Die Hegewischs in Kiel
Unter dem Namen Hegewisch kennt man in Kiel heute nicht nur den Geschichtsprofessor. Nach seinem ältesten Sohn Franz Hermann (1783-1865) ist eine Straße am Schlossgarten benannt. Der Mediziner verkehrte als Hausarzt von Friedrich Karl Reventlow im Emkendorfer Kreis, wo er seine Frau Caroline von Linstow kennen lernte. Ab 1809 lehrte er an der Kieler Universität. Bekannter ist er als politisch engagierter Herausgeber der »Kieler Blätter« an der Seite seines Schwagers Friedrich Christoph Dahlmann. Franz Hermann Hegewischs ältere Tochter Charlotte (1823-1903) führte nach dem Tod der Eltern deren Gesellschaftssalon weiter, sie setzte sich für den Kunstverein und den Bau einer Kunsthalle ein. Zu diesem Zweck vermachte Lotte Hegewisch 1887 der Universität das Villengrundstück am Düsternbrooker Weg, das nach dem mütterlichen Gut »Klein Elmeloo« genannt wurde. 1909 wurde dort die Kunsthalle eröffnet.
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