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Nr. 74, 20.10.2012  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Kieler Matratzen-TÜV

Würfelschnitt, gefedert oder mit Latexkern: Vor dem erholsamen Schlaf steht für Matratzensuchende die Qual der Wahl. Für mehr Durchblick setzt sich die Kieler Industrieanthropologie ein.


Über 95 Prozent der Bevölkerung bevorzugt beim Schlafen die Rücken- oder Seitenlage. Bei der Verformungs­messung müssen Matratzen zeigen, wie sie die Wirbelsäule bei den sehr unterschiedlichen Liegepositionen abstützen. Foto: Uni Kiel

Nicht zu weich und nicht zu hart darf sie sein, noch dazu antiallergisch, und eine perfekte Tem­peratur soll sie bieten. Etwa acht Stunden täglich lassen wir eine Matratze darüber entscheiden, wie sehr sich Bandscheiben und Geist von einem anstrengenden Tag erholen.

»Die Schlafunterlage hat damit einen entscheidenden Einfluss auf unsere Gesundheit«, sagt der Privatdozent Dr. Robert Göder vom Forschungsschlaflabor des Universitätsklinikums und verweist auf Studien, die belegen, dass wir beispielsweise bei zu harten Matratzen häufiger aufwachen, die Materialien Allergien auslösen können oder fehlende Unterstützung der normalen Wirbelsäulenkrümmung den Rücken belastet. Und, als seien die Eigenschaften nicht heterogen genug, beschreiben die meisten Herstellerfirmen ihre Matratzen nach eigenem Gutdünken. Was bei dem einen Härtegrad drei ist, wird bei dem nächsten zum Härtegrad zwei oder vier.

Es ist eine Wissenschaft für sich, bei diesen vielen Faktoren eine passende Matratze zu finden. »Einheitliche und allgemein verbindliche Messgrößen müssen her«, sagt Norbert Vogt von der Forschungsgruppe Industrieanthropologie. Im Auftrag des Deutschen Instituts für Normung (DIN) tüftelt er mit seinem Team seit rund zwei Jahren an einer Art Scanner, der die Härteangaben von Matratzen künftig verlässlich machen soll.

»Bisher gab es keine Möglichkeit, solide Angaben vor allem über die sogenannten Zonen­matratzen zu machen«, ergänzt der Anthropologe. Mit der Entwicklung einer Messvorrichtung sollen Unternehmen die Möglichkeit bekommen, die Eigenschaften ihrer Matratzen »zu erfassen und letztlich auch zu optimieren«, so Vogt. Denn das eigentliche Problem bestehe darin, dass jeder Mensch in Körperhöhe und Proportionen unterschiedlich ist. Der Schulterbereich einer großen, schweren Person, die gern auf der Seite schläft, müsse schließlich anders abgestützt werden, als der einer kleinen, leichten Person, die die Rückenlage bevorzugt. Vogt: »Eine wissenschaftliche Basis ist daher zwingend notwendig, um die Zonen einer Matratze auf bestimmte Nutzergruppen abzustimmen. Ohne diese Anpassung stellt jede Zonierung einen Kompromiss dar, der keine Gruppe vollends zufriedenstellt.«

Damit der Matratzenscanner verlässlich funktioniert, nimmt die Forschungsgruppe, bestehend aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Anthropologie, der Humanbiologie und der Ingenieurwissenschaften zahlreiche Messungen an Testmatratzen vor.

Insgesamt sechs Stationen umfasst der Prüfumfang, bei dem von den Stabilisierungs­eigen­schaften über die Dauerbelastung bis zur Befragung von Probandinnen und Probanden nach jeder schlafstörenden Erbse gesucht wird. Das Kieler Projekt verbindet damit das persönliche Empfinden von Versuchspersonen mit technischen Prüfungen.

Eine besondere Station ist das sogenannte Kypholordosometer, bei dem dünne Metallstifte an den Rücken einer entspannt stehenden Person geschoben werden. Die Rückenform, die sich mithilfe der Metallstifte als präzise Silhouette abzeichnet, bildet die Basis für eine weltweit einzigartige Analyse. Denn sie wird als Vergleich herangezogen, wenn dieselbe Person auf einer Testmatratze liegt. Unter der Matratze sind Sensoren angebracht, die die Verformung der Matratzenoberfläche anzeigen. Wird der unterschiedliche statische Einfluss auf die Wirbelsäule bei den verschiedenen Liegepositionen berücksichtigt, dann gilt: Je mehr die Silhouetten im Liegen und im Stehen übereinstimmen, desto mehr unterstützt die Schlafunterlage die natürliche Körperhaltung eines Menschen und desto qualitativ hochwertiger ist die Matratze. »Eine Eigenschaft, die im Übrigen nicht vom Preis abhängt. Güns tige Produkte stechen gerade an dieser Station gern auch die hochpreisigen Produkte aus«, verrät Vogt.

Noch in diesem Jahr schließen die Kieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Entwicklung des Matratzenscanners ab. »Danach bleibt zu hoffen, dass die Herstellerfirmen die Chance nutzen und ihre Matratzen erstmals nach wissenschaftlichen Maßstäben zonieren. Der Gewinn für die Verbraucherinnen und Verbraucher wäre immens«, sagt Vogt, der seit über 20 Jahren Produkte auf Benutzerfreundlichkeit und Gebrauchstauglichkeit untersucht. Seine Ergebnisse über Matratzen, Kindersitze oder andere Dinge des täglichen Lebens finden sich oft auch in den Veröffentlichungen der großen Warentest-Häuser wieder.

Claudia Eulitz
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