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Nr. 76, 13.04.2013  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

»Packen wir‘s an«

Vieles wird sich ändern müssen, damit in einer alternden Gesellschaft auf dem Arbeitsmarkt das meiste so bleibt, wie es ist.


Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Bis 2050 wird sich die Zahl der über 64-jährigen Rent­nerinnen und Rentner, die auf eine erwerbsfähige Person kommen, fast verdoppelt haben. Andert­halb Erwerbsfähige müssen dann für eine Person aufkommen, die Rente bezieht.

»Zugleich nimmt unter den Erwerbstätigen der Anteil der Älteren zu«, beschreibt Dr. Sebastian Braun eine weitere Tendenz. Braun betreut beim Institut für Weltwirtschaft den Forschungsbereich »Globalisierung und Wohlfahrtsstaat« und war beteiligt an einer Untersuchung, die sein Institut gemeinsam mit dem RheinischWestfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) und dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zur Erwerbstätigkeit Älterer gemacht hat.

Gerade die Altersstruktur der Arbeitenden ist dabei problematisch, denn erfahrungsgemäß sind viele Ältere nur in Teilzeit beschäftigt. Sie bringen also weniger Arbeitsstunden in die Volks­wirtschaft ein, als es üblicherweise die jüngeren Kräfte tun. Und auch das nur, falls sie überhaupt dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Aktuell haben nach den Zahlen in der Studie unter den 60 bis 64-Jährigen 56 Prozent der Männer und 39 Prozent der Frauen Arbeit beziehungsweise suchen danach.

Für die Wirtschaftsforschenden bieten diese Zahlen manchen Handlungsansatz. Gelänge es nämlich, den Anteil der dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Älteren zu erhöhen und zugleich deren Stundenzahl zu steigern, steigern, wäre nach Einschätzung von Braun schon einiges gewonnen. Wobei sich die Lage in dieser Hinsicht nicht ganz trostlos darstellt. »Generell ist in Deutschland schon sehr viel passiert«, sagt der Kieler Volkswirt und argumentiert damit, dass die Erwerbsquoten seit Mitte der neunziger Jahre stark gestiegen sind. Unter anderem wegen der Abkehr von den einst üppig abgefederten Vorruhestandsregelungen für über 55-Jährige stehen heute deutlich mehr »Best Ager« für den Arbeitsmarkt zur Verfügung als früher. Unter den 55- bis 64-Jährigen sind das mehr als 70 Prozent der Männer und immerhin knapp 60 Prozent der Frauen. Damit liegt Deutschland über dem Durchschnitt der OECD-Länder, allerdings auch noch klar hinter Staaten wie Schweden, die es auf Quoten um die 80 Prozent bringen.

Besonders bei den Frauen sieht Braun unterm Strich »noch sehr viel Luft nach oben«. So stieg bei den 60 bis 64-Jährigen die Erwerbsquote zwischen 1991 und 2011 zwar von zehn auf 39 Prozent, doch das Ende der Fahnenstange muss das aus Sicht des Ökonomen noch lange nicht bedeuten.

Weil die Erwerbsquote nichts anderes bedeutet, als dass Menschen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, bleiben entsprechende Steigerungen freilich so lange im Theoretischen, wie die tatsächliche Beschäftigung hinterherhinkt. Zwar waren zuletzt mit knapp 30 Prozent der 60 bis 64-jährigen Frauen und Männer erheblich mehr Ältere sozialversicherungspflichtig beschäftigt als früher, doch der Befund »Luft nach oben« gilt auch unter diesem Aspekt. Zumal dieser Personenkreis nach den Ergebnissen der Studie sehr selten in den Genuss betriebsinterner Weiterbildung kommt und ein hohes Dauerarbeitslosigkeitsrisiko trägt, falls es zur Kündigung kommt.

Was die ausgeprägte Teilzeitarbeit unter den reifen Jahrgängen betrifft, sieht Braun ebenfalls die Arbeitgeber gefordert. So würden fast 40 Prozent der nicht vollbeschäftigten Männer zwischen 55 und 59 Jahren gern mehr Stunden arbeiten, finden aber keine entsprechende Tätigkeit. Bei Frauen sähe es wohl ähnlich aus, doch viele von ihnen bleiben offenbar hartnäckig in ihrem Rollenmuster. Betreuung ist jedenfalls auch für Arbeitnehmerinnen mit ergrauten Haaren ein wichtiges Thema, wenngleich es nicht mehr um die eigenen Kinder, sondern um die Enkel oder Eltern geht.

Selbst wenn an all diesen Stellschrauben optimal gedreht würde, dürfte es nach Einschätzung von Braun arg eng auf dem Arbeitsmarkt werden, wenn zwischen 2020 und 2030 die Angehörigen der BabyBoomerGeneration reihenweise in den Ruhestand gehen. Sebastian Braun plädiert deshalb für viel mehr Bemühungen um die Bildung von Kindern mit deutschen und mit ausländischen Wurzeln. Auch ein modernes Einwanderungsrecht, das sich an Kriterien wie Alter, Sprachkenntnissen und Qualifikation orientiert, könnte aus Sicht des 34-Jährigen in die richtige Richtung führen.

Wunder bewirken würde das aber wohl kaum. Selbst wenn von 2014 an jährlich 100.000 Men­schen neu nach Deutschland kämen, würde nach Berechnungen des Statistischen Bundes­amtes die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner bis 2050 von 82 auf knapp 74 Millionen schrumpfen.

Martin Geist
Demografischen Wandel gestalten
Unter dem Motto »Wir leben länger. Wir werden weniger. Wir werden vielfältiger« umreißt das »Wissenschaftsjahr 2013 – Die demografische Chance« diese Herausforderungen in drei Handlungsfeldern. Für jeden Bereich sollen konkrete Ansätze und Lösungen präsentiert werden. Wie sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft den Veränderungen stellen und sie für sich nutzen können, steht im Mittelpunkt der Diskussion. Gemeinsam mit der Initiative Wissenschaft im Dialog richtet das Bundesministerium für Bildung und Forschung seit dem Jahr 2000 die Wissenschaftsjahre aus. Sie haben zum Ziel, die Menschen stärker für Wissenschaft zu interessieren und den gesellschaftlichen Dialog über Forschung zu befördern. (ne)

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