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Nr. 82, 18.10.2014  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Eine Frage der Haltung

Extensive Tierhaltung verbraucht mehr Fläche als die Haltung von Hoch­leistungstieren. Klingt logisch, ist aber falsch, hat die Kieler Agrarwissenschaft herausgefunden.


Bei extensiver Grünlandhaltung bekommen die Tiere mehr Auslauf, was vor Ort mehr Fläche benötigt als die intensive Stallhaltung. Diese verbraucht das Land allerdings virtuell – im Ausland. Foto: pur.pur / Thinkstock

Professor Friedhelm Taube vom Lehrstuhl für Grünland und Futterbau sowie ökologischen Landbau wollte es genau wissen. Er und sein Team verglichen über zwei Jahre hinweg eine Hochleistungsherde mit Kühen, die 11.000 Kilogramm Milch im Jahr geben, mit einem Hof, der auf sogenannte Low-Input-Kühe mit lediglich etwa 6.000 Kilogramm Milch setzt. Beide Höfe befinden sich im östlichen Hügelland von Schleswig-Holstein und weisen praktisch identische äußere Bedingungen auf.

Alles andere als identisch ist dagegen die Philosophie der beiden Landwirte. Der eine setzt auf maximalen Ertrag, hält seine Kühe ausschließlich im Stall und füttert Kraftfutter zu, um die höchstmögliche Leistung zu erzielen. Die Kühe des anderen begnügen sich hingegen mit dem, was auf der Weide wächst, weil es ihrem Bauern darum geht, die Milch mit möglichst wenig Aufwand zu gewinnen. Ein Prinzip, das laut Taube vor allem in Irland ebenso häufig wie erfolgreich angewandt wird. Dass der minimalistische Bauer im konkreten Fall nach Bio-Standard wirtschaftet, fällt für das Ergebnis kaum ins Gewicht, erläutert der Agrarwissenschaftler. Er hat berechnet, wie viel Land für die Erzeugung von jeweils einem Kilogramm Milch benötigt wird. Heraus kamen für den einen wie den anderen knapp zwei Quadratmeter.

»Es reicht nicht mehr, sich nur mit den Umwelteffekten vor Ort zu beschäftigen«, begründet Professor Taube dieses nur auf den ersten Blick verblüffende Resultat. Konkret bedeutet das: Die Kieler Studie berücksichtigt auch die Flächen, die nötig sind, um das für Hochleistungshaltung nötige Kraftfutter zu produzieren.

»Je mehr Nährstoffe in eine Kuh hineingehen,
umso mehr kommen aus ihr heraus.«


Im untersuchten Fall ist das Mais aus eigenem Anbau und dazu Soja, das vor allem in der brasilianischen Savanne und in der argentinischen Pampa gewonnen wird. In Bestform sind die Superkühe nur dann, wenn sie eine Tonne Soja im Jahr futtern. Da in Brasilien ein Hektar Land etwa 2,5 Tonnen Soja liefert, beansprucht jedes Tier dort knapp einen halben Hektar. Weil auf der anderen Seite bei extensiver Haltung weder Mais noch Soja nötig sind, fällt auch kein zusätzlicher Flächenverbrauch an. »Eine solche Gesamtschau«, sagt Taube, »ist bisher kaum üblich, obwohl sie nach meiner Überzeugung dringend geboten ist.« Knapp 17 Millionen Hektar umfasst nach seinen Zahlen die landwirtschaftliche Nutzfläche in Deutschland, dazu wird für das Kraftfutter der Ertrag von fünf Millionen Hektar importiert. Ein Phänomen von offenkundig wachsender Dynamik, denn allein in den vergangenen sieben Jahren hat die virtuelle Landnahme von drei auf die jetzigen fünf Millionen Hektar zugenommen. Vor allem der Einsatz von Soja ist dabei nach Taubes Worten »dramatisch gewachsen«.

Erst recht ungünstig schneidet die Maximal-Strategie in Sachen Klimafreundlichkeit ab. Inklusive der im Ausland erzeugten Emissionen steht extensive Haltung beim Kohlendioxid um fast 60 Prozent besser da. Umgerechnet auf Kohlendioxid-Äquivalente, die auch den Verbrauch von Kraftstoff und andere Faktoren einbeziehen, fällt das Ergebnis ähnlich aus.

Noch gar nicht einbezogen hat Taubes Team in dieser Untersuchung ein Problem, das ebenfalls nicht zu vernachlässigen ist. »Je mehr Nährstoffe in eine Kuh hineingehen, umso mehr kommen aus ihr heraus«, bringt es der Wissenschaftler auf den Punkt. Intensivhaltung führt also zu immer mehr Gülle, die immer schwieriger auf den Feldern unterzubringen ist. Zumal vom Jahr 2015 an eine neue Dünge- Verordnung greift, die das Ausbringen von Gülle zeitlich noch einmal deutlich einschränkt.

Friedhelm Taube rechnet damit, dass durch diese Verordnung der bislang ungebrochene Trend zum Wachstum in der Milcherzeugung zumindest gebremst wird. Sein Argument: Künftig müssen die Höfe wohl häufig zumindest einen Teil ihrer Gülle in andere Landkreise mit weniger Tierhaltung oder in andere Bundesländer exportieren, was mit Kosten von 10 bis 20 Euro pro Tonne zu Buche schlagen wird. Weil eine einzige Kuh im Jahr bis zu 30 Tonnen Gülle hinterlässt, ergibt sich daraus ein erheblicher betriebswirtschaftlicher Faktor.

Allzu optimistisch ist Taube trotzdem nicht. »Es gibt kaum noch Betriebe mit konsequenter Weidehaltung«, beschreibt er den aktuellen Zustand in Schleswig-Holstein, und auch auf den Höfen sei die Resonanz auf diese Erkenntnisse der Wissenschaft verhalten: »Noch sind wir so etwas wie die einsamen Rufer in der Milchindustrie, weil diese zusätzlichen ökologischen Leistungen der Low-Input-Systeme nicht entsprechend honoriert werden.«

Martin Geist
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