CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseitePresseUnizeitNr. 82Seite 2
Nr. 82, 18.10.2014  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Jeder hat seinen Preis

Korruption ist ein extrem sensibles Thema, und die Forschung in diesem Bereich steht vor vielen Hürden – gesellschaftlich und ethisch. Professor Peter Graeff vom Institut für Sozialwissen­schaften stellt sich der Aufgabe und fragt sich, warum Menschen korrupt werden und wie man es verhindern kann.


Korruptes Verhalten basiert auf individu­ellen Entscheidungen – daher kann jeder Mensch korrupt werden. Doch es gibt Möglichkeiten, die Anfälligkeit dafür zu verringern. Foto: Thinkstock

Das Ausnutzen einer Machtposition zum eigenen Vor­teil, wie beispielsweise die Gewährung einer Bau­genehmigung für Schmiergeld, nennt man Korruption: »Korruption ist ein Verhalten und jeder kann korrupt werden. Es geht dabei aber nicht immer nur um Geld«, meint Professor Peter Graeff. Die Forschung und Lehre begeistern ihn.

Dabei steht die Korruptionsforschung vor vielen Pro­blemen: »Um etwas herauszufinden befragen Sozial­forscher normalerweise ihre Probanden. Aber niemand gibt gern zu, korrupt zu sein. Und wir können aus ethischer Sicht natürlich nicht einfach ein Experiment machen und anfangen, korrupt zu handeln, um zu sehen, was passiert – dann wäre ich ganz schnell meinen Job los.«

Um trotzdem an Antworten zu gelangen, nutzt Graeff in Befragungen sogenannte Vignetten. Das sind Geschich­ten, zu denen die Befragten eine Handlungsoption angeben sollen. »Wir haben über 2.000 Studierende an vier Unis vor eine ausgedachte Entscheidungssituation gestellt. Sie sollten die Rolle einer Hilfskraft einnehmen und Klausuren für ihren Professor vor­bewerten. Dann wurden sie von einer anderen Studentin angesprochen, die ihnen Geld für eine gute Note versprach. Das haben wir mit verschiedenen Geldwerten, Entdeckungswahr­schein­lichkeiten und Bestrafungen durchgespielt.«

Dabei fand Graeff heraus, dass korruptes Verhalten von zwei Faktoren maßgeblich beeinflusst wird: Die Stärke der individuellen Vorteile begünstigt Korruption, also etwa die Qualität der Zigarren oder die Höhe des Schmiergeldes. Das Respektieren von Normen hingegen verringert die Anfälligkeit für Korruption: »Wenn Normen wie Fairness oder Solidarität verinnerlicht sind, steigt der Schwellenwert für korruptes Verhalten. Die Gesellschaft hat mit ihren vorgelebten Werten einen Einfluss darauf, aber letzten Endes sind das individuelle Entscheidungen, die auf persönlichen Erfahrungen beruhen«, so Graeff. Normen einzuhalten nehme sogar größeren Einfluss auf Korruptionsanfälligkeit als mögliche Bestrafungen oder eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu werden. Aber, so das Ergebnis seiner Studien: »Ab einem gewissen Anreizlevel wird jeder in Versuchung geführt.«

»Wie wir gehört haben, besticht man Manager und Banker
heutzutage wohl mit Bärenjagd.«


Zu den Anreizen für Korruption gehört natürlich vorrangig Geld, aber auch persönliche Anerkennung. Besonders bei Menschen mit großem Wohlstand wäre noch mehr Geld nämlich kein großer Anreiz: »Wie wir gehört haben, besticht man Manager und Banker heutzutage wohl mit Bärenjagd«, sagt der Korruptionsforscher mit einem Augenzwinkern.

Ein weiterer Einflussfaktor sind Familienbande. Ein Großteil von Korruptionsfällen passiert nämlich nicht nur zum eigenen Vorteil, sondern um Verwandten zu helfen. Graeff: »Besonders im deutschen Süden und Osten ist diese Vetternwirtschaft nicht unüblich. Aber auch in anderen Ländern, etwa in China, trifft man dieses Phänomen häufig. Dort ist das auch nicht geächtet, weil die privaten Verpflichtungen höher gewichtet werden als die gesellschaftlichen.«

Jetzt, da die Forschenden herausgefunden haben, wie Korruption entsteht, wollen sie sich im nächsten Schritt mit deren Bekämpfung befassen: »Dafür wollen wir untersuchen, wie wir die Menschen dazu bringen können, werteorientierter zu handeln. Manche Unternehmen machen das bereits und haben Compliance-Angebote geschaffen, also freiwillige Kodizes. Darin wird dann geregelt, wie man sich bei Abendessen mit Wettbewerbern verhält, oder bei Geschenken von Geschäftspartnern. Die Frage ist also: Wie bringen wir mehr Menschen dazu, fair zu agieren?«

Zur Untersuchung der Norminternalisierung und zur genaueren Messung der Korruptions­bereitschaft plant Graeff deshalb mit Kolleginnen und Kollegen ein größeres Forschungsprojekt. Darin sollen auch die Messinstrumente mathematisch verfeinert werden. »Statistik ist mein zweites Steckenpferd. Und sie ist ja auch wichtig: Wenn wir Korruption messen wollen, müssen die Instrumente genau sein.« Bis es so weit ist und das groß angelegte und fächerübergreifende Projekt losgeht, sitzt Graeff allerdings noch vor einer weiteren Hürde. Mehrere hundert Klausuren liegen auf seinem Schreibtisch. Und die korrigiert er selbst.

Sebastian Maas
Top  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 


Zuständig für die Pflege dieser Seite: unizeit-Redaktion   ► unizeit@uni-kiel.de