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Nr. 82, 18.10.2014  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Jedes Schnitzel weniger zählt

Gerät jede Mühe um eine bewusste persönliche Lebensweise zur Symbol­handlung, wenn zugleich Milliarden anderer nach mehr Konsum streben? Das wäre zu kurz gedacht, meint der Kieler Umweltethiker Professor Konrad Ott.


Vegetarismus auf ganzer Front ist nicht nötig. Ein deutlich reduzierter Fleischkonsum aber schon. Foto: Thinkstock

»Was wir essen, prägt unser Landschaftsbild«, lautet ein entscheidender Satz von Professor Konrad Ott, Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie und Ethik der Umwelt. Mit dieser Aussage begründet er, weshalb es eben nicht egal ist, selber das Richtige zu tun, während sich die aufstrebende Mittelschicht in China um ganz andere Dinge kümmert.

Das Problem ist gleichwohl ein globales: Weltweit wird inzwischen deutlich mehr Ackerfläche für den Futteranbau genutzt als für pflanzliche Lebensmittel. Das führt aus Sicht von Ott zunächst einmal dazu, dass gutes Land knapp wird. Schließlich verschlingt nicht nur die Futterproduktion für Tiere, die wir essen, enorme Flächen, sondern ebenso der auch in Europa immer noch weitgehend ungehemmte Abbau landwirtschaftlicher Flächen. In Deutschland werden laut Ott jeden Tag 120 Hektar Wiesen und Äcker ihrer Nutzung entzogen.

Mehr noch: »Die Landschaft, die noch bleibt, wird in weiten Teilen dem Diktat unseres Lebens­standards untergeordnet«, befindet der Umweltethiker. Oberstes Ziel der industriellen Fleisch­produktion ist es nach seiner Darstellung, die Tiere möglichst schnell zur Schlachtreife zu mästen. Damit sinkt der Preis pro Einheit Tier, doch auf der anderen Seite steigt der Preis für die Umwelt. Ohne Kraftfutter gibt es kein Hochleistungsvieh, also entweder Mais oder Soja. Die erste Alternative, so sagt Ott, zieht die bekannten Monokulturen auf hiesigen Äckern nach sich. Und die zweite erhöht den Druck auf die Regenwälder. Im eigenen Land führt derweil die Gülle von Schweinen und Rindern zur Überdüngung der Böden ebenso wie von Nord- und Ostsee. Zudem ist der Methanausstoß besonders von Rindern problematisch. Denn Methan ist – bezogen auf ein Kilogramm – um ein Vielfaches klimaschädlicher als Kohlendioxid.

Konrad Ott ist trotz solch erschreckender Bestandsaufnahmen kein Fundamentalist. »Ich predige nicht den Vegetarismus für alle«, betont er. Sehr wohl plädiert er aber dafür, weniger und besseres Fleisch zu essen. 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr verzehren die Deutschen, gesund wäre aus Sicht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung die Hälfte. In diese Richtung denkt auch Ott. Weniger Tiere, eine tiergerechtere Haltung und mehr Tiere in der Landschaft, lautet seine Forderung. Diese sei nur mit weniger intensiver Haltung zu erfüllen: »Wenn Sie eine Hochleistungskuh haben, die 13.000 Liter Milch im Jahr gibt, können Sie die nicht mehr auf der Weide ernähren. Zugleich plädiert der Umweltethiker für mehr Phantasie beim Fleischkonsum. Nordfriesisches Deichschaf, Kaninchen, Fleisch von Wanderschafen und Wild, all das kommt aus aufwandsarmer, extensiver Haltung und kostet bei moderatem Verbrauch noch nicht einmal besonders viel Geld.

Überhaupt hält Konrad Ott das Preisargument für »ganz, ganz schief«. Seiner Darstellung nach essen Menschen mit geringerem Einkommen hierzulande sogar besonders viel Fleisch, weil es so billig ist. »Wenn ein Kilo Schwein deutlich weniger kostet als ein Kilo Kirschen, dann stimmt etwas nicht«, meint Ott, der sich dafür einsetzt, »dass die Fleischpreise die ökologische Wahrheit widerspiegeln sollen.« Ein einfacher Schritt dorthin wäre in seinen Augen, den ermäßigten Mehrwertsteuersatz für Fleisch abzuschaffen, so dass statt 7 Prozent 19 Prozent fällig würden.

»Da wünsche ich mir mutige Politiker«, sagt Ott. »Wer Umweltpolitik macht, darf eben keine Angst vor der Bild- Zeitung haben.« Außerdem funktioniere Politik mit der Volksstimmung auch nicht immer. So habe die FDP im jüngsten Bundestagswahlkampf als Antwort auf den grünen »Veggie-Day« die »Burger-Freiheit« postuliert – und am Ende doch eine desaströse Schlappe kassiert.

Grundsätzlich ist Ott der Meinung, dass sich eine bewusstere Lebensführung nicht verordnen lässt. Doch auch hier sieht er Zeichen der Veränderung. »In meiner Kindheit waren Vegetarier Sonderlinge, heute gehören sie dazu«, sagt er. Auch der regelmäßige vegetarische Tag in den Mensen der Uni Kiel werde bestens angenommen und sei ein Zeichen für die Hinwendung zu mehr Nachhaltigkeit im studentischen Milieu. Nicht das schlechteste Signal, meint Konrad Ott: »Die Studierenden von heute sind diejenigen, die morgen in den Schulen, Hörsälen und Redaktionen die Meinung prägen.«

Martin Geist
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