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Nr. 82, 18.10.2014  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

»Jedes Fach an unserer Fakultät ist wertvoll und wichtig!«

Die Philosophische Fakultät ist die zahlenmäßig größte Fakultät an der CAU. Und auch in der Fächerbreite ist sie eine große Fakultät, betont Professor Thorsten Burkard im unizeit-Interview. Der frisch gewählte Dekan führt die Philosophische Fakultät ins 350-jährige Jubiläum im Jahr 2015.


unizeit: In der Gründungszeit der CAU wurde an der Philosophischen Fakultät vor allem die allgemeine Bildung vermittelt, die für den Zugang zum Studium an den anderen Fakultäten erforderlich war. In gewisser Weise legen die Geisteswissenschaften auch heute noch die Grundlagen für die Wissenschaft ganz allgemein. Oder nicht?

Thorsten Burkard, Professor für Klassische Philologie (Latinistik), ist seit Juli 2014 Dekan der Philosophischen Fakultät. Foto: pur.pur

Thorsten Burkard: Das würde ich schon so sehen. Unsere Fakultät ist sehr stolz darauf, eine große philosophische Fakultät zu sein. Das heißt, wir haben alle klassischen geistes­wissen­schaftlichen Fächer. Und in diesen werden auch Schlüssel­qua­lifikationen vermittelt. Dazu zählen zum Beispiel die Rhetorik oder das wissenschaftliche Schreiben. Die grundsätzliche Frage nach dem korrekten folgerichtigen Denken ist eine weitere wichtige Domäne der Geisteswissenschaften, insbesondere natürlich der Philosophie.
Des Weiteren ist die Erforschung der Herkunft unserer kulturellen Errungenschaften sowie der Entstehung und Entwicklung mensch­licher Gesellschaften die zentrale Fragestellung aller historischen Fächer. Zu nennen sind auch die Sprachkompetenzen, die Stu­die­rende aller Fakultäten bei uns erwerben können. Weitere Grund­lagen für alle Wissenschaften sind Pädagogik und Psychologie.

Wo liegen derzeit die Schwerpunkte der Philosophischen Fakultät?

Vor vier Jahren haben wir das Collegium Collegium Philosophicum gegründet. Es fungiert als Dach für die Forschungsbestrebungen an unserer Fakultät. Daraus haben sich zwei Forschungsverbünde zu den Themen »Endlichkeit« und »Nichtverstehen« entwickelt, für die wir bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Förderanträge auf den Weg gebracht haben. Darauf sind wir auch sehr stolz. Zu »Erfahrung und Umgang mit Endlichkeit« haben wir bei der DFG einen Sonderforschungsbereich beantragt und zu »Formen des Nichtverstehens – Negative Hermeneutiken des Erkennens« eine Forschergruppe. Beide Verbünde sind sehr stark interdisziplinär ausgerichtet. In dem Endlichkeitsschwerpunkt arbeiten alle Fachrichtungen der Fakultät mit, also Sprach- und Literaturwissenschaften, Politik, Philosophie und Geschichte. Und auch aus der Theologischen Fakultät und der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät haben wir jeweils ein Projekt gewinnen können. Alle diese Fächer untersuchen den Begriff der Endlichkeit unter verschiedenen Aspekten: Endlichkeit des Menschen, Endlichkeit von Gesellschaften und Endlichkeit von natürlichen Ressourcen.

Bei dem Verbund zum Nichtverstehen geht es darum, wie Nichtverstehen entsteht und wie wir auf Nichtverstehen reagieren. Es ist leider keineswegs immer so, dass man das eigene Nichtverstehen bemerkt und sofort ein adäquates Verstehen herstellt. Die Reaktion ist nur allzu häufig ein Begreifen auf einer ganz anderen Ebene. Es kommt zu einem Missverständnis, das vielleicht gar nicht als solches auffällt, sodass dieses Missverständnis auf eine ganz andere Weise repariert wird, als es eigentlich sinnvoll wäre. Das Interessante ist aber, dass sich dieses Missverständnis auch sehr produktiv auswirken kann. Dafür interessiert sich die Forschergruppe, die sehr stark von der Philosophie und von den Sprach- und Literaturwissenschaften getragen wird.

Was bedeutet die Lehramtsausbildung für die Philosophische Fakultät?

Wir sind die lehrerbildende Fakultät an der CAU. Die Fachausbildung können wir uns ohne die Lehramtsausbildung gar nicht vorstellen. Ein Drittel unserer Studierenden sind Lehramts­stu­dierende. Die verschiedenen Ausbildungswege befruchten sich gegenseitig. So können zum Beispiel auch Nicht-Lehramtsstudierende von den Angeboten der Pädagogik und der Psychologie profitieren. Zudem haben wir an der Fakultät fast alle Fächer mit Fachdidaktik- Professuren ausgestattet. Das heißt, wir bieten sowohl im Bereich der Fachwissenschaft als auch im Bereich der Fachdidaktik Lehre auf höchstem Niveau an.

Mit circa 8.000 Studierenden ist die philosophische Fakultät zahlenmäßig die stärkste Fakultät. Wird sie auch so wahrgenommen?

Das ist leider nicht immer so. Wir sind zwar, was die Studierendenzahlen angeht, die stärkste Fakultät. Damit korrespondiert leider nicht eine entsprechende finanzielle Ausstattung. Das ist natürlich auch rational begründbar, weil wir zum Beispiel keine Labore brauchen. In den Naturwissenschaften oder der Medizin werden schnell eine oder mehrere Millionen für teure Geräte ausgeben. Diese Dimensionen sind für uns natürlich fremde Welten.

Und werben Sie dadurch schwerer Drittmittel ein?

Richtig, das ist eine ganz andere Tradition bei uns. Für uns ist es schon eine Novität, die beiden eben genannten Großprojekte auf den Weg gebracht zu haben. Das ist in der Medizin oder bei den Naturwissenschaften das tägliche Brot. Die Antragskultur ist dort eine ganz andere.

Ein geisteswissenschaftliches Studium ist ja offensichtlich sehr beliebt. Trotzdem wird es häufig als brotlose Kunst angesehen. Ist das tatsächlich so?

Das hängt auch davon ab, welches Fach man studiert. Ich bin Latinist und komme damit aus einem Fach, das traditionell als brotlose Kunst bezeichnet wird. Diese Annahme ist aber völlig falsch. Warum? Weil das Lateinstudium gezielt auf den Lehramtsberuf vorbereitet. 99 Prozent unserer Studierenden sind Lehramtsstudierende. Seit ich das Studium vor 25 Jahren aufge­nommen habe, sind Lateinstudierende mit einem mindestens durchschnittlichen Abschluss immer untergekommen. Auch grundsätzlich kann man nicht sagen, dass die Geistes­wissen­schaften eine brotlose Kunst sind. Hinsichtlich der beruflichen Zukunft stehen Studierende der geisteswissenschaftlichen Fächer nicht schlechter da als andere Studierende. Wenn Studierende einen guten Abschluss machen und sich schon während des Studiums Gedanken über die späteren beruflichen Möglichkeiten gemacht haben, sind die Aussichten alles andere als schlecht. Die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge zielen ja auch darauf ab, die Studie­renden auf das Berufsleben vorzubereiten. Hier existiert schon ein Problembewusstsein.

Wie schätzen Sie es ein: Wohin geht die Reise, welche Bereiche werden aufblühen und welche der Vergangenheit angehören?

Für mich ist eines ganz klar: Jedes Fach an unserer Fakultät ist wertvoll und wichtig und muss erhalten bleiben, egal wie groß das Fach ist und egal wie groß beispielsweise eine Sprach­gemeinschaft ist, ob es hundert Sprecher gibt oder zwei Milliarden. Der Blick zurück zeigt, dass sich die klassischen Fächer seit 350 Jahren gehalten haben. Schwer hatten es interes­santerweise immer die neuen Fächer, also Modefächer, von denen man nach 20 Jahren nicht mehr wusste, warum es sie überhaupt jemals gegeben hat. Solche Modefächer sind kein Phänomen des 21. Jahrhunderts.

Was die Gestaltungsmöglichkeiten des Dekans angeht, so sind diese begrenzter, als man auf den ersten Blick glauben möchte: Man muss leider auf die strukturellen Zwänge und den Druck – vor allem den Spardruck – von oben reagieren. Wichtig ist mir, darauf zu achten, dass der Fakultät möglichst wenig verloren geht, am besten überhaupt nichts.

Das Interview führte Kerstin Nees
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