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Nr. 82, 18.10.2014  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Zurück zum Original

Wer sich im deutschsprachigen Raum mit Platon befasst, muss nach Kiel blicken. Dort entsteht derzeit eine beispiellos umfassende kritische Edition der Platon-Übersetzungen, die Friedrich Schleiermacher im 19. Jahrhundert vorgelegt hat.


Alle sechs Bände der Erstauflage von Schleiermachers Platon-Übersetzung liegen in der Uni Kiel vor. Zusammen mit den handschriftlichen ersten Entwürfen bilden sie eine wichtige Grundlage der Neu-Edition. Foto: mag

»Nach wie vor ist Schleiermachers Übersetzung der Standard-Platon. Das ist so ähnlich wie Luthers Bibelübersetzung«, sagt der Kieler Philologe und Gräzist Professor Lutz Käppel. Wer immer sich hierzulande mit den Wurzeln der abendländischen Kultur befasst, kommt an dem antiken griechischen Philosophen und damit an Friedrich Schleiermacher (siehe Kasten) kaum vorbei. Das könnte man so stehen lassen, wenn sich seit der Veröffentlichung des ersten von sechs Bänden im Jahr 1804 nicht einiges getan hätte. Schon die zweite Auflage, die Schleiermacher von 1816 an herausbrachte, wies zahllose auf Anhieb wenig plausible Abweichungen vom Original auf. Das wuchs sich im Laufe der Zeit aus. Längst gilt für Schleiermachers Werk kein Urheberschutz mehr, nachgedruckt wird es immer noch, und das teils äußerst freizügig. Die Sprache wird geglättet, modernisiert, der Inhalt zuweilen arg durcheinandergerüttelt.

»Es ist eine große Verwilderung eingetreten«, beschreibt Käppel die Situation, weshalb in der Geisteswissenschaft der Wunsch wuchs, sich noch einmal von Grund auf mit dem Thema zu befassen. Als Standort der traditionsreichsten, seit 1967 bestehenden Schleiermacher-Forschungsstelle in Deutschland war die Uni Kiel prädestiniert für ein solches Projekt, das aus dem regulären Etat aber nicht finanziert werden konnte. Unterstützung kam von der Fritz-Thyssen-Stiftung, die vor drei Jahren 140.000 Euro für die Neubearbeitung des ersten Bandes bewilligte.

Dr. Johanna Loehr und ihre Kollegin Male Günther haben in dem demnächst in Druck gehenden, etwa tausend Seiten umfassenden Werk mit großer systematischer Gründlichkeit gearbeitet. Zwei einander gegenüberliegende Seiten weisen jeweils den rekonstruierten griechischen Originaltext auf, dazu die in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften archivierte erste handschriftliche deutsche Übersetzungsversion sowie die Texte der ersten und der zweiten Auflage. Auf diese Weise ist das möglich, was Käppel eine »wirklich kritische Ausgabe« nennt, eine mit erläuternden Kommentaren versehene Übersicht von der Quelle bis hin zu allen wichtigen Stadien der Übersetzung und mithin eine »Rückbesinnung aufs Original«.

So manche kritisierte Widersprüchlichkeit zwischen der ersten und der zweiten Auflage löst sich dank dieser Methode in erhellendem Licht auf. Oft erklären sich Abweichungen laut Käppel dadurch, dass Schleiermacher verschiedene griechische Texte nutzte. Was also als merkwürdig oder gar falsch galt, lässt sich in Wahrheit auf unterschiedliche Quellen zurückführen und ist damit durchaus korrekt.

Herausarbeiten lässt sich dank der handschriftlichen Elemente auch der Einfluss des Kulturphilosophen und Schriftstellers Friedrich Schlegel. Ursprünglich wollte Schleiermacher Platon gemeinsam mit seinem Freund Schlegel übersetzen, weil der aber dauernd seine Textanteile schuldig blieb, verwirklichte Schleiermacher das Projekt schließlich in eigener Regie.

Somit erhielt Platon eine unverkennbare Schleiermachersche Handschrift. Ganz im Sinne des großen Griechen strebte Schleiermacher danach, die Auseinandersetzung mit Platon hermeneutisch- dialogisch zu befruchten. Die Leserschaft sollte sich bei der Lektüre als Teil des intellektuellen Diskurses fühlen. Und als Teil der antiken griechischen Kultur. Das ist für Käppel der Grund, weshalb Schleiermachers Übersetzung selbst für die Verhältnisse seiner Zeit bisweilen merkwürdig gestelzt und verspielt daherkommt: »Er versuchte, die deutschen Leser gewissermaßen zu Griechen zu machen.«

Die Arbeiten an der kritischen Gesamtausgabe des Platon gehen unterdessen weiter, denn die Thyssen-Krupp-Stiftung hat eine erneute Förderung über zwei Jahre plus ein Jahr Verlängerungsoption bewilligt. In dieser Zeit soll der dritte Band überarbeitet werden, der für den Beginn der zweiten wichtigen Schaffensperiode von Platon steht. Ziel ist es, im Lauf der Jahre alle sechs Bände neu herauszubringen.

Martin Geist
Gelehrter mit Einfluss
Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher lebte von 1768 bis 1834 und gilt als einer der wichtigsten Gelehrten seiner Zeit. Bekannt ist er heute vor allem als Theologe und Philosoph, seine Schriften hatten aber auch prägenden Einfluss auf die Pädagogik und die Soziologie. Nicht zuletzt findet sich Schleiermachers Wirken als Universitätsreformer bis heute in der Struktur der deutschen Hochschulen wieder. Die Universität als Hort des universalen Wissens, die Verbindung von Forschung und Lehre sowie die Unabhängigkeit der Universität vom Staat sind Grundsätze, die der gebürtige Schlesier schon im frühen 18. Jahrhundert formulierte. Weniger bekannt ist Schleiermacher indes als Übersetzer. Und das, obwohl er mit seiner Platon-Übersetzung ein Werk schuf, das immer noch als der Standard schlechthin gilt. (mag)
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