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Nr. 82, 18.10.2014  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Evolutionäre Perspektive

Die Biologin Eva Holtgrewe Stukenbrock leitet eine Max-Planck-Forschungs­gruppe an der CAU und ist mit ihrer Position Vorreiterin: Es ist bundesweit die erste gemeinsame Professur der Max-Planck-Gesellschaft mit einer Universität.


unizeit: Frau Professor Stukenbrock, vor vier Jahren haben Sie im Marburger Max- Planck-Institut für Terrestrische Mikrobiologie Ihre Tätigkeit begonnen und jetzt über­nehmen Sie in Kiel eine Professur. Sie legen damit ein ordentliches Tempo vor. Das ist keine Selbstverständlichkeit, vor allem wenn man bedenkt, dass Ihr zweites Kind noch nicht einmal ein Jahr alt ist.

Professorin Eva Holtgrewe Stukenbrock untersucht den Einfluss der Umgebung auf die Evolution von Parasiten. Foto: Nees

Eva Stukenbrock: Es stimmt, das ist sehr schnell gelaufen. Und die Professur, die ich jetzt übernommen habe, ist eine ganz be­sondere Professor. Ich weiß, dass große Erwartungen damit ver­knüpft sind. Einen wesentlichen Anteil an meinem Erfolg haben aber auch die Leute, mit denen ich in Marburg zusammen­gearbeitet habe. Ich hatte dort eine ganz tolle Gruppe. Ebenfalls sehr bereichernd war die Zusammenarbeit in meinen vorherigen Arbeitsgruppen in Zürich und Åarhus. Außerdem unterstützt mich mein Mann, der jetzt eine Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön leitet. Wir teilen uns die Betreuung der Kinder. Das ist zwar nicht ganz einfach, aber gemeinsam schaffen wir das. Meine Kollegin und Labornachbarin, Professorin Tal Dagan, hat ebenfalls kleine Kinder, die sie auch ab und zu bei der Arbeit besuchen. Ich möchte, dass die jungen Frauen, die hier promovieren, sehen: Man kann Forschung und Familie kombi­nieren.

Sie sprechen von einer ganz besonderen Professur. Haben Sie Respekt vor der expo­nierten Position?

Ich habe schon sehr großen Respekt. Die Erwartungen, die an mich gestellt werden, betreffen aber nicht nur die Forschung. Als Uni-Professorin habe ich viele neue Aufgaben dazu bekommen, zum Beispiel die Lehre innerhalb der Sektion Biologie. Das ist neu für mich. Außerdem soll meine Forschungsgruppe eine Brücke bilden zwischen dem Max-Planck-Institut in Plön und der CAU. Es wird daher erwartet, dass ich an beiden Standorten präsent bin. Ein Büro in Plön habe ich bereits und ein kleiner Teil meiner Gruppe arbeitet schon dort.

Sie leiten die Max-Planck-Forschungsgruppe »Genom, Evolution und Umwelt«. Was untersuchen Sie?

Mich interessiert besonders die Koevolution von Parasiten und ihren Wirten. In Marburg haben wir vor allem Pilze untersucht, die Weizen befallen und Pflanzenkrankheiten verursachen. Wie sich die pathogenen Pilze an den Wirt anpassen können, ist Gegenstand unserer Forschung. Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist, wie die Umgebung die Evolution der Parasiten beeinflusst. Um dies herauszufinden, vergleichen wir Pilze, die von landwirtschaftlich genutzten Weizenpflanzen stammen, mit solchen, die auf wilden Gräsern existieren. Da sehen wir, dass die Weizen-Pathogene ihr Genom sehr schnell verändern können und sich damit zum Beispiel auch schnell an neue, resistentere Weizensorten anpassen. Für Pathogene auf wilden Gräsern hingegen ist es schwieriger, ihr Genom zu verändern.

Eine ganz zentrale Frage hierbei ist: Wie ist diese schnelle Anpassung der Parasiten auf Weizenpflanzen möglich? Und wie ist das mit den Pathogenen auf wilden Gräsern? Diese Prozesse wollen wir auf molekularer Ebene im Detail verstehen. Hierfür werden wir uns Genome von vielen Individuen mit dieser Anpassung anschauen und die molekulare Interaktion zwischen Wirt und Pathogen studieren. Dabei untersuchen wir auch, wie das Epigenom, das den Aktivitätszustand der Gene kennzeichnet, die Interaktion beeinflusst. Neben dem Modellsystem mit den Weizenpathogenen werden wir jetzt auch mit anderen Modellsystemen im Bereich Pflanzenkrankheiten arbeiten.

Lassen sich aus den Forschungen, die Sie machen, auch Rückschlüsse auf andere Bereiche von Gen-Umwelt- Wechselwirkungen ziehen?

Die Fragen, die wir stellen, lassen sich prinzipiell auch auf Humanpathogene und Tierpathogene übertragen. Ich würde das in Zukunft gern in einem Tiermodell untersuchen. Interessant wäre zum Beispiel die Frage, welchen Einfluss die intensive Tiermast auf die Evolution von Parasiten hat im Vergleich zu natürlichen Tieren und ihren Parasiten.

Unabhängig davon, was würden Sie sonst noch gern näher untersuchen?

Vieles. Es ist vielleicht auch eine Besonderheit meiner Gruppe, dass wir uns in vielen unterschiedlichen Bereichen bewegen. Hätten Sie mich vor zwei Jahren nach Epigenetik gefragt, hätte ich nicht gedacht, dass wir jemals in diesem Bereich arbeiten würden. Aber jetzt, da wir damit angefangen haben, ist das ein großes Thema in der Gruppe. Außerdem wenden wir auch Methoden der Bioinformatik zur Molekularanalyse an. Mir ist wichtig, das alles zu verstehen, nicht nur die molekularen Abläufe der Interaktionen, sondern auch die evolutionäre Perspektive. Vielleicht sitze ich deswegen hier.

Das Interview führte Kerstin Nees
Pilze und deren Umwelt
Eva Holtgrewe Stukenbrock wurde 1976 in Silkeborg, Dänemark, geboren und studierte Bio­lo­gie an der Universität Kopenhagen. Zwischenzeitlich verbrachte sie drei Jahre im brasilia­nischen Regenwald und engagierte sich in einem Projekt zur ökologischen Bodenbearbeitung. Sie promovierte 2007 im Bereich Pflanzenpathologie der Eidgenössischen Technischen Hoch­schule (ETH) Zürich, Schweiz, mit einer Arbeit über Populationsgenetik und Evolution von pathogenen Pilzen auf Pflanzen.

Nach der Promotion ging die Wissenschaftlerin zurück nach Dänemark und arbeitete als Postdoc im Bioinformatics Research Center der Universität Århus. Stukenbrock: »Der Sprung in die Bioinformatik war damals eine große Herausforderung, aber in der Forschung hat mich das weitergebracht.«

Die Methoden der Bioinformatik setzte sie später bei ihrer Arbeit am Max-Planck-Institut für Terrestrische Mikrobiologe in Marburg ein. Sie leitete dort ab 2012 die Forschungsgruppe »Pilz-Biodiversität« und gewann mit der Bioinformatik tiefergehende Einblicke in das Genom von Pflanzenschädlingen. Seit August 2014 leitet die Mutter von zwei Söhnen (7 Jahre, 10 Monate) die Max-Planck-Forschungsgruppe »Environmental Genomics« an der CAU. (ne)
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