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Nr. 82, 18.10.2014  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Erreger mit Tarnkappe

Ein Forschungsteam des Exzellenzclusters »Entzündungsforschung« hat einen Defekt in der körpereigenen Immunabwehr gegenüber hartnäckigen Eiter­erregern entdeckt. Das könnte zukünftige Therapien von chronischen Hautent­zündungen verbessern.


Der Erreger S. aureus auf einem Nährboden. Die normale Wuchsform (links) ist einfacher zu therapieren als die hartnäckigere Kolonievariante (rechts). Foto: Heilwig Hinrichs

Seit Jahrmillionen sind Lebewesen einer Vielzahl von äußeren Einflüssen ausgesetzt, beispielsweise Bakterien und Pilzen. An der Kieler Hautklinik untersuchen Professorin Regine Gläser und Professor Jürgen Harder im Detail, wie sich die Haut gegen diese Eindringlinge wehrt. Im Zentrum ihrer Forschung stehen spezielle Eiweißstoffe, sogenannte antimikrobielle Peptide (AMP), die die Mikroben abtöten. Hautzellen produzieren AMP und tragen dadurch zu einer chemischen Abwehrbarriere der Haut bei, deren Zusammensetzung sich von Mensch zu Mensch unterscheiden kann. Bei einigen Hautkrankheiten ist die Regulierung dieser Abwehrstoffe verändert, wodurch es zu Störungen in der Hautbarriere kommt. Haut ärztin Gläser und der Infektionsbiologe Harder sind Mitglieder der klinischen Forschungsgruppe »Mechanismen kutaner Entzündungsreaktionen«, die von Professor Jens-Michael Schröder initiiert wurde. Hier werden seit Jahren AMP und ihre Funktionsweise erforscht und das Kieler Team leistete auf diesem Gebiet wichtige Pionierarbeit.

Normalerweise ist die Haut durch AMP gut gegen Bakterien geschützt, trotzdem kann es zu hartnäckigen Infektionen kommen. Was da schief läuft, untersuchten die beiden im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten nationalen Netzwerk­programmes am Beispiel von Staphylokokken-Infektionen.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist der häufigste Erreger von eitrigen Haut- und Weich­teil­infektionen. Gläser und Harder stellten fest, dass der Erreger in der Lage ist, in chronischen Infektionen in einer besonderen Wachstumsform zu überdauern, den sogenannten Kleinen Kolonievarianten (small colony variants, SCV). Das Bakterium S. aureus SCV ist so gewissermaßen ein Ritter in Rüstung, der durch einen guten Schutzpanzer die körpereigene Abwehr unterwandert und sich deswegen besonders schwer bekämpfen lässt.

In Zusammenarbeit mit Mikrobiologen der Universität Münster entdeckte das Kieler Team, dass S. aureus SCV von mehreren AMP der Haut deutlich schlechter abgetötet wird als die normale Wuchsform des Erregers. Auch die oberste Hornschicht der Haut, die durch besonders viele AMP geschützt wird, zeigte eine verminderte Abwehrfunktion gegenüber den kleinen Kolonie­varianten des Erregers.

Die neuen Ergebnisse können wichtig für die zukünftige Erkennung und Therapie von besonders hartnäckigen Eiterentzündungen der Haut sein. Da gängige Antibiotikatherapien allein oft nur ungenügend gegen S. aureus SCV wirken, sind neue Therapiestrategien nötig. »Eine zeit­intensivere Diagnostik kann die langlebige Kolonievariante in der Haut nachweisen. Dazu muss ein Abstrich der Haut bis zu eine Woche lang kultiviert werden, und nicht nur zwei bis drei Tage, wie es häufig Standard ist«, fasst Professorin Gläser die neuen Erkenntnisse zusammen. Würde S. aureus SCV nachgewiesen, könnte die notwendige Therapie optimal auf diese spezielle Infektion abgestimmt werden. So könnten beispielsweise heute bereits zugelassene Antibiotika sinnvoll kombiniert werden, um diesen Erreger zu bekämpfen.

Neben dem Defekt in der AMP-Abwehrbarriere beschäftigt sich das Kieler Forschungsteam auch mit anderen Anwendungsbereichen für die AMP. Zurzeit wird etwa untersucht, ob künstlich hergestellte AMP, beispielsweise in einer Creme, bei der Heilung von Wunden und Infektionen helfen. Wegen ihres breiten Wirkungsspektrums, der Selten heit von Resistenzen ihrer Ziel­erreger und ihrer guten Verträglichkeit stellen AMP potenziell eine neue Klasse von Therapeutika zur Bekämpfung von Infektionen dar. »Wir könnten uns aber auch vorstellen, dass Stoffe entwickelt werden, die die körpereigene AMP-Produktion direkt anregen«, sagt Jürgen Harder. Vitamin D sei ein Beispiel für eine bereits bekannte Substanz, die sowohl die angeborene als auch die anpassungsfähige Immunabwehr der Haut beeinflusst.

Tebke Böschen
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