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Nr. 82, 18.10.2014  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Kultur oder Phänomen?

Jungsteinzeitliche Glockenbecher finden sich in vielen Gegenden Europas. Über die Hintergründe ihrer weiten Verbreitung sind sich Archäologinnen und Archäologen bis heute uneins – obwohl die Becher seit über hundert Jahren beforscht werden.


Glockenbecher wie dieses in Form und Verzie­rung charakteristische, etwa 4400 Jahre alte Exemplar finden sich in vielen Teilen Europas.

Begann es in den Niederlanden? Auf Sizilien? Auf der Iberischen Halbinsel? »Obwohl bereits zahlreiche Glockenbecher aus diesen Gebieten untersucht wurden, können wir nicht sicher bestimmen, welches die ältesten sind«, sagt Dr. Martin Furholt vom Institut für Ur- und Frühgeschichte.
»Sicher ist, dass sie alle aus der Jungsteinzeit stammen, doch die Datierungsmethoden für den fraglichen Zeitraum sind nicht präzise genug, um exakte chronologische Aussagen zu treffen und daraus abzuleiten, wo das Glockenbecherphänomen seinen Ursprung hatte«, bedauert der Prähistoriker. »Vielleicht würde eine genauere Datierung aber auch ergeben, dass die Becher an verschiedenen Orten praktisch gleichzeitig aufkamen«, schneidet Furholt eine weitere Theorie an. Fest steht immerhin, dass die ältesten Becher aus den Jahren um 2700 vor unserer Zeitrechnung stammen.

Wenn Martin Furholt von Glockenbechern spricht, dann mit dem Zusatz »Phänomen«. Sein Kollege Ralph Großmann, der an der Graduiertenschule »Human Development in Landscapes« über die s-förmigen, henkellosen Gefäße promoviert, teilt diese Ansicht. Er ergänzt aber: »Andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler interpretieren die Becher als Anzeichen einer eigenen, weit verbreiteten Kultur, die möglicherweise großräumig von der Iberischen Halbinsel eingewandert ist.«

Allerdings stamme diese Sichtweise aus der Frühzeit der Glockenbecherforschung, also dem Anfang des 20. Jahrhunderts, und sei in der heutigen Archäologie immer weniger weniger verbreitet. Gegen die Theorie der eingewanderten Kultur spricht laut Martin Furholt beispielsweise, dass die prägnanten Gefäße oft zusammen mit anderer Keramik gefunden werden, die lokal sehr unterschiedlich ist. »Die Glockenbecher wirken in diesen Fundzusammenhängen wie Fremdkörper« meint Furholt.

Heute gehe man eher davon aus, dass sich nicht eine große Gruppe Menschen über weite Teile Europas verbreitet hat, sondern kleine Gemeinschaften oder nur die Idee, Becher in dieser Form herzustellen, erläutert Ralph Großmann. Grundvoraussetzung dafür wäre eine höhere Mobilität der Menschen, etwa von reisenden Händlern, als in vorangegangenen Jahrtausenden, da sich das nahezu zeitgleiche Auftauchen der Glockenbecher in weit voneinander entfernten Gebieten sonst nicht erklären ließe.

Die Archäologen interpretieren die oft reich verzierten Glockenbecher zudem als Indikatoren eines gesellschaftlichen Wandels: Die Herausbildung von Eliten und damit Ansätze sozialer Ungleichheiten. »Ist es heute oft an der Größe des Autos oder der Wohnung erkennbar, wie ein Individuum sozial gestellt ist, so waren es damals die Bestattungssitten«, sagt Martin Furholt. »In den vorangegangenen Perioden waren große Gräber die Regel, in denen ganze Familien oder Dorfgemeinschaften nach und nach beerdigt wurden. Glockenbecher finden sich dagegen in Einzelgräbern, die durch ihre auch sonst reiche Ausstattung mit Grabbeigaben darauf hinweisen, dass dort ein Mensch mit besonderer Funktion oder Rolle in der jungsteinzeitlichen Gesellschaft seine letzte Ruhestätte fand.«

Wodurch sich die neuen Eliten von der übrigen Bevölkerung abhoben, ist umstritten. »Da die Becher oft neben Pfeilspitzen gefunden werden, könnten es Jäger gewesen sein. Doch auch Kupferwaffen und -werkzeuge liegen oft neben den Bechern, daher könnten es auch frühe Schmiede gewesen sein«, sagt Ralph Großmann. Denkbar sei aber auch, dass die Anführer einer Gemeinschaft sich durch die aufwändig hergestellten Gefäße aus der Masse herausheben wollten.

Einig sind sich Forscherinnen und Forscher immerhin bei der Antwort auf die Frage, warum die Glockenbecher am Übergang von der Jungstein- zur Bronzezeit immer seltener vorkamen und schließlich gar nicht mehr hergestellt wurden: »Es kamen tassenförmige Gefäße mit Henkel auf, und die fanden die Menschen einfach schicker«, meint Martin Furholt.

Jirka Niklas Menke
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