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Nr. 82, 18.10.2014  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Prognosen für bedrohte Regionen

Die Zukunft der Küsten hat eine Arbeitsgruppe am Geographischen Institut aus unterschiedlichen Perspektiven im Blick. Sie ist Teil des im vergangenen Jahr gegründeten Zentrums für Interdisziplinäre Meeresforschung.


Abbrüche an Steilküsten sind eine mögliche Folge des Klimawandels. Denn nach den Prognosen der Klimamodelle wird nicht nur der Meerespiegel ansteigen, sondern auch die Intensität und Häufigkeit von Sturmfluten zunehmen. Foto: pur.pur

»Was wäre wenn«-Fragen sind eine Spezialität von Professor Athanasios Vafeidis. Der Experte für physische Geographie leitet die Forschungsgruppe »Coastal Risks and Sea-Level Rise« (Meerespiegelanstieg und Risiken in Küstenzonen) im Exzellenzcluster »Ozean der Zukunft«. Eine dieser Fragen lautet: Was bedeutet es für Küstenregionen, wenn der Meeresspiegel bis Ende des Jahrhunderts um 10, 20 oder 30 Zentimeter ansteigt? Oder: Welchen Unterschied macht es, ob die Küste dicht oder weniger dicht besiedelt ist? Und wie beeinflusst die sozio-ökonomische Entwicklung die Folgen von Erosionen oder Sturmfluten? Diesen grundlegenden Fragen geht Vafeidis in Kooperation mit größeren Forschungsverbänden auf globaler, regionaler sowie lokaler Ebene nach.

Untersuchungsgebiete sind zum Beispiel die Malediven im indischen Ozean, das Ebro-Delta im Nordosten von Spanien und Delta-Regionen in Argentinien. »Wir analysieren nicht nur die phy­sischen Auswirkungen des Meeres spiegelanstiegs, sondern auch die damit verbundenen wirt­schaftlichen und gesellschaftlichen Risiken«, erklärt der Wissenschaftler vom Geographischen Institut. Zu den physischen Auswirkungen gehören etwa die Erosion von Stränden oder Steil­küsten, erhöhte Flut- und Sturmschäden oder das Eindringen von Salz in Grund- und Ober­flächenwasser. Aber auch die damit verbundenen Kosten sowie die Einschränkungen für die Bevölkerung müssen berücksichtigt werden.

Vafeidis: »In unseren Modellen spielen wir verschiedene Szenarien zu Meeresspiegelanstieg und Bevölkerungsentwicklung durch. Dabei berücksichtigen wir auch, wie sich unterschiedliche Anpas­sungsmaßnahmen hinsichtlich Kosten und Nutzen auswirken.« Zu diesen Maßnahmen gehört zum Beispiel das Erhöhen der Deiche, aber auch das Umsiedeln der Menschen von der Küste ins Hinterland oder das Bauen von hochwassergeschützten Gebäuden.

Diese Modelle sind nötig, um zum Beispiel Verantwortliche in der Politik beraten zu können. Die Tatsache, dass die Bevölkerung in Küstenregionen derzeit stark wächst, wird laut Vafeidis bisher in den Modellen noch zu wenig berücksichtigt. Parallel zum Bevölkerungsanstieg steigen auch die Anzahl an Gebäuden und die Wirtschaftskraft der Regionen. Das alles beeinflusst die Prognosen.

Mit dieser Forschungsagenda fügt sich Vafeidis’ fachübergreifend zusammengesetzte Arbeitsgruppe ideal in das im vergangenen Jahr an der CAU gegründete Zentrum für Interdisziplinäre Meeresforschung – Kiel Marine Science (KMS). »Das Zentrum soll die unterschiedlichen Aktivitäten in der Meeresforschung, die sich an der CAU über sieben Fakultäten verteilen, verteilen, besser vernetzen und fördern«, sagt KMS-Direktor Professor Ralph Schneider vom Institut für Geowissenschaften. »Die Leute treffen sich nicht per Zufall hier auf dem Campus, die wollen wir zusammenbringen.«

Dabei ist die Forschung in den beteiligten Fächern Physiologie, Biologie, Mathematik, Chemie, Ingenieurwesen, Informatik, Geowissenschaften, Recht, Philosophie, Ökosystemforschung, Wirtschaft, Aquakultur und Geographie nicht allein vom wissenschaftlichen Interesse geleitet, sondern zielt auf direkte gesellschaftliche Relevanz. »Wir entwickeln unsere Forschungsansätze im Dialog mit der Gesellschaft«, so Schneider. Denn die Fragen, mit denen sich die Meeresforschung zunehmend auseinandersetzt, bringen häufig Interessenskonflikte mit sich. Egal, ob es um die nachhaltige Küstennutzung oder um den Bau von Windparks im Wattenmeer geht. Hierbei interessiert sich die Forschung natürlich für die ökologischen Auswirkungen derartiger Eingriffe.

Daneben berührt die Thematik aber auch Gesellschaft und Politik. Im Fall der Windparks geht es zum Beispiel darum, ob dadurch der Strompreis steigt, wie der Strom vom Ort der Erzeugung dorthin kommt, wo er benötigt wird, und wem diese Art der Energieerzeugung nutzt, wem sie schadet. Schneider: »Da geht es um sehr komplexe Fragen, die nicht nicht allein die Naturwissenschaft lösen kann. Gefragt sind hierbei auch technisches und soziologisches Knowhow sowie Wirtschaftskompetenz und juristisches Fachwissen.« Dieses Knowhow wird an der Kieler Uni bei KMS gebündelt.

Kerstin Nees

www.crslr.uni-kiel.de
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