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Nr. 82, 18.10.2014  voriger  Übersicht  Übersicht  REIHEN  SUCHE 

Mit Herz und Hertz

51 Jahre alt wird die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät in diesem Jahr. Es gibt Mitglieder, die im wörtlichen Sinn von Anfang an mitgespielt haben.


Der Physiker Volkmar Helbig (Foto) und seine Kollegen kennen sich aus mit Akustik. Foto: J.Haacks

Volkmar Helbig darf getrost als ein Urgestein der Mathe­matisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät bezeichnet wer­Mden. In Zwickau geboren, 1948 nach Kiel gekommen, dort ab 1962 Physik studiert, später diplomiert und nach Zwischenstationen in den USA, Japan, Frankreich und den Niederlanden habilitiert, letztlich Professor an der Uni Kiel geworden und bis zum Ruhestand geblieben: So lässt sich Helbigs Lebenslauf in einem Satz zusammenfassen.

Oder vielleicht doch nicht ganz, denn ein zentraler Bestand­teil – auch seines wissenschaftlichen Lebens – ist die Musik. »Eigentlich sollte ich ja Geiger werden«, erzählt der Mann, den es beruflich dann doch zur Physik zog. Was aber nichts daran änderte, dass er die Musik stets als sein allerliebstes Hobby pflegte. Als Student gehörte er in den 1960er Jahren dem universitären Collegium Musicum an, er spielt in einem Jazz-Quartett, ist beim Frauen kabarett Kronshagen der Mann am Klavier und macht Tanzmusik mit der Gruppe »Westwind«.

Nicht zuletzt bildet Helbig auch ein Drittel der Gruppe »Das Leise Trio«. Das wäre ohne die Uni und Helbigs Heimatfakultät niemals entstanden. Langsam los ging es, als der Physiker zusammen mit seinen Professorenkollegen Wolfgang Enge und Gerd Pfister gegen Ende der 1980er Jahre ein Seminar mit dem Titel »Physikalische Grundlagen von Musikempfinden und Musikerzeugung« anbot. Und weil sowohl Wolfgang Enge, unter anderem Klarinettist, Saxofon- und Akkordeonspieler sowie erster und immer noch einziger Leiter und Dirigent der Uni-Big-Band, als auch der nicht nur an der Gitarre virtuose Gerd Pfister musikalisch versiert sind, beließ es das Physiker-Trio im Hörsaal nicht bei dröger Theorie. Die rund 20 Instrumente, die sie zusammen beherrschen, setzten sie bei ihren Vorlesungen immer wieder sozusagen zur »Veranhörlichung« ein.

Mit einer Kurzversion des Seminars touren die drei Wissenschaftler seit Juni 1998 auch durch die Schulen des Landes und haben es mittlerweile auf fast 100 Auftritte gebracht.

Etwa drei Jahre später, so erinnern sie sich, brachte irgendjemand den Spruch, dass es doch eigentlich viel besser wäre, wenn die musikalischen Professoren sich ihr Reden sparen und einfach nur Töne erzeugen würden. So wurde dann »Das Leise Trio« geboren, das bis heute immer wieder bei Professorenbegrüßungen und anderen Uni-Veranstaltungen zu hören ist, aber auch in Kurhäusern und auf Hochzeiten spielt. Auf knapp 220 Engagements blickt das Trio mittlerweile zurück und leistet sich dabei einen exklusiven Luxus: Ob Swing, Latin, Jazz oder Musical, »wir spielen nur, was wir gut finden«, betont Wolfgang Enge. So etwas wie demo­kratische Mitsprache seitens derer, die sie buchen, oder seitens des Publikums ist ganz und gar nicht vorgesehen.

Längst sind nun Enge (79 Jahre), Pfister (70) und Helbig (71) im Ruhestand, doch mit ihren Vorträgen in den Schulen ebenso wie mit ihrer Musik sind sie nach wie vor unterwegs. Zur eigenen Freude, wie sie versichern, aber auch als Botschafter in Sachen Physik. Auf diese Weise schreiben sie das vielleicht wohlklingendste Stück Fakultätsgeschichte. Und wie Gerd Pfister mit einem gewissen altersmilden Augenzwinkern anmerkt, ist ihr musikalischer Zusam­menschluss auch das einzige Gebiet, in dem die 1997/98 vollzogene Fusion der Physik zum Institut für Experimentelle und Angewandte Physik reibungslos funktioniert hat. Denn der Ange­wandte Physiker Pfister, der Experimentalphysiker Helbig und der Kernphysiker Enge mussten wegen ihrer gemeinsamen Leidenschaft für schöne Töne viel weniger Befindlichkeiten überwinden als viele ihrer Kolleginnen und Kollegen.

Heute hat sich das alles eingerenkt, und in der Rückschau zeigen die drei Ruheständler Verständnis für die damaligen Veränderungen: Die Zeit sei wohl einfach reif für Neues gewesen. Für Physik mit Musik indes ist die Zeit immer reif.

Martin Geist
350+Zeichen – Persönliche Geschichten gesucht
An der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät spielt die Musik – und noch mehr an der ganzen Universität. Die Noten und Akkorde ihrer Mitglieder und Freunde möchte die Christian-Albrechts-Universität anlässlich ihres 350. Jubilä­umsjahres von allen erfahren, die sich mit ihr verbunden fühlen.

In 350 und mehr Geschichten sollen sie über besondere Ereignisse, Impulse, prägende Erfahrungen, Lieblingsorte, -zeiten oder -personen berichten. Die Anekdoten werden ab dem 1. Januar 2015 unter anderem auf der Jubiläums-Website veröffentlicht. Sie sind herzlich eingeladen, Ihre Geschichte zu erzählen! Informationen unter www.uni-kiel.de/mitmachen

(mag)
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