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Nr. 88, 22.10.2016  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

(Un)Saubere Debatte

Dr. Stefanie Wodrig und Professor Dirk Nabers vom Institut für Sozialwissen­schaften untersuchen die politische und gesell­schaftliche Debatte zum Fracking in Nord­deutschland – und wie die Kritik an der Fördertechnologie eine lange verborgene Infrastruktur zu einem Politikum gemacht hat.


Eine Protestaktion gegen geplante Ölbohrungen im Wattenmeer. Foto: picture alliance

Allein 95 Prozent des in Deutschland geförderten Erd­gases werden in Niedersachsen gewonnen. Die Förderung dieser fossilen Energien bot bis vor weni­gen Jahren Arbeitsplätze und spülte teilweise mehr Geld in die öffentlichen Kassen als beispielsweise der Volkswagen-Konzern. Außerdem galt sie grund­sätzlich als sauber, weswegen die Bohrlöcher, Schlammgruben und Rohrleitungen politisch kaum Aufmerksamkeit erhielten.

Um das Jahr 2011 änderte sich die öffentliche Wahr­nehmung, unter anderem durch die Oscar-Nomi­nie­rung des Dokumentarfilms »Gasland«, der über die negativen Auswirkungen der als »Fracking« bezeich­neten Schiefergasförderung in Amerika berichtete.

»Zeitgleich wurden Unfälle bei der hiesigen Produktion bekannt«, erklärt Politikwissenschaftlerin Dr. Stefanie Wodrig. »Dadurch entstand in der Bevölkerung ein kritisches Bewusstsein für die schon lange vorhandene Infrastruktur.« Das Besondere daran: Die spezielle, vom Film kritisierte Methode des Schiefergasfrackings wurde in Deutschland noch gar nicht angewendet. Dennoch wurden durch die global aufkommende Kritik am Fracking Probleme mit den bisherigen Praktiken der traditionellen Erdgas- und Erdölförderung sichtbar. Vor allem von Seite der Bürgerinnen und Bürger wurden politisch sehr wirksame Kampagnen organisiert.

In einem Forschungsprojekt, das noch bis Anfang 2017 vom Arbeitsbereich für Internationale Politische Soziologie durchgeführt wird, analysieren Wodrig und Nabers die »Politisierung« der Gasförderung. »Das bedeutet, dass eine bisher alltägliche Praxis in Frage gestellt wird und ein Kampf um die Deutungshoheit entsteht. Man fragt sich, ob das noch eine gute Sache ist. Und ob man als Gesellschaft so weiterverfahren möchte.« Für den Exzellenzcluster »Ozean der Zukunft« untersucht Wodrig einen riesigen Datensatz von 700 Dokumenten, darunter Transkripte von Plenardebatten in Land tagen und im Bundestag, Statements von Bürgerinitiativen und der Industrie.

Eine spannende Erkenntnis ist dabei, dass die von den Bürgerinnen und Bür gern zuvor kaum beachtete Bürokratie in die Kritik geriet: »Das in Hannover ansässige Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie, oder auch LBEG, vergibt die Genehmigungen zur Erdöl- und Erdgasförderung in Niedersachsen, Hamburg, Schleswig- Holstein und Bremen an die Energieunternehmen «, beschreibt Wodrig die Ausgangslage. »Von der Öffentlichkeit wurden die Vorgänge in der Behörde nun aber als intransparent wahrgenommen und kritisiert.« Die bisherige Genehmigungs praxis schien durch ihre Abläufe die weitere Erdgas- und Erdölproduktion zu bevorzugen: Das Landesamt begründet seine Entscheidungen vor allem mit geologischem Fachwissen, berücksichtigt in den Augen der Kritikerinnen und Kritiker aber Umweltbelastungen oder einen gesellschaftlichen Wandel nicht ausreichend.

Im Zuge der Politisierung der Infrastruktur begannen ehrenamtlich arbeitende Kommunal­politi­kerinnen und -politiker damit, sich intensiv mit der Problematik der Gasförderung auseinan­der­zusetzen, obwohl dies gar nicht zu ihren gesetzlich festgelegten Aufgaben gehört. Da sie aber durch ihre Verwurzelung in ihren Regionen viel stärker mit Bürgerinnen und Bürgern sowie Bürgerinitiativen verbunden waren, machten sie dies zu ihrer Aufgabe und arbeiteten gemeinsam mit ihnen am Strukturwandel – anders als das LBEG.

Mit Erfolg? »Definitiv! Vor allem die Bürgerinitiativen haben durch ihre Arbeit die Politisierung herbeigeführt und für einen ersten Kompromiss und Wandel gesorgt. Natürlich geht das neue Fracking-Gesetzespaket vom Frühsommer 2016 vielen Kritikerinnen und Kritikern noch nicht weit genug. Aber nur wenn man heute etwas in Frage stellt, kann man damit die Zukunft beeinflussen«, bilanziert Wodrig. Abgeschlossen ist der Konflikt durch die Moratorien aber noch lange nicht. Deshalb geht der Deutungskampf um die Werte, Wünsche und Ziele der Gesellschaft an jedem Tag weiter. Nicht nur beim Thema Fracking.

Sebastian Maas
Was ist Fracking?
Der Begriff bezieht sich auf eine Technik zur Stimulierung der Erdgas- und Erdölförderung. Durch die Einleitung eines Wasser-Chemikalien-Gemischs in den Boden werden Risse erzeugt, wodurch Vorkommen auch aus undurchlässigen Gesteinsschichten gefördert werden können. Bei der »traditionellen« Fördermethode können Vorkommen ohne diesen Zusatzschritt angezapft oder abgepumpt werden. In der Öffentlichkeit wird »Fracking« oftmals auch als Umschreibung für den gesamten Förderprozess gebraucht. Umstritten ist es unter anderem, weil Gase oder Chemikalien ins Grundwasser gelangen können. (sma)
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