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Nr. 88, 22.10.2016  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Olympia 2016 – Eine Nachlese

Ist die Olympische Idee noch zu retten? Der Sportpädagoge Professor Herbert Haag sieht eine Chance und skizziert Ansätze für eine Reformierung.


Die Kernelemente der Olympischen Idee sind aktuell wie nie zuvor: ganzheitliches Menschenbild, Erziehung zur Leistungs­bereitschaft, Fairness und Kooperation sowie Frieden und Völkerverständigung – all das verbindet man auch heute noch mit Olympia. Diesem Anspruch wird die Wirklichkeit aber oft nicht gerecht. Die Olympischen Spiele von 2016 haben die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit erneut offenbart.

Die immer komplexer werdende Welt hat offenbar auch den Sport erreicht. Hier spielen viele »Player«, teils miteinander, teils gegeneinander: das Internationale Olympische Komitee, die Welt-Anti-Doping-Agentur, nationale und internationale Sportver bände, nationale Olympische Komitees, sportpolitische Gremien und nationale Anti-Doping-Agenturen.

Daneben haben auch weltweite gesellschaftliche Trends den Sport erfasst. Gesellschaften wer­den immer mehr von Geld und Finanzinteressen regiert. Kultur, Bildung. Erziehung und Lebens­qualität werden oft vernachlässigt. Korruption zerstört viele wertvolle Ansätze und Bemühungen, die die Welt humaner und sozialer gestalten sollen. Freudvolle Ereignisse, wie es die Olympischen Spiele eigentlich sind, werden also dringend gebraucht. Bedauerlicher­weise ist man heute dabei, eines der immer weniger werdenden freudvollen Weltereignisse auch noch kaputt zu machen.

Ein Aspekt dabei ist Doping. Ganzheitlich verstanden bedeutet Doping das Beschaffen von persönlichen Vorteilen mit unlauteren Mitteln. Doping umfasst also alle Gesellschaftsbereiche. Beispiele hierfür sind in der Politik die Fälschung des Lebenslaufs zur Erlangung eines Bundestagsmandats (jüngst eine SPD Abgeordnete), in der Wissenschaft das Erschleichen von Doktortiteln mit Plagiaten oder in der Wirtschaft der VW-Abgasskandal. Im Sport gelangte jüngst das Staatsdoping in Russland in den Fokus.

Doping im Sport ist also keine Ausnahme. Ein Vergehen ist es aber in jedem Fall und verdient keine Tolerenz. Bisher war der Kampf gegen Doping jedoch nicht sehr erfolgreich. Erfreulicherweise gibt es seit kurzem ein staatliches Antidopinggesetz. Allerdings gibt es immer noch kein einheitliches Vorgehen bei Doping in den verschiedenen Sportarten und in verschiedenen Ländern.

Klar ist auch, im Zusammenhang mit Doping gibt es unterschiedliche Auffassungen. Das zeigt nicht zuletzt die Diskussion zum Doping in Russland. Ohne eine inhaltliche Aufarbeitung wird es hier keinen Konsens geben. Die Situation um Olympia ist ernst, aber bei konstruktiver Veränderung nicht hoffnungslos. Wichtige Schritte sind:

1. Wesentliche Aspekte des »Quo vadis, Olympia?« sollten nicht kurz vor Olympischen Spielen thematisiert werden.

2. Leitlinie sollte sein, mit den Personen zu reden, die es betrifft, und nicht vorwiegend über sie, das heißt Kooperation mit Athletinnen und Athleten.

3. Sport wird politisch oft instrumentalisiert. Hier muss der Sport, vor allem auf der Weltebene, sehr achtsam sein und selbstbewusst auf der Grundlage seines Wertekanons handeln.

4. Olympia ist zur mehrdimensionalen Spielwiese der Wirtschaft geworden. Diese Entwicklung ist in Grenzen zu weisen.

5. Der Medaillenspiegel zur Bewertung der Leistung und die Abhängigkeit der finanziellen Unterstützung von der Anzahl der errungenen Medaillen stehen im Widerspruch zur Olympischen Idee. Es sollten Alternativen bevorzugt werden, die zum Beispiel die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Wettkämpfen berücksichtigen oder sozio-ökonomische Faktoren (Einwohnerzahl, Anzahl der Athletinnen und Athleten, Bruttosozialprodukt) einrechnen.

6. Der Kampf gegen Doping erfordert eine klare und durchgängige Null- Toleranz-Politik. Bestimmte Sportarten müssten gestrichen, Länder mit Staatsdoping vom Wettkampf ausgeschlossen oder Athletinnen und Athleten sowie deren Umfeld beim eindeutigen Nachweis von Doping konsequent bestraft werden.

7. Zur Bekämpfung der Korruption sind Kontrollen von Funktionärinnen und Funktionären sowie Trainerinnen und Trainern erforderlich sowie deren Bestrafung, wenn Korruption vorliegt. Eine Begrenzung der Amtszeit von Funktionärinnen und Funktionären kann dabei helfen.

8. Olympia muss sich wieder auf Alleinstellungsmerkmale konzentrieren. Dazu gehören das Wohnen im Olympischen Dorf, Finanzhilfen für ärmere Länder, olympisches Jugendlager, Kulturprogramm und die Einbeziehung von Wissenschaft.

Diese Hinweise zur zukünftigen Gestaltung von Olympia sollten ernst genommen und verwirklicht werden. Die angeführten Punkte erheben jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Herbert Haag

Der Autor ist emeritierter Professor für Sportpädagogik am Institut für Sportwissenschaft der CAU.
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