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Nr. 89, 28.01.2017  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Die Kunst der Auslegung

Es gibt nicht die eine richtige Lesart von Texten, egal ob heilige Schrift oder Paragrafen. Die Hermeneutik bietet Techniken und Ansätze, um den »inneren Sinn« von Texten zu erfassen.


Schon im Mittelalter war es beliebt, wichtige Bibelstellen mit Handzeichen zu markieren, wie hier bei der Monografie »Eyn Sermon von dem sacrament der pusz« von Martin Luther aus dem Jahr 1519. Foto: Unibibliothek

Die Auslegung von Gesetzestexten kann weitreichende Folgen für die betroffenen Personen haben. »Trotzdem müssen wir zu Entscheidungen kommen«, sagt Ino Augsberg, Professor für Rechtsphilosophie und Öffentliches Recht. Die jahrhundertealte Methode der Hermeneutik bietet dafür unterschiedliche Ansätze: »Hermeneutik ist eine geschulte Technik, mit deren Hilfe Texte auf den in ihnen enthaltenen Sinn hin untersucht werden.« Doch die Vorstellung eines sicheren Auslegungsergebnisses sei nicht immer haltbar.

Was der Verfasser oder die Verfasserin anfänglich meinte, lässt sich heute oft nur schwer rekonstruieren. »Wir sind bereits kulturell und historisch geprägt. Diesen Horizont müssen wir uns bewusst machen, weil es eine unaufhebbare Bedingung unseres Verständnisses ist.« So erschien es den Grundgesetz- Kommentatoren noch vor wenigen Jahren fast selbstverständlich, dass mit »Ehe und Familie« nur eine heterosexuelle Partnerschaftsbeziehung gemeint sein könnte. Heute hat sich dieses Verständnis bereits weitgehend gewandelt, nicht zuletzt auch aufgrund des Rechts selbst. Denn durch das Gleichheitsgebot sind wir angehalten, das über­kommene Verständnismodell in Frage zu stellen. Die Hermeneutik wird in vielen geistes­wissen­schaftlichen Fächern angewandt.

Ihre Ursprünge hängen aber eng mit der Interpretation der Bibel zusammen, erklärt André Munzinger, Professor für Systematische Theologie: »Die biblischen Schriften sind interpreta­tionsbedürftig, weil sich ihre Inhalte für Kirche und Gesellschaft nicht von selbst verstehen.« Im Übergang zum 19. Jahrhundert sollte der Verstehensprozess mit der Hermeneutik methodisch abgesichert werden. Heute werde stärker darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht die eine richtige Lesart gibt: »Schon während die Bibel entstand, gab es vielfältige Interpretationen der Schriften, auf die sie sich bezieht. In zweitausend Jahren wurde sie teilweise völlig divergent ausgelegt.«

Das Hohelied der Liebe aus dem 13. Kapitel des 1. Korintherbriefs (1 Kor 13,1–13) handelt bei­spielsweise nach heutigen Erkenntnissen von einem Paar. Früher wurde es häufig als Liebes­geschichte zwischen Gott und den Menschen interpretiert. Eine Annäherung an die ursprüngliche Bedeutung kann mühsam sein, zeigt Munzinger: »Wenn Paulus den Begriff des Gesetzes in seinen Briefen verwendet, müssen wir prüfen, ob er sich auf die hellenistischen oder auf die jüdischen Diskurse bezieht, um die Art seiner Gesetzeskritik besser verstehen zu können.« Dafür werden die Texte von Paulus miteinander verglichen und auch andere Bibelstellen zu Rate gezogen.

Auch in der Rechtspraxis muss genau nachgelesen werden. Beispielsweise die Unverletzlichkeit der Wohnung zeigt: Das Grundrecht schützt Wohnungsinhaberinnen und -inhaber vor Video­überwachung oder Abhöranlagen. »Wir diskutieren dann, ob sich "Wohnung" klar auf die private Lebensführung bezieht oder Geschäftsräume dazugehören können. « Dafür wird beobachtet, wie ein Wort in lebensweltlichen Zusammenhängen verwendet wird. Dort, wo ein Gesetz in mehreren unterschiedlichen Sprachen Rechtsverbindlichkeit besitzt, wie im Recht der Europäischen Union, bietet sich zur Klärung häufig auch ein Sprachvergleich an.

»Am Beispiel der Auslegung des deutschen Tatbestandselements "Wohnung" wird das deutlich: "Home" ist vielleicht noch eindeutiger auf die private Situation bezogen, "domicile" erscheint dagegen im normalen französischen Sprachgebrauch schon sehr viel offener«, meint Augsberg. Letzten Endes ist neben dem Wortlaut die Funktion eines Textes wichtig. Der historische Kontext ist für deutsche Juristinnen und Juristen allerdings weniger bedeutend: »Es gilt das Diktum "Das Gesetz kann klüger sein als seine Väter". Wir wollen den Gesetzestext flexibel halten, damit er auch dann noch passt, wenn sich die Umstände ändern.« So schütze das alte Briefgeheimnis heute auch elektronische Kommunikation.

Im Sommersemester 2016 haben die beiden Professoren ein besonderes Wahlpflichtfach ange­boten. 20 Bachelor-, Master- und Staatsexamenstudierende befassten sich interdisziplinär mit »Hermeneutik in Recht und Religion«. Gemeinsam studierten sie die Klassiker der Hermeneutik von Platon bis zu dem deutschen Philosophen Hans-Georg Gadamer, um die jeweils andere Dis­ziplin besser verstehen zu lernen. »Ich fand es sehr spannend zu sehen, wo Theologie­studie­rende ihre Akzente anders legen, als es Jurastudierende machen würden«, sagt Augsberg. Auch für die Studierenden war es ein interessanter Austausch. Zum Schluss wünschten sich einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Fortsetzung des Kurses mit einer konkreten Fall­bearbeitung. »Bei uns gäbe es sicher Überraschungen, wenn wir den Blick von außen auf unseren methodischen Kanon erhalten«, ist sich Munzinger sicher.

Raissa Nickel

Zum Weiterlesen: Ino Augsberg: Kassiber. Die Aufgabe der juristischen Hermeneutik.
Tübingen 2016.
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