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Nr. 92, 21.10.2017  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Braunalgen mit Potenzial

Seetang, Blasentang, Knotentang – die Ostsee birgt unzählige Arten von Braun­algen. Was diese für die Gesundheit leisten können, erforscht ein deutsch-dänisches Forschungsprojekt systematisch.


Der Blasentang (Fucus vesiculosus) ist eine in der Ostsee weit verbreitete Braunalge. Ihre Inhaltsstoffe sollen für die Medizin nutzbar gemacht werden. Foto: Marion Zenthoefer/CRM

Professorin Alexa Klettner ist vom gesundheitlichen Wert der Braunalgen überzeugt. Als Beispiel führt sie die Bevölkerung Japans an, die in Sachen Lebenserwartung und Gesundheitszustand an der Spitze der Welt steht. Ob das auf deren fisch- und algenreicher Ernährung basiert, ist zwar nicht bewiesen. Unbestritten ist, dass Algen wertvolle Inhaltstoffe besitzen.

»Das ist ein Schatz, der da vor der Küste schwimmt«, sagt die Leiterin des Forschungslabors an der Augenklinik der Uni Kiel. Bisher erfährt dieser Schatz allerdings noch wenig Beachtung. Immerhin die Wellnessbranche setzt mit Meereskosmetik und Thalassotherapie schon länger auf die Wirkung von Algen, die neben Proteinen, Vitaminen und Mineralstoffen eine Fülle weiterer bioaktiver Inhaltstoffe enthalten, und langsam erobern Algen auch die Supermarktregale. Besonderes Augenmerk gilt den sogenannten Fucoidanen, die aus Braunalgen gewonnen werden.

»Fucoidane zeigen verschiedene Eigenschaften, die sie als mögliches Therapeutikum für verschiedene Erkrankungen etwa in der Augenheilkunde oder bei der Gewebezüchtung (Tissue Engineering) interessant machen. Allerdings sind sie als Naturstoffgruppe sehr heterogen.« Diese Heterogenität ist der Ausgangspunkt für das deutsch-dänische Projekt »FucoSan – Gesundheit aus dem Meer« unter der Federführung von Alexa Klettner. »Wir wollen die verschiedenen Fucoidane charakterisieren und deren biologische Aktivität katalogisieren, so dass man anschließend sagen kann, welches Extrakt für welche Anwendung geeignet sein könnte.«

Eine dieser möglichen Anwendungen ist zum Beispiel die Behandlung der altersabhängigen Makula­degeneration (AMD), einer in Deutschland weit verbreiteten Augenerkrankung. Bisher gibt es nur die Mög­lichkeit, mit sogenannten VEGF-Hemmern das Fortschreiten der Erkrankung aufzuhalten. »Durch einen Zufall haben wir entdeckt, dass auch Fucoidan in der Lage ist, den VEGF-Gehalt in den Zellen des Auges zu vermindern«, berichtet Klettner.

Ausgehend davon hat sie in Kooperation mit Professorin Sabine Fuchs aus der Klinik für Unfallchirugie und Orthopädie einige für medizinische Anwendungen interessante Ergebnisse zu Fucoidanen erzielt. Um diese Eigenschaften genauer unter die Lupe nehmen zu können, initierten sie zusammen mit Professorin Susanne Alban vom Pharmazeutischen Institut der CAU und Dr. Levent Piker von der Kieler Firma Coastal Research & Management das Projekt FucoSan, das bis Februar 2020 als InterReg-5a-Projekt von der Europäischen Union gefördert wird. Beteiligt sind außerdem das GEOMAR Helmholz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, die Firma oceanBASIS und dänische Partner von der Technischen Universität Dänemark, der Süddänischen Universität sowie dem Universitätsklinikum Odense.

»Da Fucoidane aus Algen gewonnen werden, können sich die Eigenschaften und Wirkungen unterscheiden, je nachdem, um welche Algenart es sich handelt und wo diese gewachsen ist«, so Klettner. Daher werden verschiedene Algen aus unterschiedlichen Regionen, die zu verschiedenen Zeiten geerntet wurden, untersucht und charakterisiert. Damit sollen später die für viele verschiedene Anwendungsgebiete geeigneten Inhaltsstoffe passgenau identifiziert werden.

Hierzu werden die gewonnenen Algenextrakte zunächst hinsichtlich ihrer chemischen Eigenschaften charakterisiert und anschließend deren biologische Aktivitäten untersucht. Die Wirkungen der Fucoi­dane sind breit gefächert und reichen von antioxidativen Eigenschaften über die Fähigkeit, in die Gefäß­bildung einzugreifen, bis zur Möglichkeit, das Immunsystem zu beeinflussen.

»Wir schauen zum Beispiel in der Zellkultur, ob der Extrakt vor oxidativem Stress schützt, ob er ent­zündungshemmend ist und ob die Funktion meiner Zellen erhalten bleibt«, erklärt die AMD-Expertin Klettner. »Ihre Zellen« sind das retinale Pigmentepithel. Diese äußere Netzhautschicht ist wichtig für die Nährstoffversorgung der Photorezeptoren, Schäden im Pigmentepithel gehen mit der Augenkrankheit AMD einher. Professorin Sabine Fuchs sowie die Partner aus dem Universitätsklinikum Odense in Dänemark interessieren sich für Funktionen der Fucoidane im Hinblick auf Geweberegeneration, und Professorin Susanne Alban untersucht immunologische Effekte der Algenextrakte.

»Das Besondere an unserem interdisziplinären Projekt ist zum einen, dass wir Projektpartner aus der Wissenschaft, der Krankenversorgung und der regionalen Wirtschaft an einen Tisch bringen. Zum anderen zeigen wir, wie gut grenzüberschreitende Zusammenarbeit in Europa funktionieren kann«, betont die Projektleiterin aus Kiel.

Kerstin Nees
Gesundheit aus dem Meer
Das Projekt FucoSan wird als grenzüberschreitendes InterReg-5a-Projekt von der Europäischen Union (Interreg Deutschland-Danmark und dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung) mit einer Gesamtsumme von 2,2 Millionen Euro bis Februar 2020 gefördert. Ziel ist, die Inhaltsstoffe in Braun­algen und deren Eigenschaften in Bezug auf eine zukünftige Kommerzialisierung und Nutzung in der Medizin und Kosmetik zu kartographieren. Hierzu wird eine Datenbank etabliert, die eine Beschrei­bung von bis zu 60 aktiven Inhaltsstoffen in Braunalgen und deren Eigenschaften enthalten soll.

Neben der Klinik für Augenheilkunde und der Klinik für Orthopädie und Unfall­chirurgie des UKSH, Campus Kiel, beteiligen sich auch das Pharmazeutische Institut der CAU, das GEOMAR Helmholz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, die Technische Universität Dänemark (DTU, Dänemark), die Süd­dänische Universität (SDU, Dänemark) sowie das Universitätsklinikum Odense (OUH, Dänemark).

Das Institut für Innovationsforschung der CAU sowie das Mads Clausen Institutet der SDU unter­stüt­zen die Forschergruppe im Hinblick auf eine spätere wirtschaftliche Nutzung der Erkenntnisse. Projektpartner sind darüber hinaus oceanBASIS, ein Unternehmen, das sich auf marine Biotech­no­logie spezialisiert hat und eine eigene Naturkosmetikmarke vermarktet, sowie die Kieler Firma Coastal Research & Management, die für Bereitstellung und Kultivierung der Algen verantwortlich ist. (ne)
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