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Nr. 92, 21.10.2017  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Der angekündigte Untergang

Das paradiesische Inselreich Kiribati im Südpazifik droht im Zuge des Klimawandels zu versinken. Mit welcher Strategie die Regierung des Landes darauf reagiert, um der Bevölkerung eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen, hat die Kieler Sozial­geographin Silja Klepp untersucht.


Foto: Thinkstock

Über kurz oder lang wird es Klimaflüchtlinge geben, daran besteht kein Zweifel. In Folge des Klima­wandels wird nicht nur der Meeresspiegel ansteigen, auch die Intensität und Häufigkeit von Sturmfluten werden nach den Prognosen der Klimamodelle zunehmen und damit heute dicht besiedelte Küsten­regionen unbewohnbar machen. Auf der anderen Seite bedrohen anhaltende Trockenheit und Dürre viele Regionen, zum Beispiel im Nahen Osten oder Afrika, und erschweren der dortigen Bevölkerung das Leben zunehmend.

Vom Meeresspiegelanstieg unmittelbar bedroht ist unter anderem der aus 32 Inselatollen bestehende Staat Kiribati (gesprochen Kiribas) mitten im Südpazifik zwischen Australien und Hawaii. »Laut der Vorhersagen für den Meeresspiegelanstieg werden die Inseln mittel- bis langfristig unbewohnwar sein«, sagt Professorin Silja Klepp vom Geographischen Institut der Uni Kiel. Das könnte schon in 30 Jahren der Fall sein, so die Prognosen, eventuell auch »erst« in 50 Jahren.

Silja Klepp (Mitte) auf dem Markt in Savu Savu, während ihres Foschungs­aufenthalts auf der Insel Vanua Levu, Fidschi. Foto: privat

Während andernorts der Klimawandel noch grundsätzlich infra­ge gestellt wird, ist für die Menschen in Kiribati die Bedrohung bereits jetzt sehr real. Immer wieder setzen schwere Sturm­fluten ihre oft nah am Strand gebauten Häuser unter Wasser und richten große Schäden an. Mehr und mehr Land geht ans Meer verloren. Mit der Korallenbleiche, die ebenfalls mit der globalen Erwärmung zusammenhängt, geht der Fischreichtum verloren. Das Ausbleichen und Absterben der Korallen ist durch steigende Wassertemperaturen mitbedingt. Ganze Riffe, die für Fische Nahrungsquelle und Kinderstube sind, können dadurch zugrunde gehen. Dies erschwert die Fischerei und die Nah­rungs­mittelversorgung.

Hinzu kommt: »Die für die Wasserversorgung essentielle Süß­wasserlinse unter der Insel ist durch die schweren Stürme auch mehr bedroht als früher«, sagt die Ethnologin, die die Arbeits­gruppe Soziale Dynamik in Küsten- und Meeres­gebie­ten leitet. »Kiribati ist ein Land, das sehr stark vom Klimawandel bedroht ist, das aber auch versucht, Lösungen für die eigene Bevölkerung zu finden«, betont Klepp, die etwa ein Jahr in der Region lebte und forschte.

Diese Lösung könnte der langfristige Auszug sein. In Vorbeitung darauf hat die Regierung des Landes eine Migrationsstrategie für alle Bürgerinnen und Bürger entwickelt. Sie heißt »migrate with dignity«, also in Würde migrieren. Die Strategie umfasst Klimaanpassungsprojekte wie den Bau von Dämmen oder das Verlegen von Dörfern aus besonders gefährdeten Gebieten. Im Vordergrund steht aber eine Bildungsoffensive, die der Bevölkerung die Auswanderung erleichtern soll. Neben einer Verbesserung des Englischunterrichts wurden zum Beispiel auch die Abschlüsse technischer Ausbildungen am Kiribati Institute for Technology standardisiert.

Zudem wurde in Kooperation mit Australien ein Programm für die Ausbildung von Krankenschwestern aufgelegt sowie verschiedene Erntehilfeprogramme mit Neuseeland. Für den Fall der Fälle hat die Regierung auch bereits Land auf den Fidschi-Inseln gekauft. »Fidschi hat als einziges Land gesagt, wir würden euch im Notfall aufnehmen, und auch nicht als Flüchtlinge, sondern als pazifische Brüder und Schwestern«, so Klepp.

Mit dieser Aktion sicherte der frühere Präsident nicht nur eine mögliche Zuflucht für sein Volk, sondern er befeuert gleichtzeitig eine grundsätzliche Debatte um neue Rechte und Politiken für Migration infolge von Klimawandel oder Umweltschäden. In verschiedenen, auch internationalen Foren habe er immer wieder auf den Aspekt der »climate justice« gepocht, der Klimagerechtigkeit. Denn Kiribati und eigentlich ganz Ozeanien haben extrem wenig zum Klimawandel beigetragen und sind jetzt sehr stark betroffen. Mit diesem Argument versucht er finanzielle Mittel auszuhandeln und auch die Möglichkeit zu migrieren, und zwar in Würde und nicht als Geflüchtete.

»Das ist wirklich eine große Angst, die die I-Kiribati haben, dass sie eben Flüchtlinge werden, und die haben keine Lobby. In Kiribati betrifft das etwa 110.000 Menschen. Das ist zwar erst einmal nur eine relativ kleine Zahl. Aber ich denke, es ist sehr interessant, überhaupt nach Lösungen zu suchen, die abseits von höheren Mauern und dergleichen sind, wenn man sieht, welche Migrationspolitik auch in der Region gefahren wird oder auch hier in Europa«, erklärt die Wissenschaftlerin, die an der CAU den Schwerpunkt Kiel Marine Science (KMS) verstärkt und deren zweites großes Forschungsthema die Mittelmeermigration ist.

Kerstin Nees
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