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Nr. 92, 21.10.2017  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Zwischen Ekel und Euphorie

Die Therapie mit Körperflüssigkeiten war im alten China und im Mittelalter zur Heilung unterschiedlicher Leiden angesagt. Aus dieser Tradition stammt die Stuhl­transplantation, die gerade ein Comeback in der modernen Medizin feiert.


Die Muthesisusstudentin Anna Carina Lange hat einen Comic zum Thema Stuhltransplantation gestaltet. Das Heft »Bitte sehr. Oh, vielen Dank!« fasst humorvoll und leicht verständlich den aktuellen Stand der Forschung zusammen und wirft einen launigen Blick in die ­Zukunft. Illustration: Anna Carina Lange

Die Stuhltransplantation, also die Übertragung von Stuhl einer gesunden Person in den Darm einer erkrank­ten Person, hat begeisterte Fürsprecher. In Internetforen wird über die Eigenanwendung zu Hause gefachsimpelt. Ein YouTube-Video beschreibt detailliert, wie eine frische Stuhlspende aufbereitet werden sollte, damit sie für eine Stuhlübertragung verwendbar ist. Und ein englischsprachiger Ratgeber preist die Methode als neuen Weg zur Heilung des Körpers. Die in dieser Szene verbreitete Überzeugung ist, dass die so genannte fäkale Mikrobiota-Transplantation (FMT) nicht nur Menschen mit Darmkrankheiten wie zum Beispiel Reizdarm oder chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (Colitis ulcerosa, Morbus Crohn) helfen soll, sondern auch bei Diabetes, Adipositas oder Autismus wirksam sei. Bewiesen ist das noch nicht, aber es wird derzeit auf der ganzen Welt, so auch in Kiel, intensiv daran geforscht.

Erste Hinweise auf eine positive Wirkung bei Diabetes mellitus und Adipositas liefern Studien im Tiermodell. »Mäusen mit Diabetes hat man Stuhl von gesunden Mäusen transplantiert und man sieht, dass die Insulinempfindlichkeit steigt«, sagt Professor Stephan Ott, der Experte für Stuhltransplantation der Klinik für Innere Medizin am UKSH Kiel und Mitglied im Exzellenzcluster Entzündungsforschung. »Auch wenn man dicken und dünnen Mäusen den jeweils komplementären Stuhl verabreicht, sieht man Effekte. Aber das sind alles Tiermodelle. Es gibt noch keine guten Daten, die zeigen, dass das beim Menschen auch funktioniert.«

Bislang gibt es ein einziges allgemein akzeptiertes Anwendungsgebiet, für das der Nutzen des Stuhl­trans­fers in kontrollierten klinischen Studien bewiesen wurde: Das ist eine bestehende oder wieder­kehrende Infektion mit Clostridium (C.) difficile. Dieses Bakterium, das vor allem bei Kranken­haus­patienten und -patientinnen auftritt, verursacht starken Durchfall, der tödlich enden kann, in jedem Fall aber die Betroffenen sehr beeinträchtigt. Studien haben ergeben, dass der Transfer von frischem Stuhl bis zu 90 Prozent der Personen mit wiederkehrenden C.-difficile-Infektionen dauerhaft heilen kann.

Für eine Behandlung werden etwa 50 Gramm frischer Stuhl von gesunden Spenderinnen und Spendern im Labor mit physiologischer Koch­salz­lösung vermischt, homogenisiert, mehrmals gefiltert und als Flüssigkeit ent­weder über eine Sonde direkt in den mittleren Dünndarm verabreicht oder via Darmspiegelung in den Dickdarm gespült. Vor der Therapie wer­den die Beteilig­ten ausführlich aufgeklärt, die Spenderinnen und Spender werden zudem einer umfangreichen Gesundheitsprüfung unterzogen.

Erstaunlicherweise wird die Prozedur gut toleriert, trotz des Ekelfaktors. »Man wundert sich. Die meis­ten Patientinnen und Patienten haben im Grunde kein Problem damit, umso weniger, wenn sie wissen, dass der Stuhl von einem engen Angehörigen stammt«, berichtet der Kieler Experte, der bisher etwa 50 Personen mit Stuhltransplantation behandelt hat. Anfragen hatte er wesentlich mehr. Darunter waren viele Fälle, für die die Behandlung nicht zugelassen ist. »Ich bin da eher ­zurückhaltend. Wir beschränken uns wirklich auf die zugelassene ­Indikation. Das hat uns auch die Ethikkommission so auferlegt.«

Die gute Wirksamkeit von FMT bei der Clostridien-Infektion führt man auf die Wiederherstellung eines gesunden, vielfältigen Mikrobioms zurück. »Das Bakterium Clostridium difficile wird wahrscheinlich deshalb so aktiv, weil die anderen Darmbakterien durch Antibiotikatherapie zerstört wurden. Zwar lässt sich die Infektion mit darmgängigen Antibiotika immer wieder bekämpfen, aber nicht grundlegend. Bei nächster Gelegenheit kann das wieder auflammen. Es geht darum, dass man einmal den Reset-Knopf drückt, das Mikrobiom oder die Diversität wieder herstellt. Dann ist das Problem behoben.«

Bei Erkrankungen, die nur teilweise über die geänderte Zusammensetzung des Darmmikrobioms erklärt werden können, wird das nach Einschätzung des Gastroenterologen daher vermutlich auch nicht so zuverlässig wirken. Hinzu kommt ein ganz praktisches Problem: »Wenn wir eine Stuhltransplantation bei C.-difficile-Infektion machen, reicht meist eine Behandlung. Erkrankungen wie Colitis ulcerosa, Morbus Crohn oder Diabetes sind chronische Erkrankungen. Hier müsste die Stuhltransplantation einmal wöchentlich oder alle zwei Wochen durchführt werden. Das ist in der Praxis schwerlich machbar, auch weil man idealerweise immer denselben Spender bräuchte.«

Kerstin Nees
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